9/11-Jahrestag Die demoralisierte Nation

9/11 hat Amerika verändert. Ein letztes Mal bäumte sich die Supermacht auf und versuchte, die Welt mit Gewalt nach ihrem Bild zu formen. Nun wird Barack Obama als Präsident in die Geschichte eingehen, der zwei falsche Kriege beendet und den Niedergang der Nation verwaltet.
Terroranschläge vom 11.September 2001: Die Welt hat sich im Kreis gedreht

Terroranschläge vom 11.September 2001: Die Welt hat sich im Kreis gedreht

Foto: HUBERT MICHAEL BOESL/ EPA

Der 11. September war der Tag, auf den ich mich besonders gefreut habe. Ich war seit drei Wochen in Amerika, ich hatte mir einen Traum erfüllt und war, nicht mehr ganz jung, Korrespondent in der Hauptstadt der Weltmacht geworden. Die Bilder hingen noch nicht an den Wänden, der Fernsehapparat funktionierte noch nicht, was sich an diesem Tag noch als Problem erweisen sollte. Die Sonne schien, ein fabelhafter Spätsommertag. Wie schön, wie gut, wie seelenerhebend.

Die ganze Stadt, das ganze Land war gespannt, ob er es wahrmachen würde. Er war der größte Basketballspieler aller Zeiten, 38 Jahre alt, und er wollte der Nation sein zweites Comeback mitteilen. Er war Michael Jordan und er lebte, wie ich, in Washington. Er hatte eine Pressekonferenz einberufen. Er würde es tun. Die Welt war rund.

Ich wusste auch, bei wem es sich um Osama Bin Laden handelte, aber mir widerstrebte es, tiefer in seine Biografie einzusteigen. In früheren Jahren hatte ich viel über Terrorismus geschrieben, den deutschen Terrorismus, ein trostloser Teil meines Metiers: finstere, fanatische Gestalten, die ihr Leben geben und dabei möglichst viele Menschen in den Tod reißen. Damit wollte ich nichts mehr zu tun haben. Welch ein Irrtum!

Der blaue Himmel über New York und Washington. Die Flugzeuge, die Einschläge. Menschen, die aus den Türmen in die Tiefe springen, im letzten Akt der Freiheit, einen anderen Tod zu wählen als das Verbrennen. Der Präsident, der grotesk über Amerika kreist, das einzige Flugzeug, das noch am Himmel sein darf. Die Verwandlung von George W. Bush aus einem Tagträumer in einen Kriegspräsidenten, der zwei Kriege führt, einen verständlichen und einen verlogenen. Totalitäre Inseln im denkbar freisten Land.

Die Beherrschung der Welt ist der Traum vieler Amerikaner

Amerika hat sich nach 9/11 verändert und manchmal habe ich gedacht, es hat sich zur Unkenntlichkeit verändert. Die Frömmigkeit ist noch immer die Wurzel der Demokratie. Das Denken in Gut und Böse schafft Gräben, die wir in Europa nicht kennen. Der Krieg ist jederzeit ein Mittel der Politik und die Beherrschung der Welt der Traum vieler Amerikaner, nicht allein der Neokonservativen, die nach 9/11 die kulturelle Hegemonie übernahmen.

Amerika war für mich immer das Land, das meinem Land, trotz Hitler, trotz Auschwitz, trotz Weimar, die Demokratie verordnet hat. Ein großzügiger Sieger, eine großzügige Weltmacht. Es hätte ganz anders weitergehen können nach 1945, zum Beispiel so, wie es nach 1918 weitergegangen ist.

Mein Blick auf Amerika hat sich durch die Erlebnisse nach 9/11 verändert. Amerika ist für mich noch immer ein ungeheuer schönes Land, in dem die klügsten Menschen leben und lehren, die man auf Gottes Erdball finden kann. Es stimmt natürlich immer noch, dass diese Weltmacht im Ersten und im Zweiten Weltkrieg Europa vor der Selbstzerstörung bewahrt hat. Aber nach 1945?

