Rücktritt von Boliviens Präsident Morales Sturz eines Idols

Evo Morales sorgte für Stabilität in Bolivien. Jetzt wurde der Präsident vom Militär zum Rücktritt gezwungen. Sein Land hat er ins Chaos gestürzt, weil er um jeden Preis an der Macht bleiben wollte.

Juan Karita/AP/ DPA

Eine Analyse von , Mexiko-Stadt


Wenn das Militär einen demokratisch gewählten Präsidenten vorzeitig zum Rücktritt drängt wie jetzt in Bolivien, nennt man das normalerweise einen Putsch. Doch was ist, wenn eine Volksbewegung den Sturz des Präsidenten unterstützt, weil er seine jüngste Wiederwahl einer Manipulation an den Urnen verdankt?

Nicht nur Bolivien ist über diese Fragen gespalten, der Konflikt zerreißt ganz Lateinamerika. Der vom Militär erzwungene Rücktritt des linken Präsidenten Evo Morales hat Bolivien in ein institutionelles und politisches Chaos gestürzt. Zwischen den überwiegend der Mittelschicht angehörenden Morales-Gegnern und den sozialen Bewegungen, die ihn unterstützen, hat sich eine unüberwindbare Kluft aufgetan.

Morales hat selbst dazu beigetragen: Er hat wider die Verfassung gehandelt, als er im Oktober zum vierten Mal zur Wahl antrat. Die Auszählung der Stimmen war manipuliert, befand die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) am Sonntag. Der erste indigene Präsident in der Geschichte Boliviens hatte sich im Amt zum Autokraten gewandelt.

Video: Morales' Rücktrittsankündigung im O-Ton

REUTERS

Morales hätte als großer Präsident in die Geschichte Boliviens eingehen können, wenn er nach drei Mandaten auf eine erneute Wiederwahl verzichtet hätte. Aber sein Machttrieb war stärker. Nach Venezuela und Nicaragua ist Bolivien jetzt die dritte Demokratie in Lateinamerika, die von innen zerstört wird, weil ein linker Caudillo sich an der Macht verewigen will.

Im Falle Boliviens ist dies besonders tragisch, weil Morales seinem Land eine der längsten Phasen politischer Stabilität und wirtschaftlichen Wohlergehens seiner Geschichte beschert hatte. In den fast 14 Jahren seiner Amtszeit hat er das bettelarme Land im Herzen Südamerikas, das früher durch Militärputsche und eine enorme soziale Ungleichheit geprägt war, stabilisiert.

Fotostrecke

8  Bilder
Bolivien: Jubel über den Rücktritt

Durch eine kluge Wirtschaftspolitik, die die Reichtümer des rohstoffreichen Landes neu zu verteilen suchte, hat er die sozialen Abgründe im Land verringert - viele sahen in ihm deshalb ein Vorbild.

Gefährliches Machtvakuum

Die indigene Bevölkerungsmehrheit, die jahrhundertelang unterdrückt wurde, wurde unter Morales erstmals politisch und wirtschaftlich integriert. Jetzt hat er aus Arroganz und Machtbesessenheit dazu beigetragen, dass diese Errungenschaften im Strudel des politischen und wirtschaftlichen Chaos untergehen.

Carlos Mesa: Ihm ist die Kontrolle über die Protestbewegung entglitten
Aizar RALDES / AFP

Carlos Mesa: Ihm ist die Kontrolle über die Protestbewegung entglitten

Saubere Wahlen unter internationaler Aufsicht wären ein erster Schritt zur Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse. Aber es ist naiv anzunehmen, dass Wahlen ausreichen, um das Land zu stabilisieren, zumal die Opposition Morales von einer erneuten Kandidatur ausschließen möchte.

Morales' Rücktritt hat ein gefährliches Machtvakuum hinterlassen, denn auch der Vizepräsident und die Präsidenten von Senat und Abgeordnetenhaus haben ihre Ämter niedergelegt. Mächtige politische und wirtschaftliche Interessengruppen nutzen das Chaos aus.

Während der Proteste in den vergangenen Wochen sind ethnische, regionale und wirtschaftlich Konflikte wieder aufgeflammt, die unter Morales zeitweise überwunden schienen. Bei den Wahlen im Oktober lag Carlos Mesa an zweiter Stelle, ein Historiker und Journalist, der der alten Elite von La Paz angehört. Vermutlich hatte er genug Stimmen, um Morales in eine Stichwahl zu zwingen, die dieser voraussichtlich verloren hätte - deshalb, so der Verdacht, haben Morales' Anhänger die Auszählung manipuliert.

Mesa gilt als integrer und aufrechter Intellektueller, doch ihm ist die Kontrolle über die Protestbewegung entglitten. In der Opposition tobt nun ein Machtkampf zwischen demokratischen und ultrareaktionären Gruppen, die ihren Sitz in der Wirtschaftsmetropole Santa Cruz haben. Rechte Demagogen wittern ihre Chance, das politische System zu kapern.

Bolivien war immer zerrissen zwischen dem von Indigenen beherrschten Hochland mit dem Regierungssitz La Paz und der von Großfarmern und Industriellen beherrschten Tiefebene mit der heimlichen Hauptstadt Santa Cruz. Dieser Konflikt ist mit dem Sturz Morales' wieder aufgebrochen.

