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20. Oktober 2012, 19:58 Uhr

Interview

Ex-Assad-Vize Chaddam fordert bessere Waffen für die Rebellen

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Bis 2005 war er Baschar al-Assads Stellvertreter, inzwischen ist Abd al-Halim Chaddam erbitterter Gegner des syrischen Diktators. Er fordert vom Westen bessere Waffen für die Rebellen in Syrien. Assad sei zum Befehlsempfänger Irans geworden, eine Verhandlungslösung des Konflikts daher undenkbar.

Mehr als drei Jahrzehnte lang war Abd al-Halim Chaddam dem syrischen Regime treu zu Diensten. Von 1970 bis 1984 amtierte er als Außenminister, anschließend machte ihn Hafis al-Assad zu seinem Vizepräsidenten. Nach dem Tode des Diktators im Juni 2000 war Chaddam gar einen Monat lang übergangsweise Staatsoberhaupt seines Landes. Auch Baschar al-Assad berief ihn wieder als Stellvertreter. 2005 kam es zum Bruch zwischen beiden: Chaddam erklärte seinen Rücktritt von allen Ämtern und ging nach Paris. Im Exil gründete der sunnitische Muslim wenig später eine Oppositionsbewegung namens Nationale Erlösungsfront.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE äußert er sich zum Stand der Revolution in Syrien. Assad sei zum bloßen Befehlsempfänger Irans geworden, sagt Chaddam. Eine Lösung des Konflikts durch Verhandlungen hält er für ausgeschlossen. Der 80-Jährige wolle für einen Zivilstaat in Syrien kämpfen, der allen Bürgern gleiche Rechte gibt. Die Angst vor einer Machtübernahme der Islamisten hält Chaddam für unbegründet.

SPIEGEL ONLINE: Anderthalb Jahre nach Beginn der Revolution in Syrien hat Präsident Baschar al-Assad hat noch immer das Sagen in Damaskus und in vielen anderen Städten und Landesteilen. Gleichzeitig mehren sich die Erfolgsmeldungen der Aufständischen. Wie viel Prozent des syrischen Territoriums kontrolliert die Opposition wirklich?

Chaddam: Hundertprozentige Kontrolle übt das Regime nirgends mehr aus, auch nicht in der Hauptstadt. Die Frage, über wie viel Prozent der Staatsfläche Assad noch herrscht, ist irrelevant: Denn tagsüber kontrollieren seine Truppen zwar noch bestimmte Gebiete in Stadt- und Landgemeinden, wobei sie sich im Wesentlichen auf Luftangriffe und den Einsatz von Hubschraubern stützen. Nachts dagegen gleitet den Sicherheitskräften das Heft aus der Hand. Wenn es dunkel wird, ist fast ganz Syrien de facto befreites Gebiet. Auch der Großraum Damaskus. Der Schein trügt, denn selbst wenn nicht geschossen wird, gärt es unter der Oberfläche. In jeder Straße, in jedem Haus.

SPIEGEL ONLINE: Dann erklären Sie uns, warum das Regime trotzdem noch weitgehend funktionsfähig ist und die Freiheitskämpfer immer wieder in Schach hält.

Chaddam: Iran macht uns in letzter Zeit besonders schwer zu schaffen. Assad ist zu einem bloßen Befehlsempfänger der Iraner geworden. Tausende gut ausgebildeter Revolutionswächter stärken den Regierungstruppen den Rücken. Die Iraner gehen inzwischen von sich aus in die Offensive. Teheran stellt aber auch hochwertige Kommunikationssysteme und moderne Waffen zur Verfügung. Und vor allem Geld und nochmals Geld - eine Waffe, die es in sich hat.

SPIEGEL ONLINE: Dann kann das Morden theoretisch noch Jahre dauern. Könnte da nicht eine Verhandlungslösung das Blutvergießen beenden?

Chaddam: Selbst wenn Baschar al-Assad oder andere Regimevertreter zu Verhandlungen bereit wären, würde Iran ihnen das unter keinen Umständen erlauben. Für Teheran geht es um einen sorgfältig ausgeklügelten Plan, seinen Einflussbereich im arabischen Raum dauerhaft zu sichern. Ein Verhandlungsfrieden hat da keinen Platz, nicht einmal ansatzweise.

SPIEGEL ONLINE: Wünschen Sie sich denn ein militärisches Eingreifendes Westens?

