9/11-Prozess in Guantanamo Bay Terrorscheich nutzt Gerichtssaal als Propagandabühne

Plötzlich war es der Angeklagte, der die Fragen stellte, und der Richter musste sie abwimmeln: 9/11-Mastermind Chalid Scheich Mohammed sucht beim Prozess in Guantanamo die große Show - und bekommt sie. Geschickt testet er die Grenzen des Gerichts aus und erhebt Foltervorwürfe gegen die USA.

Aus Guantanamo Bay berichtet


Mit dem Leben mag er abgeschlossen haben. Doch der Kampfgeist der Dschihadis gegen alle Feinde des Islams, der Hass gegen den Westen - all das brennt noch in Chalid Scheich Mohammed.

Es war gegen 9.30 Uhr, kaum hatte der mutmaßliche Chefplaner der Anschläge am 11. September 2001 am Dienstag im Gerichtssaal im "Camp Justice" das Wort erhalten, da brach es aus ihm heraus. "Wir sind Dschihadis wie unsere Brüder in Afghanistan und im Irak", blaffte er mit erhobenem Zeigefinger. Der Kampf gegen die "Besatzer unserer Länder", postulierte der nur noch als KSM bekannte Terrorverdächtige, werde im Sinne von Osama Bin Laden weitergehen. Ganz egal, ob er und seine Brüder getötet werden.

Der Dienstag in Guantanamo, es war der Tag von KSM. Geschickt nutzte er die Routine des voir dire, bei dem die Angeklagten den Richter zu seiner möglichen Befangenheit befragen können, um den Jahrhundertprozess vor seinem wirklichen Beginn praktisch umzudrehen. Plötzlich war es KSM, der die Fragen stellte. Der Militärrichter musste antworten. Vor allem aber musste er zuhören.

Rechtlich ist dies Routine. Dass der Richter alle Fragen abwimmeln konnte, am Ende selbst entscheidet, dass er nicht parteiisch ist, störte KSM kaum. Er wollte die Show und er bekam sie. Ohne große Anstrengung verwandelte er den Saal in seine Bühne.

Die bärtige Angeklagte, er erfüllte seine Rolle als Chef der Verschwörer. Gut vorbereitet und energiegeladen gab er einen Vorgeschmack auf den weiteren Verlauf des Prozesses. Dass Chalid Scheich Mohammed noch immer der Anführer der Gruppe ist, hatte er schon am Montagabend bewiesen. Ein Brief von ihm reichte, um seinen zuerst unwilligen Komplizen Ramzi Binalshibh, den mutmaßlichen Anführer der Hamburger Zelle, aus seiner Zelle in den Gerichtssaal zu locken.

Doch Binalshibh, der im Gegensatz zu Aufnahmen vor seiner Festnahme 2002 aufgedunsen und verwirrt wirkte, spielte am Dienstag nur eine Nebenrolle. Der Jemenit schien bei seinen Aussagen, er traue seinen Anwälten nicht, gehetzt, fast paranoid. Ob die Juristen ihn überhaupt vertreten können, blieb unklar. Zunächst soll ein Gutachten über seinen Geisteszustand erstellt werden.

"Wie können Sie unparteiisch sein?"

KSM aber stellte den Richter Ralph Kohlmann auf eine harte Probe. Mehr als zwei Stunden lang befragte er den Militärjuristen, warf ihm immer wieder vor, dass er parteiisch und für den Prozess ungeeignet sei.

"Wie können Sie als Mitglied der U.S. Marines über mich urteilen", fragte KSM in gutem Englisch, "wie können Sie unparteiisch sein in ihrer Position?" Fast feixend gefiel sich KSM dabei, die Hauptkritikpunkte an dem Verfahren auf den Tisch zu bringen.

Geschickt testete der Hauptangeklagte die Grenzen des Terrorgerichts aus. Mehrmals erwähnte er in längeren Vorträgen, dass er und seine Komplizen gefoltert worden seien. Er benutzte gar das Wort waterboarding - eine der umstrittensten Foltermethoden, die gegen Terrorverdächtige angewendet wurde.

Es war ein weiteres ungewöhnliches Detail des Prozesses auf der Gefangenenbasis Guantanamo Bay, diesem mittlerweile notorischen Symbol für die Inhaftierung von Terrorverdächtigen ohne jede Rechte. Erstaunlich, dass solche Praktiken überhaupt offen vor einem Gericht erwähnt werden. In Guantanamo Bay, im sogenannten "Camp Justice", aber gingen die Ausführungen ohne großes Aufsehen durch. Erst, als KSM das Wort CIA erwähnte, schritt der Zensor ein und blockte die Übertragung in den Zuhörersaal.

Selbst die Religion des Richters nutzte KSM für seine Zwecke. Er quetschte ihn aus, ob er vielleicht einer radikalen christlichen Sekte angehöre, die den Islam verachte. Ganz plötzlich jaulte da auch Ramzi Binalshibh auf. "Kohlmann ist doch ein jüdischer Name, oder?", fragte er in den Gerichtssaal. Kohlmann blieb erstaunlich gelassen. Trocken bekundete der Richter, dass die Angeklagten völlig falsch lägen.

Der Tag reihte sich in die Serie von teils absurden Verhandlungen in einen der wichtigsten Prozesse der US-Geschichte. Die noch amtierende Regierung in Washington würde die Verschwörer am liebsten noch in ihrer Amtszeit zum Tode verurteilen lassen. Doch ob das Verfahren offiziell überhaupt anfängt, bis eine neue Regierung im Amt ist, erscheint fraglich. Formale Probleme mit Übersetzungen, dem unklaren Geisteszustand eines Angeklagten und vielen anderen offene Fragen begleiten den Prozess und machen eine zügige Beweisaufnahme unwahrscheinlich.

So klar die Beweislage gegen Chalid Scheich Mohammed und seine vier Komplizen auch sein mag, so ungewiss ist der Fortgang des Verfahrens. Am Dienstag wurde erstmals bekannt, dass der Vorsitzende Richter schon bald seinen Posten räumen wird. Die Verteidigung wird dann vielleicht einen kompletten Neuanfang des verfahrenen Prozesses verlangen.

Chalid Scheich Mohammed interessiert dies eher am Rande. Er kümmerte sich am Ende des Tages weiter um seine politischen Einwürfe. Wegen der Fastenzeit Ramadan, so erklärte er wie immer lächelnd, wolle er alle weiblichen Prozessteilnehmer bitten, sich beim nächsten Termin islamisch bedeckt zu kleiden.



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