Kongo Rebellengeneral Nkunda feilt an seinem Image

Seine Truppen gelten als ebenso diszipliniert wie grausam. Doch der umstrittene Rebellengeneral Laurent Nkunda, der große Teile des Ostkongo beherrscht, arbeitet an einem Imagewechsel. Sein erster öffentlicher Auftritt beweist: Er will Staatsmann sein.

Aus Rutshuru berichtet


Er hat sich jahrelang rar gemacht. Ein paar wenige Interviews, meistens per Telefon, die Fernsehbilder kamen überwiegend aus dem Archiv. Wer ihn aufsuchen wollte, musste tief in den kongolesischen Busch.

Die Regierung in Kinshasa würde ihn am liebsten wegen seiner Kriegsverbrechen vor den Internationalen Gerichtshof zerren, und an den grundsätzlichen Vorwürfen gegen den Tutsi-General Laurent Nkunda, 41, und seine Leute hat sich nichts geändert.

2004 hat er Bukavu am Südufer des Kivu-Sees traumatisiert zurückgelassen, nachdem seine Truppen ein Wochenende lang plündernd, vergewaltigend und mordend durch die Straßen gezogen waren. Im vergangenen Januar soll er ein Massaker in einem Dorf angerichtet haben, weil die Bewohner zu einer anderen Kriegspartei fliehen wollten, und auch die Blauhelme von Monuc werfen ihm aus jüngster Zeit Erschießungen und die erneute Rekrutierung von Kindersoldaten vor. "Das ist kein Wohltätigkeitsverein, in seinem Herrschaftsgebiet gibt es massivste Menschenrechtsverletzungen", sagte vergangene Woche ein Monuc-Sprecher in Goma.

Doch seit Nkunda Ende Oktober seine Überlegenheit demonstriert hatte, indem er bis vor die Tore von Goma marschierte und dann dort Halt machte, scheint er seine Strategie geändert zu haben. Die kongolesischen Truppen waren in wilder Hatz geflohen, die Blauhelm-Soldaten von Monuc wollten nicht kämpfen – Nkunda hätte die Stadt mühelos einnehmen können.

Es war nicht der erste Beleg seiner militärischen Stärke. Nkunda ist gut bewaffnet, und obwohl mit vermutlich gut 6000 Mann in der Minderzahl, gelten seine Truppen als diszipliniert und gut motiviert. Selbst Monuc-Experten bestätigen, dass er selbst einer vermutlich vierfachen Anzahl regulärer kongolesischer Soldaten überlegen sei.

Nkunda will nicht mehr den Rebellenführer geben

Doch der General wollte Goma nicht einnehmen. Er stoppte den Vormarsch, nach längerem Zögern ließ er Hilfskonvois passieren. Vergangene Woche ließ Nkunda zudem an zwei weiteren zuvor umkämpften Stellen seine Truppen um jeweils 40 Kilometer zurückziehen. Es ist offensichtlich: Laurent Nkunda will Staatspräsident Joseph Kabila an den Verhandlungstisch zwingen. Er will nicht mehr den Rebellenführer geben, der – mit angeblicher Stützung aus Ruanda – vor allem die Minderheit der Tutsis im Ostkongo zu schützen versucht. Er will politisch ernst genommen werden. Er will Staatsmann sein.

Am Samstag zeigte Nkunda sich erstmals in aller Öffentlichkeit bei einer Kundgebung im Stadion von Rutshuru, eine Stadt, die er erst vor wenigen Wochen eingenommen hat. Tausende sind geflohen, teils wegen der Kämpfe, teils weil sie Nkundas Truppen und Regime fürchten. Einige der Geflohenen sind zurückgekommen, viele warten in den Flüchtlinscamps in der Nähe von Goma ab.

In gewienerten Stiefeln auf die Stadiontribüne

Das Stadion von Rutshuru hat schon lange kein Fußballspiel mehr gesehen. Aber es hat eine Tribüne, wie geschaffen für den Auftritt des Generals. Der fährt im Toyota Landcruiser vor, Bodyguards schirmen ihn unmittelbar ab, Dutzende seiner Soldaten sind auf den Mauern der Stadionumrandung postiert. Nkunda hat sich schick gemacht. Er tritt in grau-gefleckter Uniform auf, die Stiefel sind gewienert, am Arm glänzt die Uhr. Gut 3000 Menschen sind ins verfallene Oval gekommen, ob ganz freiwillig oder nur ein bisschen, bleibt unklar.

Der General hält 40 Minuten lang eine erstaunlich flüssige Rede. Mit verbalen Attacken, mit rhetorischen Fragen, mit Kontakt zum Publikum. Und es wird schnell klar, dass er mehr will als nur den Beifall der Zuschauer. Es ist eine Ansprache an alle Kongolesen. "Andere Länder entwickeln sich. Wir nicht, obwohl wir so reich sind. Das muss aufhören. Ich will einen großen, einen starken Kongo", ruft er durchs übersteuerte Mikrofon. "Rutshuru wird ein Beispiel für ganz Ostafrika werden." Es schmerze ihn zutiefst, wenn er sehe, dass der reiche Kongo hinter Somalia zurückgefallen sei. Jeder sei aufgefordert mitzuhelfen und anzupacken.

Ziel müsse ein geeintes Kongo sein: "Wir haben die Schranken eingerissen. Uns wird hier keiner mehr vertreiben." Auch die Monuc-Soldaten, die jetzt um 3000 Mann aufgestockt würden, seien keine Lösung. "Sie werden den Frieden nicht bringen. Das müssen wir selbst leisten."

Und dann schlägt er den ganz großen Bogen. Ja, es herrsche Krieg. Die Menschen hätten Angst. Aber auch in Südafrika habe sich der ANC gegen die weiße Herrschaft gestemmt. Und Südafrika habe heute die stärkste Ökonomie des Kontinents. Und hätten sich nicht auch 1941 die Franzosen im Kampf gegen Hitler gewehrt? Der Widerstand habe ihnen nach wenigen Jahren Krieg fortdauernde Freiheit beschert.

Der Beifall ist gemäßigt, keineswegs stürmisch, obwohl die Inszenierung nichts auslässt. Der General steigt von der Tribüne herab, um mit kleinen Mädchen zu tanzen. Er nimmt eine Parade der neu formierten örtlichen Polizei ab. Er präsentiert die neue Stadtverwaltung von Rutshuru. Er lässt Kommandanten sprechen, die von der regulären kongolesischen Armee zu seinen Truppen übergelaufen sind.

Auch später bei einer Pressekonferenz lässt er erkennen, dass es ihm nicht mehr nur um kleinteilige Geländegewinne geht. "Es geht nicht um Goma, es geht um eine grundsätzliche Lösung."

Nun soll der ehemalige nigerianische Staatspräsident Olusegun Obasanjo vermitteln. Am kommenden Samstag, den 29. November, so hat er mit Nkunda verabredet, will er mit einem Angebot aus Kinshasa wieder in den Osten kommen. Bisher hat sich Präsident Kabila geweigert, mit Nkunda direkt zu verhandeln. Mit dieser Strategie wird er nicht mehr lange Erfolg haben.



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