Abdruck der Mohammed-Karikaturen Jordanischer Chefredakteur festgenommen

Wegen der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen ist ein jordanischer Chefredakteur verhaftet worden. Auch in anderen arabischen Staaten werden die Reaktionen auf die Bilder immer heftiger. In Syrien wurde die dänische Botschaft angezündet, Iran droht mit dem Abbruch aller Wirtschaftsbeziehungen.


Amman - Der ehemalige Chefredakteur der Zeitung "Schihan", Dschihad Momani, sei der Gotteslästerung angeklagt und verhaftet worden, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters mit Verweis auf Justizkreise. Einzelheiten seien jedoch noch nicht bekannt. Momani war am Donnerstag entlassen worden, nachdem er in der Wochenzeitung die umstrittenen dänischen Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte.

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Anti-Karikaturen-Protest: Die islamische Welt in Aufruhr
Die Dabei hatte der Chefredakteur, der früher Abgeordneter im jordanischen Parlament war, aus seiner Abscheu gegen die Zeichnungen keinen Hehl gemacht. Allerdings hatte er in einem Begleit-Kommentar gleichzeitig selbstkritische Fragen gestellt. So fragte er unter anderem: "Wer beleidigt den Islam eigentlich mehr? Ein Ausländer, der den Propheten (...) darstellt (...), oder ein Muslim, der mit einem Sprengstoffgürtel bewaffnet auf einer Hochzeitsfeier in Amman ein Selbstmordattentat durchführt (...)?"

Die Verleger, die Arab Printers Company, hatte nach der Veröffentlichung dieser Artikel die 36.000 Exemplare der Boulevardzeitung von allen Verkaufsstellen zurückrufen lassen und ein hartes Durchgreifen gegen alle Beteiligten angekündigt. In einem öffentlichen Entschuldigungsschreiben erklärte Momani, er habe keinen Ärger erregen wollen mit dem Nachdruck der Karikaturen. Jordanische Medienunternehmer und Chefredakteure erklärten jetzt, der Artikel in "Schihan" werde von Medien im Westen instrumentalisiert. Sie wollten damit zeigen, dass der Ärger über die Zeichnungen übertrieben sei und die Karikaturen sogar in der arabischen Presse nachgedruckt würden.

Auch in anderen arabischen Staaten flaut die Empörung über die umstrittenen Karikaturen nicht ab. In Syrien zündeten Demonstranten die dänische Botschaft an, in der Stadt Gaza in Palästina griffen Protestierende das deutsche Kulturzentrum und das Büro der EU-Kommission an. Auch auf politischer Ebene kam es zu heftigen Reaktionen. So bestellte etwa das pakistanische Außenministerium die Botschafter aus neun europäischen Staaten ein. Die Gesandten aus Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Ungarn, Norwegen, Tschechien, den Niederlanden und der Schweiz seien herbeizitiert worden, um "starken Protest gegen die Veröffentlichung und den Nachdruck blasphemischer Zeichnungen einzulegen", erklärte ein Sprecher des Außenministeriums.

Der Iran drohte damit, Wirtschaftssanktionen gegen europäische Staaten zu verhängen, in denen die Zeichnungen erschienen sind. Präsident Mahmud Ahmadinedschad habe das Handelsministerium aufgefordert, die Handelsverträge mit den betreffenden Ländern zu überprüfen und gegebenenfalls zu kündigen, meldete die staatliche iranische Nachrichtenagentur IRNA. Ahmadinedschad erklärte laut IRNA, die Veröffentlichungen bewiesen "die Vermessenheit und Unhöflichkeit" westlicher Zeitungen.

Auch im Westen Kritik

Auch im Westen gibt es Kritik an der Veröffentlichung der Zeichnungen. Der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg etwa verurteilte die Veröffentlichung in seinem Land. Es sei besonders paradox, dass mit "Magazinet" eine christliche Zeitschrift die Karikaturen nachgedruckt habe, schrieb der Sozialdemokrat in einem Beitrag für die Zeitung "Dagsavisen". Er sei sich bei der Verurteilung dieses Handelns mit der Christlichen Volkspartei und Repräsentanten christlicher Kirchen einig. Die norwegische Regierung stelle nicht das Recht auf Pressefreiheit in Frage. Das Recht, alles zu drucken, bedeute aber keinesfalls die Pflicht, alles zu drucken, so Stoltenberg.

Auch der Vatikan meldete sich inzwischen in dem heftigen Konflikt zu Wort. Die Zeichnungen seien eine "inakzeptable Provokation", hieß es in einer Stellungnahme. Zugleich verurteilte der Heilige Stuhl jedoch die gewaltsamen Proteste.

Ähnlich hatte zuvor Bundeskanzlerin Angela Merkel reagiert. Sie verstehe zwar, dass die Mohammed-Karikaturen in einigen Zeitungen die religiösen Gefühle von Muslimen verletzt hätten, erklärte sie auf der Sicherheitskonferenz in München. Die Gewalttaten seien als Reaktion aber inakzeptabel. Die Pressefreiheit sei ein unantastbares, hohes Gut und "als Bestandteil der Demokratie nicht wegzudenken".

Demonstrationen, die in Europa inzwischen ebenfalls stattfanden, blieben unterdessen weitgehend friedlich. In London versammelten sich vor der dänischen Botschaft mehrere hundert Menschen. Ein Sprecher forderte die islamischen Länder auf, alle Beziehungen zu den europäischen Ländern abzubrechen, in denen die Karikaturen erschienen waren. In Kopenhagen kam es zu kleineren Zusammenstößen junger Muslime mit der Polizei.

In Leipzig demonstrierten rund 70 Muslime gegen die Karikaturen. Die Veröffentlichung der Bilder auch in deutschen Zeitungen sei verantwortungslos und zerstöre die Brücken zwischen den Kulturen, sagte der Vorsitzende der Vereinigung arabischer Studenten und Akademiker, Aiman Mubarak. Zwar respektiere er die Pressefreiheit. Dass der Prophet in den Karikaturen mit Terror und Mord in Verbindung gebracht werde, sei aber inakzeptabel.



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