Abenteuer Amerika Roadmovie mit Jesus-Kandidaten

New Hampshire wird vom Wahlkampf der Republikaner überrollt: Überall hängen Plakate, selbst die ranzigsten Hotels sind voller Journalisten, und eh man sich's versieht, hat man einen "Romney"-Aufkleber an der Jacke. Im Tross der Jesus-Kandidaten gibt es kein Entkommen - selbst beim Burger-Essen.

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Wir hätten es wissen können. Einmal den Namen googeln, fertig. Prompt wären die versifften Zimmer auf dem Bildschirm erschienen und die Bewertungen der Gäste sowieso. Einer hatte da sogar seine Wanzenbisse dokumentiert. Aber dies alles lernten wir später. Econo-Lodge, der Name klang so vernünftig.

"Hotel from Hell" nennen wir es jetzt.

Im Höllenhotel von New Hampshire sind wir, die Reporter, in der Minderheit. Außer uns interessiert sich niemand für den Kampf der Republikaner um die Präsidentschaftskandidatur. Nicht das fast zahnlose Pärchen, das sich im Frühstücksraum am gummiartigen Gebäck abarbeitet; nicht die alte, ausgemergelte Frau, die sich uns nun vorknöpft. Wir würden die Preise verderben, pöbelt sie, verdammte Politik! Wir sollten abhauen. Noch ein paar derbe Flüche, dann geht sie duschen. Und wir checken aus.

Diese Alte aber ist es, die uns schließlich mit ihrem Gezeter zu Rick Santorum treibt.

Der selbsterklärte "Jesus-Kandidat" sitzt um Mitternacht ganz irdisch mit einem Burger zufällig in der Sitzecke unseres Ausweich-Hotels. Salat und Mayonnaise kleben ihm in den Mundwinkeln. Santorum hat Hunger. Gerade hat der Erzkonservative in Iowa beinahe Mitt Romney bezwungen, nur acht Stimmen haben gefehlt. Romney, den Mann mit der Multi-Millionen-Dollar-Kampagne. Santorum aber kann sich kaum einen Radio-Spot leisten. Er fühle sich wirklich gut, sagt er. Neben ihm auf dem Sofa liegt der "Boston Herald": "Rechter Haken", lautet die Iowa-Schlagzeile neben seinem Porträt.

Jeden Morgen gegen sieben Uhr holen ihn seine Leute mit einem schweren, schwarzen Geländewagen zum Wahlkämpfen ab; irgendwann in der Nacht kommt er zurück. Ein paar Tage später sieht Santorum müde aus, missmutig. Rechtsaußen zündet nicht. Mit nur gut zehn Prozent landet er am Wahltag weit hinter Romney.

Romney ist überall

Der ist überall. Egal wo man hinkommt in den Vorwahlstaaten, seine Wahlhelfer sind schon da. Die Anhänger der anderen Kandidaten halten jeweils ein Schild mit dem Namen ihres Helden in die Höhe; die Romney-Leute aber haben fünf Schilder übereinander an eine Stange genagelt. Wer nicht aufpasst, hat einen Aufkleber an der Brust: "Romney. Believe in America." Protest? Zwecklos. Journalist! Hilft nichts. Deutscher! Keine Chance. Am Ende klebt nicht nur der Romney-Schriftzug am Jackett, aus unerfindlichen Gründen hat man auch noch ein Romney-Schild in der Hand.

Newt Gingrich, das republikanische Urgestein mit viel Geschichte (zwei Dutzend Bücher, drei Ehen, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Clinton und trotzdem gottesfürchtig), trifft man in einer Latino-Bar. Die Besitzerin hat keine besondere Vorliebe für die Republikaner, sie brauche einfach ein bisschen Werbung, sagt sie. Deshalb hat sie Gingrich eingeladen. Tatsächlich, der Laden ist proppevoll. Und am Rand steht einer, der zwar kein Republikaner ist, dafür aber ein bisschen Deutsch kann - und uns die "Kunschdoff-Möhrwegflosche" gebracht hat, wie er sagt.

