Neues Enthüllungsbuch über Trump Warnung ohne Namen

"A Warning", eine Warnung: So heißt das jüngste Enthüllungsbuch über Donald Trump. Sein Autor, angeblich ein Insider, will anonym bleiben - während die Impeachment-Zeugen inzwischen offen aussagen. Die Kernvorwürfe.

Wespennest: Enthüllungen und Indiskretionen plagen das Weiße Haus
MICHAEL REYNOLDS/ EPA-EFE/ REX

Wespennest: Enthüllungen und Indiskretionen plagen das Weiße Haus

Von , New York


Marie Yovanovitch, William Taylor, Alexander Vindman: Diese US-Staatsdiener sind über Nacht zu Symbolen der Zivilcourage geworden. Sie und immer mehr Kollegen wagen es, offen vor dem Kongress gegen Donald Trump auszusagen. Damit riskieren sie nicht nur ihre Karriere und ihren Ruf, sondern auch ihre physische Sicherheit.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 47/2019
Von Watergate bis Trump - Macht und Tragik der Whistleblower

Doch andere trumpkritische Insider bleiben lieber anonym. Zum Beispiel der Autor von "A Warning", dem jüngsten Enthüllungsbuch über den US-Präsidenten, das an diesem Dienstag erschienen ist und damit mitten in das parlamentarische Vorspiel eines möglichen Amtsenthebungsverfahrens platzt: Während dort die nächsten Zeugen ins Rampenlicht treten, versteckt sich der Verfasser, der angeblich im Weißen Haus arbeitet, weiter hinter dem Tarnnamen "Anonymous".

Die 272 Seiten wimmeln vor brisanten Vorwürfen: Trump sei ignorant, dumm, kindisch, rachsüchtig, gefährlich und psychisch so labil, dass mehrere Minister erwogen hätten, ihn zu stürzen. Trotzdem könnte er 2020 wiedergewählt werden. "Dies ist vielleicht unsere letzte Chance", schreibt der Autor, "den Mann zur Rechenschaft zu ziehen."

Der Whistleblower-Bericht, der die Ukraineaffäre ins Rollen brachte
Eva Hambach/ AFP

Der Whistleblower-Bericht, der die Ukraineaffäre ins Rollen brachte

Viele Szenen sind haarsträubend. Manche verblassen aber, weil sie nicht immer klar belegt sind - und weil sich die meisten Amerikaner schon an die Absurditäten der Trump-Ära gewöhnt haben.

Die Highlights:

  • Letztes Jahr hätte eine Reihe hochrangiger Regierungsmitarbeiter den Massenrücktritt erwogen - ein "Mitternachtsmassaker". Sie hätten nur davon abgesehen, weil das "die Lage noch mehr verschlechtert" hätte. Dennoch sähen sich die meisten weiter auf Abruf: "Wir alle haben Rücktrittsschreiben in der Schublade."
  • Trump zeige wachsende Anzeichen geistiger Verwirrung: "Er stottert, lallt, ist verwirrt, reizbar und hat Probleme, Informationen zu verarbeiten". Auch vergesse Trump oft, "was er gesagt hat oder was ihm gesagt wurde".
  • Trump sei wie ein "Zwölfjähriger in einem Fluglotsen-Tower, der willkürlich die Regierungsschalter drückt, egal, ob Flugzeuge über die Startbahn schlittern". An anderer Stelle beschreibt "Anonymous" ihn als "betagten Onkel, der ohne Hose über den Hof des Altersheims rennt und laut übers Kantinenessen flucht".
  • Zeitweilig habe das Kabinett hinter vorgehaltener Hand diskutiert, Trump mit dem 25. Verfassungszusatz wegen mangelnder Zurechnungsfähigkeit zu stürzen. Vizepräsident Mike Pence habe das offenbar unterstützt. Die Behauptung ist nicht neu, Pence dementierte sie schon früher und tat das nun erneut.
  • Trump habe "mehr als einmal" erwogen, Pence im Wahlkampf 2020 gegen einen anderen Vizekandidaten auszutauschen, etwa Ex-Uno-Botschafterin Nikki Haley.
  • Eine andere Idee der "Widerständler", Trump zu sabotieren, sei es gewesen, ihn einfach seinen "Instinkten" folgen zu lassen: "Das würde zu seinem Untergang führen."
  • Trump habe alle Migranten "zur Abschreckung" als "feindliche Kämpfer" ins berüchtigte Gefangenenlager Guantanamo Bay auf Kuba schaffen wollen.
  • Trump ignoriere die Erkenntnisse der US-Geheimdienste, weil er deren Memos nicht lesen wolle und sowieso glaube, alles besser zu wissen: "Das Maß an intellektueller Faulheit ist erstaunlich." Mehr Vertrauen habe Trump dagegen in jemand anders: "Ich glaube Putin", zitiert "Anonymous" ihn einmal.
  • Trump verrate manchmal Staatsgeheimnisse, um zu prahlen. So habe er einem Reporter im Oval Office einmal stolz ein Geheimdokument gezeigt: "Sehen Sie?"
  • Trump lehne den Rechtsstaat und die in der US-Verfassung verankerte Gewaltenteilung ab: Amerika habe "die schlimmsten Gesetze", habe er geschimpft.
"Er stottert, lallt, ist verwirrt, reizbar": "Anonymous" über Trump
AP

"Er stottert, lallt, ist verwirrt, reizbar": "Anonymous" über Trump

Bei "Anonymous" handelt es sich nach Angaben des Verlags - der seine Identität mit großem Aufwand schützte - um denselben Mitarbeiter aus Trumps engstem Umkreis, der letztes Jahr mit einem explosiven Essay in der "New York Times" Furore machte. "A Warning" ist dessen Langform - eine Warnung vor einem Präsidenten, dessen "toxische Kombination aus Amoralität und Gleichgültigkeit" ihn zur Gefahr für die nationale Sicherheit mache.

