Abschied des Präsidenten Chirac sagt Adieu - Frankreich ersehnt Neuanfang

Einmal noch wollte Präsident Chirac den Franzosen in seiner Abschiedsrede zeigen, dass er das Herz und die Überzeugungen am rechten Fleck hat. Die allerdings sind der großen Worte überdrüssig - vom Nachfolger erwarten sie endlich Taten.

Von Kim Rahir, Paris


Jacques Chirac geht, wie er gekommen ist. Große Worte und leidenschaftliche Appelle bestimmten die feierliche Fernsehansprache des Präsidenten zum Ende seiner zweiten Amtszeit. Frankreichs Größe, seine Werte und seine Rolle in der Welt hob der 74-Jährige hervor - und verzichtete erwartungsgemäß auf die Kandidatur für eine dritte Amtszeit.

Mit der Realität des Landes und seiner Bürger, die nach weit verbreiteter Einschätzung Wechsel und Erneuerung suchen, hatten die emotionalen Aufrufe des Staatsoberhauptes nicht allzu viel zu tun. Diese Erwartungen zu erfüllen, fällt nun den Anwärtern auf seine Nachfolge zu.

Der Präsidentschaftswahlkampf geht ab sofort in die heiße Phase, und ein letztes Wörtchen hat sich Chirac noch vorbehalten: Wen er für seinen geeigneten Nachfolger hält, wolle er erst später mitteilen, sagte der Präsident - und betonte, dass es sich um eine "persönliche Entscheidung" handele. Der Kandidat seiner eigenen Partei, Innenminister Nicolas Sarkozy, ging damit wieder leer aus. Der Staatschef hatte ihn schon auf dem Nominierungsparteitag im Januar schnöde ignoriert.

Chirac hatte an diesem Abend andere Visionen: Er nahm Abschied von seiner Rolle an der Spitze Frankreichs - "dieses Frankreich, das ich so liebe, wie ich Sie liebe". So emotional hat sich Chirac in den zwölf Jahren im Präsidentenamt nur selten gezeigt.

Der Staatschef, der seit den Unruhen in den Vorstädten des Landes im November 2005 ungewöhnlich passiv und oft auch stark gealtert wirkt, gab wie ein liebender Familienvater seinen Kindern eine Handvoll guter Ratschläge mit auf den Weg. "Finden Sie sich nie mit dem Extremismus ab", forderte Chirac, dessen rhetorische Gestik immer irgendwie einstudiert wirkt. Damit begann er auf sicherem Terrain: bei einem Thema, bei dem ihm jeder politische Kommentator des Landes eine weiße Weste bescheinigen wird. Extremismus und Rassismus waren Chirac tatsächlich immer ein Gräuel. Er war auch der erste französische Staatschef, der die Rolle der Franzosen bei der Judenverfolgung in der Zeit der Nazi-Besatzung offiziell eingestand.

"Wir dürfen uns vor der Entwicklung der Welt nicht fürchten"

Als zweite Botschaft gab der scheidende Staatschef seinen Landsleuten mit auf den Weg, sie sollten "immer an sich glauben". Chirac ermutigte die Franzosen, die angesichts der Globalisierung von Selbstzweifeln und Unsicherheit geplagt sind: "Wir dürfen uns vor der Entwicklung der Welt nicht fürchten."

Aber schon beim folgenden väterlichen Ratschlag des Staatschefs ertönten genau jene Zweideutigkeiten, mit denen Frankreichs Politiker den Bürgern seit Jahrzehnten Sand in die Augen streuen, wenn es um Frankreichs Rolle in der Welt und in Europa geht. Ja, es sei "lebenswichtig, den Aufbau Europas fortzusetzen", sagte Chirac - aber fügte eben doch wieder hinzu, "ein Europa, das unser soziales Modell garantiert".

Da klingt er wieder durch, der Gedanke, dass Europa eine feine Sache ist, solange es nichts anderes ist als ein Frankreich im Großformat. Solange es an den Grundgegebenheiten der französischen Politik und Gesellschaft nichts ändert.