Chaddam: Es ist müßig, über ein Szenario zu diskutieren, das eh nicht stattfindet. Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union haben andere Prioritäten. Aber die US-Amerikaner und alle Regierungen, die uns helfen wollen, sollten uns zumindest besser mit Waffen versorgen. Man kann uns doch nicht den Regime-Truppen ausliefern. Mit guten Waffen können wir den Sturz des Tyrannen beschleunigen.

SPIEGEL ONLINE: Könnte Waffenhilfe aus Ägypten das Blatt wenden? Präsident Mursi hat schließlich klar Position bezogen und das Assad-Regime aufgefordert, das Blutvergießen zu beenden und auf sein Volk zu hören.

Chaddam: Dafür habe ich ihm auch schriftlich gedankt. Doch er kann mehr tun. Er soll den Suezkanal für Schiffe sperren, die Waffen und Munition in die von der Armee gehaltenen syrischen Häfen anliefern.

SPIEGEL ONLINE: Der Suezkanal ist eine internationale Wasserstraße. Da kann man nicht einfach die Durchfahrt verbieten.

Chaddam: Auf jeden Fall sollten verdächtige Schiffe durchsucht werden. Wenn Ägypten mitspielt, wäre das sicher eine große Hilfe. Auch moralisch.

SPIEGEL ONLINE: Ägypten wird von den Muslimbrüdern regiert, und auch in Tunesien ist die islamistische Nahda-Bewegung stärkste politische Kraft. In Syrien führen die Muslimbrüder den bewaffneten Kampf gegen das Regime an. Vielleicht ist das der Grund, warum der Westen zögert, militärisch zu intervenieren.

Chaddam: Ägypten ist nicht Syrien. Das Land am Nil ist ein Sonderfall. Dort war die Bruderschaft entstanden und hat eine ernstzunehmende Basis. In Syrien dagegen ist der Einfluss der Muslimbruderschaft begrenzt. Ex-Präsident Hafis al-Assad hatte diese Islamistenorganisation in den achtziger Jahren rücksichtslos bekämpft. Schon auf die bloße Mitgliedschaft stand die Todesstrafe. Die Bruderschaft hat deshalb heute so gut wie keine Wurzeln in Syrien.

SPIEGEL ONLINE: Die syrischen Christen und andere Minderheiten, aber auch viele seit Jahrzehnten säkular erzogene Bürger fürchten Racheakte und eine Machtübernahme der Islamisten. Berichte und Videos über Hinrichtungen in sogenannten befreiten Gebieten beunruhigen schon jetzt ausländische Menschenrechtsorganisationen.

Chaddam: Diese Angst ist unbegründet. Die Muslimbrüder haben außerdem nicht die geringste Chance, das jetzige Unrechtsregime durch eine islamistische Diktatur zu ersetzen. Das wird das syrische Volk nicht zulassen. Die Opposition kämpft für einen Zivilstaat, in dem alle Bürger gleiche Rechte haben.

SPIEGEL ONLINE: Aber syrische Kurden fordern eine autonome Region in Ihrem Land, ähnlich wie sie die Kurden im Nordirak haben.

Chaddam: Kurden, Drusen, Christen, Sunniten, Alawiten sind alle gleichberechtigte Mitglieder des syrischen Volkes. Sonderregionen passen da nicht ins Bild, denn der gemeinsame Nenner aller Syrer ist das gemeinsame syrische Vaterland.

SPIEGEL ONLINE: Was soll mit den Mitgliedern der Baath-Partei passieren? Im Irak wurde nach dem Einmarsch der Amerikaner ein bis heute gültiges Gesetz zur "Ausrottung der Baath" erlassen. Sollte das neue Syrien ähnlich verfahren?

Chaddam: Mit den Prinzipien der Baath-Partei ist Schindluder getrieben worden. Der Name musste für die Rechtfertigung der Gewaltherrschaft des Assad-Clans und verbrecherischer Mitläufer herhalten. Dabei gibt es in der Baath-Partei gute Patrioten. Denen steht das neue demokratische Syrien offen. Sie dürfen sich an der vor uns liegenden gewaltigen Aufbauarbeit beteiligen, genauso wie alle anderen Bürger, die sich den Prinzipien der Revolution verschrieben haben.

Das Interview führte Volkhard Windfuhr

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