Doch zwischen dem Essay und dem Buch liegen gefühlte Lichtjahre - neu ist das alles nicht mehr. Viele Insider haben inzwischen ähnlich Alarm geschlagen, andere treten nun bei den Impeachment-Anhörungen vor die TV-Kameras. Im Gegensatz zu "Anonymous" tun sie das freilich ohne Pseudonym, dafür aber überzeugender.

Preisabfragezeitpunkt:
06.12.2019, 02:53 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Anonymous
A Warning

Verlag:
Little, Brown
Seiten:
272
Preis:
17,30 €

"Die Anonymität hat ihren Nutzen überdauert", kritisiert der "Time"-Journalist Joe Klein, der 1996 den anonymen Schlüsselroman "Mit aller Macht - Primary Colors" über Bill Clinton schrieb, in der "Washington Post". "Wir haben den Punkt, wo wir uns noch zieren können, wenn es um die Vergehen des Präsidenten geht, längst überschritten."

Warum also versteckt sich "Anonymous"? Anders als bei dem Whistleblower, der die Ukraineaffäre ins Rollen brachte, geht es ihm nicht um die Aufdeckung eines konkreten Missstands, sondern darum, Trumps Wiederwahl zu verhindern. Wenn er seinen Namen preisgebe, werde Trump das als "Ablenkung" missbrauchen, beharrt der Autor. "Was wird er tun, wenn es niemanden gibt, den er angreifen kann?"

Doch die Erfahrung der letzten Tage hat ja genau das Gegenteil bewiesen: Je stärker Trump die Zeugen attackiert, umso stärker wirken sie. Doch wird es noch etwas bewegen können in einem Amerika, dessen Fronten verhärtet sind?

"Anonymous" dürfte sich jedenfalls nicht lange verstecken können. Joe Klein, der 1996 unter demselben Decknamen firmiert hatte, wurde nach sechs Monaten enttarnt.

insgesamt 69 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
claus7447 19.11.2019
1. Ein Weihnachtsgeschenk für alle Trump-Fans
Ja rechtzeitig auf dem Markt - ich hatte mir heue morgen eine Kurz-Rezession auf SWR1 angehört. Ich saß im Auto - musste fast anhalten, da ich mich vor Staunen und lachen krümmte (inklusive meiner besseren Hälfte auf dem Beifahrersitz). All das was SPON hier kurz erwähnt wurde zusammengefasst in: "es spielen sich Szenen ab wie in einem Seniorenstift wo wir morgens den Bewohner in Unterhosen abfangen). Viel Spaß bei der Lektüre!
hegoat 19.11.2019
2.
Egal was er macht, die Millionen MAGA-Fans von oft intellektuell eher niedrigem Niveau rennen ihm hinterher, wenn er gegen das böse Establishment poltert, gegen die bösen unfairen Chinesen und Europäer, gegen die bösen fanatischen Hexenjäger von den Demokraten oder gegen die bösen Fakenews von CNN und NBC. Die rennen ihm hinterher wie die Lemminge, Hauptsache man gehört zu den guten und hat das rote MAGA-Käppi auf.
vonSinnen 19.11.2019
3. Anonymos
So lange der Autor des Buches anonym ist, kann er weitere Informationen sammeln. Gerade jetzt geschehen doch dort bestimmt jede Menge Absurditäten, die er uns noch berichten kann. Es bleibt spannend und interessant.
spon_4_me 19.11.2019
4. So what?
Anonyme "worst of"-Geschichten über Trump schreib ich besoffen aus dem Keller eines Duisburger Reihenhauses ohne Kabelanschluss. Aber ein Problem wird auch deutlich: Trump hat es geschafft, die Maßstäbe vom Journalismus nachdrücklich hin zum Entertainment zu verschieben. Wahrscheinlich sein bleibendes Erbe. Ein SPON/Spiegel im Vollbesitz seiner Kräfte würde so eine Publikation nicht ernst genommen haben; jetzt ist sie Euch einen Artikel wert. Eure Empörung ist das Wasser auf die Mühlen, das Öl im Getriebe der Populisten. Und Trump, der instinktive Puppenspieler, hat seinen Spaß mit Euch. Ein Jammer. Aber was will man machen.
theuwe 19.11.2019
5. Das wirklich verstörende...
...ist bei diesem Buch, dass es kaum noch irgendjemand wirklich schockiert. Ob die geschilderten Vorfälle nun wirklich wahr sind oder nicht, spielt eigentlich keine ausschlaggebende Rolle. Allein, dass man sie durchaus für wahr halten kann aufgrund dessen, was dieser Kerl in den letzten drei Jahren (nachweislich) getwittert und gesagt hat, seine fortwährenden Widersprüche, Tiraden und Lügen: all das gehört zu Trump wie man ihn tagtäglich erlebt und kennt. Da schockiert kein einiger Punkt aus dem Buch, der hier angeführt wurde. Reaktion: Ja klar, das passt zu ihm und es gibt inzwischen doch kaum noch etwas, mit dem Trump schockieren könnte. Wir haben uns daran gewöhnt, dass der mächtigste Führer der westlich Welt, der Präsident einer historisch urdemokratischen Nation ein einfälltiger, notorischer Lügner, Psychopath und Egomane ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.