Kurz vor dem Fall der Mauer sei er in die Bundesrepublik gekommen und habe im Auftrag von Coca-Cola die PET-Flaschen verbreitet. Aus denen trinkt heute die ganze Welt. Deshalb ist er ein bisschen stolz. "Gemüsemorkt", sagt seine Frau und freut sich. Ja, sagt er, in Köln seien sie gern auf den Gemüsemarkt gegangen. Überhaupt sei Deutschland ziemlich super. Der Mann versucht, in jedem Satz mindestens einmal das Wort "super" unterzubringen. Es sei super an New Hampshire, dass man alle Kandidaten sehen könne, sagt er. Gingrich hat den beiden noch in ihrer Sammlung gefehlt.

Gingrich und Santorum hoffen jetzt auf South Carolina. Da sind die Leute konservativer als in New Hampshire. Möglicherweise aber bekommen sie einen neuen Kontrahenten: Den TV-Comedian Stephen Colbert. Der nämlich hat am Donnerstag angekündigt, dass er eine Kandidatur in South Carolina ausloten werde. "Das ist eine schwierige Entscheidung", albert Colbert: "Ich hab's mit meiner Geldbörse besprochen. Ich hab's mit meinem spirituellen Ratgeber besprochen."

Eine bereits von ihm gegründete, formell unabhängige Spender-Gruppe - einen sogenannten Super PAC - hat er seinem Comedy-Kollegen Jon Stewart übergeben. Pikant: Scherzbold Colbert liegt in einer Umfrage mit fünf Prozent zumindest vor Kandidat Jon Huntsman, der in New Hampshire gerade den dritten Platz erringen konnte.

Also auf nach South Carolina.

insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
slava grof 14.01.2012
1.
steward, colbert oder olberman - alle drei besser als die echten kandidaten.
huberwin 14.01.2012
2. Muß ja klappen
Romney ist ja Mormose und direkt von Jesus eingesetzt um das amerikanische Volk zu bekehren. Ja ja, Jesus loves him. Wie stufen denn eigentlich die Ratingagenturen Jesus ein? Ist der denn überhaupt Kreditwürdig? Hat der nicht mal die Geldhändler aus dem Tempel gejagt?
kwimpy 14.01.2012
3. Komischer Spiegel
So ihr Journalisten, komisch dass in euren Artikeln über den republikanischen Vorwahlkampf jeder noch so kleine Kandidat erwähnt wird, aber Ron Paul, der sich den Wahlkampf über fast immer unter den Top 3 befand, außen vor bleibt.. Allenfalls wird er mal in einem Nebensatz als fanatischer Liberaler bezeichnet. Bravo Spiegel! Naja, ihr macht wohl auch nur euren Job und mir fällt es immer schwerer an den unabhängigen Journalismus in der BRD zu glauben...
gandhiforever 14.01.2012
4. Die Gottesnaehe der Kandiaten
Zitat von sysopNew Hampshire wird vom Wahlkampf der Republikaner überrollt: Überall hängen Plakate, selbst die ranzigsten Hotels sind voller Journalisten, und eh man sich's versieht, hat man einen "Romney"-Aufkleber an der Jacke. Im Tross der Jesus-Kandidaten gibt es kein Entkommen - selbst beim Burger-Essen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,808884,00.html
Kaum denkbar, dass ein Unglaeubiger bei den Republikanern eine Chance haette. Die Kandidaten ueberbieten sich an Beteuerungen, wie nahe sie ihrem Gott sind. Sie wetteifern auch kraeftig, wenn es darum geht, Tatsachen zu verfaelschen und Kontrahenten in ein schlechtes Licht zu setzen. Und ihre Fans freuen sich ueber so viel "Mut". Da sie den gleichen Gott fuer sich in Anspruch nehmen, sollte man meinen, ihre Gottesnaehe aeussere sich anders. Aber weit gefehlt. Daraus koennte man auch den Schluss ziehen, dass es deren Gott nicht gibt.
vlupme 14.01.2012
5. Fun Fact
Zitat von huberwinRomney ist ja Mormose und direkt von Jesus eingesetzt um das amerikanische Volk zu bekehren. Ja ja, Jesus loves him. Wie stufen denn eigentlich die Ratingagenturen Jesus ein? Ist der denn überhaupt Kreditwürdig? Hat der nicht mal die Geldhändler aus dem Tempel gejagt?
Laut dem Buch Mormon ist die schwarze Hautfarbe eine Strafe Gottes, Romney hat magische Glücksunterwäsche. Klingt alles ganz lustig bis man realisiert das dieser Mann es vielleicht schafft ins weiße Haus zu kommen.(Der Katholik Santorum ist auch nicht besser)
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