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Jeanne d'Arc: Frankreichs Symbolfigur

Foto: FRED TANNEAU/ AFP

600. Geburtstag von Jeanne d'Arc Sarkozy schnappt sich die Jungfrau

Frankreichs Politiker entdecken plötzlich Jeanne d'Arc wieder, die legendäre "Jungfrau von Orléans". Zu ihrem 600. Geburtstag pilgern sie gen Geburtsort der nationalen Symbolfigur, um ihr zu huldigen. Ganz vorn mit dabei ist Präsident Sarkozy. Seine Mission: Stimmenfang am rechten Rand.

Historische Ikone, nationale Heldin, christliche Heilige: Jeanne d'Arc, geboren angeblich am 6. Januar 1412 in lothringischen Domrémy, zählt zu den symbolträchtigsten Figuren der französischen Geschichte. Die Bauerntochter führte im 15. Jahrhundert die Truppen ihres Landes gegen die verhassten Engländer, bevor sie verraten und 1431 als Ketzerin auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Von der Kirche als Märtyrerin rehabilitiert, gehört sie stets auch zum Inventar der laizistischen Republik - besonders jetzt, vier Monate vor den anstehenden Präsidentenwahlen.

Die "Jungfrau von Orléans" ist mit Gemälden und Statuen in vielen Rat- wie Gotteshäusern als fromme Feldherrin verewigt, wurde in Schulbüchern, Romanen, Bühnenstücken oder Filmen zum Idol erhoben. Politiker bemühten den Mythos Johanna in der Vergangenheit immer wieder gern, um Identität zu stiften und an alte Traditionen zu appellieren.

Dasselbe gilt - wenigstens während der Wahlkampfzeit - auch heute noch: Wenn Präsident Nicolas Sarkozy am Freitag die Heimat der Jeanne d'Arc besucht, dann geht es dem Staatschef nur vordergründig um die 600-Jahr-Feier des - historisch ziemlich umstrittenen - Geburtstags. Der Staatschef, der derzeit landauf, landab das Wahlvolk mit den sogenannten "Neujahrswünschen" beehrt, nutzt die Feierlichkeiten, um sich mit einer intellektuell tiefgründigen Ansprache selbst als oberster Schutzpatron nationaler Belange zu empfehlen: Er zielt damit in erster Linie auf die wertkonservativen Wähler und die Parteigänger des rechtsextremen Front National (FN).

Eingefleischten Patrioten gilt Sarkozy als zu Europa-freundlich

Mit deren Stimmen war Sarkozy 2007 an die Macht gekommen. Seither hat der Rückhalt just in diesen Anhängerschichten jedoch stark nachgelassen: Von bodenständigen Bürgern in der Provinz hat sich der Staatschef mit seinem wenig präsidialen Regierungsstil entfremdet, eingefleischten Patrioten gilt er als zu Europa-freundlich, und fanatischen Ideologen des FN ist etwa der Anti-Immigrationskurs Sarkozys längst nicht hart genug.

Seit obendrein François Hollande, Präsidentschaftsanwärter der Sozialistischen Partei (PS) und Favorit in den Umfragen, diese Woche mit harten Bandagen den Wahlkampf gegen Sarkozy eröffnete, ist der Staatschef gleich mehrfach unter Druck. Da Sarkozy angesichts von Wirtschaftsmisere, steigender Arbeitslosigkeit und schleichendem Kaufkraftverlust bei den sozial schwachen Schichten derzeit schwerlich punkten kann, gilt es also zunächst, die Wähler des rechten Spektrums zu umgarnen. Gerade dort ist dem Hausherrn des Élysée mit Marine Le Pen politisch brisante Konkurrenz entstanden: Die FN-Chefin erhielte nach den Erhebungen der Meinungsforscher beim ersten Wahlgang beachtliche 14 bis 19 Prozent.

Der Appell an die patriotischen Gefühle ist also überfällig. Und nach den markigen Forderungen an die Konsumenten, fortan Produkte aus heimischer Produktion vorzuziehen, ist jetzt heimatkundliche Stimmungsmache angesagt. Bislang pflegte nämlich eher die Führung des Front National das inbrünstige Gedenken an die Jungfrau. Umso wichtiger, dass deren Gedenktag nun auch Sarkozy Gelegenheit gibt, sich mit sentimentalen Parolen und gefühlsbetonten Verweisen an die historische Größe der Nation zu profilieren - verbunden mit dem markigen Aufruf an Einheit, Solidarität und Schulterschluss in Zeiten der Not.

Und der Staatschef belässt es am Freitag nicht beim Abstecher in den Geburtsort; anschließend besucht er Vaucoulerus im Departement Meuse, wo die gottesfürchtige Kämpferin 1429 ihren legendären Feldzug begann. Sarkozy beschließt seine Wallfahrt in Orléans, dessen Befreiung Jeanne ihren Beinamen bescherte. So durchsichtig das wahltaktische Manöver auch sein mag - vor Ort rechnet man damit, dass sich die Anwesenheit des Präsidenten positiv auswirkt. Der Bürgermeister von Domrémy freut sich bereits auf einen kräftigen Anstieg der Touristenzahlen aus dem In- und Ausland.

Den Front National ficht die feindliche Übernahme der eigenen Ikone wenig an. Einen Tag nach der patriotischen Pilgerfahrt des Präsidenten ruft die Formation von Parteigründer Jean-Marie Le Pen zum Gedenken vor der vergoldeten Statue der Jungfrau am "Place des Pyramides": Die Feier unweit von Louvre und den Tuillerien-Gärten gilt, so die Ankündigung, der "heiligen Heroin und Märtyrerin, dem Symbol des französischen Vaterlandes".

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