Abchasien Paradies und Pulverfass

Abchasien hat seine Drohung wahr gemacht und eine zweite Front gegen Tiflis eröffnet. Eine friedliche Gemeinschaft mit Georgien ist für den De-facto-Staat am Schwarzen Meer schon lange nicht mehr vorstellbar. Carmen Eller reiste kurz vor dem Ausbruch der Kampfhandlungen in die Region.


Duftende Eukalyptusbäume hier, tiefe Einschusslöcher dort - Schönheit und Schrecken liegen in der abchasischen Hauptstadt Suchumi nicht weit auseinander. An den Stränden blüht der Oleander, und in den Straßen erinnern Ruinen an den letzten Krieg mit Georgien. Prächtige Palmen wachsen in den Sommerhimmel, noch immer aber ragt das alte ausgebrannte Regierungsgebäude wie ein Mahnmal empor.

Am Tag nach dem Angriff Georgiens auf die abtrünnige Republik Südossetien haben die Abchasen ihre Drohung wahr gemacht und an ihrer Ostgrenze eine zweite Front eröffnet. Damit erklärt sich die Führung in Suchumi nicht nur solidarisch mit Südossetien, sondern verteidigt vor allem auch den eigenen Staat. Am Morgen sollen Schiffe der russischen Schwarzmeerflotte erreicht haben - mit Tausenden Soldaten an Bord zur Unterstützung der Abchasen.

Nach einem Krieg mit Georgien Anfang der Neunziger und jahrelangen Verhandlungen haben die Abchasen das Vertrauen in Tiflis verloren. "Die Frage unseres Status diskutieren wir mit niemandem", erklärte kürzlich der abchasische Außenminister Sergej Schamba auf SPIEGEL ONLINE und drohte Tiflis mit einer zweiten Front.

Seit 1992 wurde unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen vergeblich um eine politische Lösung des Konflikts gerungen. Als georgische Putschisten 1992 in Suchumi einmarschierten, gelang es den Abchasen mit Hilfe von freiwilligen Kämpfern aus dem Nordkaukasus, die Angreifer zurückzudrängen. Seit 1993 ist die Republik faktisch unabhängig. "Georgien hat sein moralisches Recht auf Abchasien das erste Mal verwirkt, als es den Krieg begann - und ein zweites Mal, als es ihn verlor", sagt Inal Chaschig, der 39-jährige Journalist und Herausgeber der Zeitung "Tschegemskaja Prawda".

Die Spuren dieses Krieges sind im ganzen Land noch deutlich sichtbar, sogar in Bäumen des Botanischen Gartens von Suchumi klaffen Einschusslöcher. Nur mit Schrecken denken die Menschen an den Krieg. "In zwei Wochen wurde unsere Wohnung fünfmal ausgeraubt", erinnert sich Chaschig.

Bomben in der Touristensaison

Die international nicht anerkannte Republik Abchasien mit ihren etwa 200.000 Einwohnern besitzt heute eine eigene Flagge, Verfassung und Armee, die abchasische Sprache hat mit der georgischen nichts gemein. Völkerrechtlich gilt der isolierte De-facto-Staat jedoch weiterhin als Teil Georgiens. Die Russen schützen seine Unabhängigkeit, verteilen Pässe und unterstützen die Wirtschaft. An Kiosken verkaufen Händler die abchasische Flagge, aber auch Poster des russischen Präsidenten. "Dmitri Medwedew geht gut", erzählt die Rentnerin Jewgenia, die ihren Nachnamen nicht nennen will. Während die gebückte Frau an ihrem Stand in Suchumi Bücher und Buttons sortiert, runzelt sie die Stirn und sagt: "Anscheinend fehlt das Geld, um unseren eigenen Staatschef zu drucken."

Neben den Einkünften aus dem Export von Tee, Tabak und Kohle leben viele Abchasen vom Tourismus. Schon in der Sowjetunion zogen die subtropischen Temperaturen und die landschaftliche Schönheit Urlauber in die idyllische Küstenregion.

Abchasien an der Schwarzmeerküste ist ein kleines Paradies, zugleich aber auch ein politisches Pulverfass. Im Badeort Gagra detonierten erst Ende Juni diesen Jahres zwei Sprengsätze, kurz darauf explodierten in der Suchumi zwei Bomben an einer Bushaltestelle. Ein Schrecken mitten in der Sommersaison. Auch russische Touristen wurden verletzt.

Die Anschläge weckten neue Wut auf Georgien. Viele Abchasen, darunter auch der Tourismusminister Tengis Lakerbaj, vermuten dahinter Aktionen der georgischen Seite, die das Geschäft mit dem Tourismus sabotieren will. Traditionell erholen sich vor allem Russen in Abchasien. "Dieses Jahr kamen nur halb so viele Urlauber wie im vergangenen Jahr", sagt Lakerbaj. "Auch die Anreise ist teurer geworden." Seit dem Ende des letzten Krieges mit Tiflis gibt es keine direkten Flüge nach Abchasien, Anfang Juli wurde die Grenze zu Georgien geschlossen.

Historisch eigenständige Wurzeln

Trotz der engen Beziehungen zu Russland, die noch durch die internationale Isolation verstärkt werden, haben sich die Abchasen ihre innere Unabhängigkeit bewahrt. Um einen souveränen Staat zu rechtfertigen, verweisen sie weit zurück in ihre Geschichte.

Bereits im achten Jahrhundert existierte im heutigen Westgeorgien ein abchasisches Königreich. Bis zum Zerfall des Zarenherrschaft 1917 gehörte Abchasien zum russischen Imperium. In der Sowjetunion bildete Abchasien zunächst eine eigene Sowjetrepublik, 1931 wurde es allerdings von Stalin zu einer Autonomen Sowjetrepublik innerhalb Georgiens degradiert. Der Diktator verbrachte hier gerne seine Sommer in herrschaftlichen Datschen. Stalins bekanntestes Feriendomizil liegt gut versteckt über dem Bergsee Ritza. Legenden und Lieder ranken sich um das berühmte Gewässer.

Große Wunden schlug die Politik der Georgier Josef Stalin und Lawrentij Berija in den dreißiger und vierziger Jahren. Gewaltsam trieben sie die Assimilierung und Umsiedlung der Abchasen voran. Namen von Familien und Ortschaften wurden verändert, abchasische Schulen geschlossen und rund 100.000 Georgier in Abchasien angesiedelt. Die Angst dieser Zeit sitzt vielen Bewohnern noch heute in den Knochen.

"Die EU hat die kommunistische Vergangenheit verurteilt. Aber die unter Stalin geschaffene georgische Sowjetrepublik, in die nach dem Willen Stalins auch Abchasien integriert wurde, wollen sie mit aller Kraft bewahren", wundert sich der abchasische Außenminister.

Auch Steinmeiers Plan stieß auf Ablehnung, weil er die Statusfrage in den Hintergrund rückte. So sehr man sich auch in Abchasien nach Anerkennung im Ausland sehnt - die Hoffnung darauf ist bislang gering.

Mit neuen Angeboten für Autonomie kann man die Abchasen heute nicht mehr locken. Auch die Kioskfrau Jewgenia nicht. "Einen Weg zurück gibt es nicht mehr", meint die Rentnerin. "Für eine Alternative ist es zu spät."



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