Falsche Kriege am falschen Ort mit falschen Begründungen

Nach 1945 hat Amerika eigentlich nur noch falsche Kriege am falschen Ort mit falschen Begründungen geführt. Da sind zwei McCarthy-Kriege, in Korea und Vietnam. In Korea wollten die Alleinherrscher im Norden und Süden unbedingt übereinander herfallen. Weder die Sowjetunion noch Amerika verspürten große Lust, schon wieder Krieg zu führen, fünf Jahre nach Ende des schrecklich verlustreichen Zweiten Weltkriegs. Amerika hatte abgerüstet, die Armee war gar nicht einsatzbereit. Aber es lockte ein hübscher Stellvertreterkrieg, bei dem sich die bipolaren Weltmächte messen konnten.

Am Ende war der Blutzoll für Amerika grausam hoch. Die Sowjetunion hielt sich im Hintergrund, doch das gerade geeinte China kam Nordkorea zur Hilfe. Der Grund war damals derselbe wie heute: China möchte unter allen Umständen Amerika von seinen Grenzen fern halten, und die verrückte Familie Kim darf deshalb an der Macht in diesem Hungerreich überleben.

Joseph McCarthy war ein Senator, vor allem aber der übelste antikommunistische Hetzer, den man sich vorstellen kann. Ein Hysteriker, der sein Land Anfang der fünfziger Jahre hysterisieren konnte. Nach ein paar Jahren verschwand er in der Versenkung, aber er hat Spuren gezogen, auch in der Außenpolitik. Er war der Gegenspieler von George Kennan, der kühlen Pragmatismus gegenüber dem Kommunismus empfahl: Eindämmen des Einflusses, anstatt sinnloser Kriege. McCarthy gewann, Kennan verlor.

Vietnam war die Steigerung des Korea-Krieges: die Dominotheorie, wonach erst Vietnam fällt, dann der Rest in Südostasien; die horrende Angst vor der Schlagkraft und der Weitsicht der Männer in Moskau und Peking, die doch in Wahrheit zuerst und zuletzt Rivalen waren. Danach war Amerika ein demoralisiertes Land, irre geworden an der Welt, die sich der Weltmacht entzog.

Falsche Kriege am falschen Ort zur falschen Zeit.

Amerika tappte in die Falle Afghanistan

Auch Afghanistan fällt in diese Rubrik. Das ist ein Land, das sich erobern, aber nicht beherrschen lässt, weshalb die Eroberer früher oder später wieder abziehen. Amerika tappte in die Falle und steht damit in einer langen Reihe.

Natürlich führte mich der Irak-Krieg dazu, anders auf die früheren Kriege zu schauen. Die Neokons wollten alles richtig machen und stellten vieles auf den Kopf. Die Dominotheorie würde ihnen in die Hände spielen, glaubten sie: erst Irak, dann Syrien etc. Sie wollten die Welt verändern, offensiv, und nicht defensiv irgendeine Ideologie aufhalten. Es war das letzte Mal, vermutlich, dass Amerika seinem historischen Auftrag nachkommen wollte, die Welt nach seinem Bild zu formen.

Heute wissen wir, es war das letzte Aufbäumen der Weltmacht. Es war ein Drama, und der schicksalsträchtige Wendepunkt liegt hinter uns. Barack Obama, wie schade, muss den allmählichen Niedergang verwalten. Er wird als Präsident in die Geschichte eingehen, der zwei Kriege beendet, in Afghanistan und dem Irak. Vermutlich auch als der Präsident, dem es nicht gelang (und der auch daran gehindert wurde), sein Land aus der Rezession zu führen.

9/11 und die Folgen haben meinen Blick auf Amerika verändert. Zehn seltsame Jahre, die Welt hat sich im Kreis gedreht. Die arabische Revolte findet aus ganz anderer Wurzel statt. Ist auch sie eine Folge von 9/11? Mal schauen, wie wir in zehn Jahren darüber denken.

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