Diese Idee, "Europa müsse das Gleiche sein wie Frankreich, nur größer", sei von jeher ein "Autopilot" in der französischen Politik gewesen, sagt der Meinungsforscher Stéphane Rozès. "Aber der Autopilot ist kaputt, und die Leute wissen das."

Mehr Toleranz, weniger Elend, neues Leben mit der Natur

Eine Sonderrolle kommt Frankreich Chirac zufolge auch im weltweiten Kampf der Religionen und Kulturen zu. Frankreich habe "besondere Verantwortung, die aus seiner Geschichte herrührt und den universellen Werten, die es mitgeformt hat", sagte der Staatschef. Das Land solle Toleranz fördern - und nicht zulassen, dass Milliarden Menschen weltweit in Armut und Elend leben. Außerdem müsse es eine neue Art des Lebens in und mit der Natur finden, "auf einem Planeten, der nicht mehr kann".

So emotional, so leidenschaftlich patriotisch und so offensichtlich, was die Herausforderungen der kommenden Jahre angeht, war die Rede des Präsidenten, dass kaum ein Kommentator es wagte, den alten Mann im Elysée zu kritisieren. "Konsens, Würdigung und Respekt" beherrschten allseits die Reaktionen auf die Ansprache - so fasste es ein Fernsehkommentator zusammen.

Sarkozys Vertrauter Brice Hortefeux zeigte sich beeindruckt von der großen "Anständigkeit" der präsidialen Einlassung - obwohl Sarkozy damit immer noch nicht den Segen des Staatschefs hat.

Er war kein Kitt für die brüchige Gesellschaft

Auch die Sprecherin des christdemokratischen Umfragen-Aufsteigers François Bayrou wollte Chirac "an einem solchen Abend nicht kritisieren". Selbst die Kandidatin der Sozialisten, Ségolène Royal, erwähnte die "Würde" der Chirac-Rede - bevor sie kritisierte, die Gräben in der Gesellschaft hätten sich in seiner Amtszeit vertieft und die Franzosen hätten wegen der anhaltenden Arbeitslosigkeit eine "tiefe Wut".

Tatsächlich werden von Chirac, der 40 Jahre lang Frankreichs Politik mitbestimmte, nicht viele herausragende Errungenschaften in Erinnerung bleiben. Die Ratschläge, die er am Sonntagabend seinem Volk mit auf den Weg in die Präsidentschaftswahl gab, hat er zu großen Teilen selbst nicht befolgt.

Dabei war er schon 1995 mit dem großen Ziel angetreten, den "Bruch in der Gesellschaft" zu kitten. Der Vorstoß des rechtsradikalen Jean-Marie Le Pen in den zweiten Durchgang bei den Präsidentschaftswahlen 2002 war ein erster, ohrenbetäubender Warnschuss, dass es mit dem Zusammenhalt in der Gesellschaft nicht so weit her ist.

Zeugnis des Scheiterns

Doch auch seine zweite Amtszeit, die Chirac angesichts seines extremistischen Gegenübers von mehr als 80 Prozent der französischen Wähler zugesprochen bekam, hat der Staatschef nicht für Reformen genutzt. Der Aufstand der Jugendlichen in den desolaten Vorstädten vor anderthalb Jahren war das beredte Zeugnis dieses Scheiterns.

Illusionen über seine Bilanz macht Chirac sich sicher nicht. Beim EU-Gipfel am Freitag in Brüssel hatte er sich sogar dafür entschuldigt, nicht genug gegen das Scheitern des Verfassungsreferendums in seinem Land im Mai 2005 unternommen zu haben.

Mit seiner liebevollen, stolzen Vision Frankreichs, so schien es bei seinem Fernsehauftritt, wollte er seinen Landsleuten noch einmal zeigen, dass er das Herz und die Überzeugungen am rechten Fleck hat.

Doch die Landsleute befinden sich längst im Wahlkampf - und damit in Gedanken in der Ära nach Chirac. Es sei Zeit, "von den schönen Worten jetzt zu den Taten zu kommen", sagte Royal. Und Bayrou, der überraschend beliebte Zentrumskandidat, bilanzierte, die Zeiten in Frankreichs Politik müssten vorbei sein, in denen es immer "große Worte mit wenig dahinter gab".



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