Streit zwischen Tiefland und Hochebene

Die Elite von Santa Cruz steht wirtschaftlich und gesellschaftlich den Farmern im benachbarten Brasilien und dessen ultrarechtem Präsidenten Jair Bolsonaro näher als der alten bürokratischen Herrschaftsschicht von La Paz. Auf die von Morales favorisierten sozialen Bewegungen und Indigenen blicken sie mit Hass und Verachtung. Ihr Anführer ist Luis Fernando Camacho, der Präsident des Bürgerkomitees von Santa Cruz.

Er wolle "weder Mesa noch Morales", verkündete er vor wenigen Tagen. Camacho strebt eine Notstandsregierung aus Militärs und Polizei an - damit wäre der Weg in die Diktatur vorgezeichnet.

Der Streit zwischen Tiefland und Hochebene hatte Bolivien vor zehn Jahren schon einmal an den Rand eines Bürgerkriegs geführt. Die Farmer von Santa Cruz hatten damals Milizen aufgestellt, auch Morales' Anhänger waren nicht zimperlich. Seine Machtbasis ist die Gewerkschaft der Kokabauern, deren Anführer er früher war.

Sie haben Morales jetzt Zuflucht geboten. Am Sonntag hatte er sich in die Koka-Anbauregion von Cochabamba geflüchtet, eine Hochburg seiner Anhänger. Mexiko hat ihm Asyl angeboten, doch er will offenbar in Bolivien bleiben und für seine Rückkehr an die Macht kämpfen.

Morales muss in die Suche nach einer politischen Lösung eingebunden werden, sonst kommt Bolivien nicht zur Ruhe. Er hat schon einmal bewiesen, dass er das Land tagelang lahmlegen kann, wenn er es für nötig hält: Im Jahr 2005 blockierten seine Anhänger so lange die Straßen, bis der amtierende Präsident Carlos Mesa entnervt den Rücktritt erklärte.



insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Direwolf 11.11.2019
1. Immerhin macht er nicht den Maduro
Morales hat über Jahre die Mehrheit vertreten. Das er - oder seine Partei - den Abschied von der Macht durch Betrug verhindern wollte ist traurig, aber am Ende geht er nun doch. Das war nicht demokratisch perfekt, aber doch sehr viel besser, als zB sein Verbündeter Maduro in Venezuela, der einfach das gewählte Parlament weggeputscht hat.
mantrid 11.11.2019
2. Selbst-Sturz
Morales hätte als großer Präsident in die Geschichte eingehen können und hat durch Machtversessenheit sich selbst von einem möglichen Denkmal gestürzt. Demokratie lebt vom Wechsel. Ein friedlicher Machtübergang wäre ein gutes Signal gewesen. Hoffentlich gewinnt die Vernunft in Bolivien, so dass geordnete, friedlich, demokratische Prozesse wieder einkehren können.
Emderfriese 11.11.2019
3. Frei
Ein guter, ausgewogener Artikel von Herrn Glüsing, der vor allem auch die komplizierten Hintergründe ausleuchtet. Die gestern von vielen Schreibern hier versimplifizierte Darstellung eines generellen Volksaufstandes gegen Morales darf damit als falsch bezeichnet werden. Man muss gespannt sein, ob die radikale Opposition eine freie Wahl zulässt - und welche Kraft (die ja nicht Evo Morales heißen muss) die Oberhand behält. Die Fortsetzung der sozialen Politik des alten Präsidenten ist wohl Vorbedingung für eine weitere freie, demokratische und soziale Entwicklung.
butzibart13 11.11.2019
4. Ein linkes Idol fällt
Ganz so einfach ist es nicht. In Nicaragua herrscht ein Altlinker, aber zum Kapitalisten gewordener Diktator und n Venezuela ein schlichtweg kriminelles Regime von Machtsüchtigen, während das Volk nichts zu sagen hat. Immerhin hatte Morales den Anstand zurückzutreten, was Ortega und Maduro nicht in den Sinn kommt. Er war mit seinem doch gemäßigtem Sozialismus einigermaßen erfolgreich, hat aber es versäumt, den Weg für einen anderen frei zumachen und ob ein Carlos Mesa das schafft genauso wie eine Militärdiktatur, für die Bolivien ja auch berüchtigt war, erscheint fraglich. In Argentinien und ggf. Chile weht der Wind wieder nach der anderen Seite. Für Leute, auch in Deutschland, die ein bisschen progressiv in Richtung Sozialismus denken, ist Bolivien ein Rückschritt
Ichbines2 11.11.2019
5. Irgendein Populist,
der dann auch eine Politik àla Bolsonaro macht, wird sich schon finden lassen. Über den wird dann auch ein bisschen gelästert, aber letztlich wird er hofiert.und von den Medien besser beurteilt...so ist es eigentlich immer. Wer mehr über Medienstruktur und daraus folgende Berichterstattung lesen möchte, ist gut bedient mit dem Buch "Der größte Crash aller Zeiten"...….
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.