9/11-Hinterbliebene "Ich fühle mich nicht besser, weil Bin Laden tot ist"

Carie Lemack verlor ihre Mutter bei den Anschlägen vom 11. September 2001 - und ist noch heute fassungslos über den öffentlichen Umgang mit der Katastrophe. Jeder kenne die Namen der Täter, klagt sie im Interview, doch die meisten Opfer seien längst vergessen. 

Carie Lemack: "Das Trauma ist sehr gegenwärtig"
REUTERS

Carie Lemack: "Das Trauma ist sehr gegenwärtig"


SPIEGEL ONLINE: Frau Lemack, Ihre Mutter saß in der Maschine des American-Airline-Flugs 11, die Terroristen am 11. September 2001 in den Nordturm des World Trade Centers steuerten. Nach den Anschlägen zeigten Fernsehsender weltweit immer wieder, wie die Flugzeuge in die Türme krachten. Sie wehren sich gegen die Wiederholung der Bilder. Warum?

Lemack: Ich will mir nicht immer wieder im Fernsehen ansehen müssen, wie meine Mutter stirbt. Das ist nicht auszuhalten und überschreitet eine Grenze. Es werden in den USA auch keine Hinrichtungen im Fernsehen gezeigt - und die Bilder, auf denen die Flugzeuge in das World Trade Center fliegen, zeigen nun einmal den Mord an Tausenden.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich Ihre Trauer in den vergangenen zehn Jahren verändert?

Lemack: Nein, der Schmerz bleibt gleich. Und auch die Konsequenzen, die ich aus dem Terror ziehe, sind für mich geblieben. Von Anfang an war mir klar, dass ich etwas tun muss, um zu verhindern, dass solche Anschläge noch einmal passieren. Ich wollte, dass meine Mutter nicht umsonst gestorben ist. Deshalb habe ich die Organisation "Families of September 11th" gegründet und mich politisch dafür eingesetzt, dass die 9/11-Kommission ins Leben gerufen wird. 2008 wurde ich von der Uno eingeladen, um für die Terroropfer zu sprechen. Dort habe ich andere getroffen, die Familienmitglieder bei den Terrorattacken verloren hatten, und ich habe gemerkt, wie schwach unsere Stimmen sind.

Mein Leben nach 9/11

Was der 11. September 2001 verändert hat - Betroffene berichten

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Lemack: Es wird immer nur über die Terroristen berichtet, wir hören kaum die Opfer. Aber wir brauchen dringend eine starke Terror-Opposition, Menschen und Organisationen, die immer wieder für die Opferseite sprechen, die klarmachen, wie schrecklich Terror ist und wie sehr weltweit Tausende Hinterbliebene darunter leiden, dass sie ihre liebsten Menschen für immer verloren haben. Wir müssen uns insbesondere dort Gehör verschaffen, wo Menschen mit Terroristen sympathisieren.

SPIEGEL ONLINE: Aber Medien müssen über die Täter berichten, auch um aufzuklären und vor Radikalisierung zu warnen.

Lemack: Ja, aber es muss ausgewogen bleiben. Uns allen fällt doch der Name eines Terroristen ein, sei es Bin Laden, sei es Sawahiri, sei es Mohammed Atta. Aber wer kennt schon die Namen der Opfer? Das ist doch falsch. Diejenigen sollten die Aufmerksamkeit bekommen, die noch immer unter den Anschlägen leiden. Die Mörder verdienen es einfach nicht, so im Mittelpunkt zu stehen.

SPIEGEL ONLINE: Fast 3000 Menschen starben bei den Anschlägen vom 11. September - Zehntausende Angehörige blieben zurück. Wie präsent sind die Terroranschläge noch in New York?

Lemack: Bei den Angriffen starben Menschen aus allen 50 US-Bundesstaaten. Es ist und bleibt eine Sache von nationaler Bedeutung, nicht nur eine New Yorker Angelegenheit. Zum Beispiel kamen 206 Menschen aus Massachusetts, meinem Heimatstaat ums Leben. Für diese Gegenden, die so schwere Verluste erleiden mussten, ist das Trauma der Attacken sehr gegenwärtig.

SPIEGEL ONLINE: Gab es für Sie Trost in dieser Zeit?

Lemack: Trost gibt es kaum, aber ich halte den Schmerz besser aus, wenn ich dafür kämpfe, dass das Vermächtnis meiner Mutter eines ist, in dem die Welt besser ist. Meine Mutter hat mir beigebracht, Teil der Lösung und nicht Teil des Problems zu sein. Es reicht nicht festzustellen, dass etwas falsch ist, man muss es dann auch ändern.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Dokumentarfilm "Killing in the name of" über Terroropfer war für den Oscar nominiert, Sie haben mit Überlebenden und Hinterbliebenen von Anschlägen auf der ganzen Welt gesprochen. Was verbindet diese Menschen?

Lemack: Der überwältigende Wunsch aller Überlebenden ist, dass so etwas nie wieder passiert - jeder von ihnen wurde auf brutale Weise aus seinem bisherigen Leben gerissen. Niemand möchte so etwas erleben. Die Macht des Terrors bleibt weltweit gleich, in allen Kulturen, in allen Religionen.

SPIEGEL ONLINE: Qaida-Chef Bin Laden wurde im Mai in Pakistan von US-Spezialkräften erschossen - in den USA haben Menschen auf der Straße über seinen Tod gejubelt.

Lemack: Ich fühle mich nicht besser, weil Bin Laden tot ist. Bin Laden hat Leid und Schmerz über die Welt gebracht - aber sein Tod ändert nichts. Schließlich ist der Mord an meiner Mutter geschehen, ich kann nicht mit ihr sprechen, sie kann mich nicht in den Arm nehmen oder Teil meines Lebens sein, so wie ich es mir gewünscht habe.

Das Interview führte Anna Reimann

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