Abschied des Premiers Blair übergibt Queen Rücktrittserklärung

Zum Abschied gab es freundliche Worte - sogar vom politischen Gegner: Bei Tony Blairs letzter Fragestunde im Parlament hat Oppositionsführer Cameron die Verdienste des scheidenden Premiers gewürdigt. Blair verteidigte noch einmal seine Entscheidung für den Irak-Krieg.


London - Gelöst, geradezu heiter war die Atmosphäre im britischen Unterhaus: Zum letzten Auftritt von Premierminister Tony Blair wurde gescherzt und gelacht wie selten im House of Commons. Blairs Abschied nach zehn Jahren Amtszeit stimmte auch den politischen Gegner freundlich. Und so fand der konservative Oppositionsführer David Cameron ausgesprochen höfliche Worte für den scheidenden Regierungschef.

Blair vor Downing Street 10: Letzter Gruß
AP

Blair vor Downing Street 10: Letzter Gruß

Cameron lobte die "bedeutenden Errungenschaften" Blairs: Explizit erwähnte der Tory-Politiker den Friedensprozess in Nordirland und die Entwicklungspolitik. "Ich bin sicher, das Leben unter den Augen der Öffentlichkeit war für seine Familie manchmal hart", gestand Cameron ein. "Deswegen wünsche ich ihm und seiner Familie im Namen meiner Partei alles Gute und wir wünschen ihm viel Erfolg bei allem, was er in der Zukunft tun wird." Blair schloss die Sitzung im Parlament mit den Worten: "Lebt wohl, das war's, das ist nun das Ende."

Doch auch der Ernst der politischen Gegenwart spielte noch einmal eine Rolle. Denn Blair nutzte zuvor seine letzte Rede, um die tief greifendste Entscheidung seiner Amtszeit zu verteidigen: die Beteiligung am Krieg gegen den Irak. Er bedauere, das Briten dort ihr Leben verloren hätten. Ihm sei klar, dass einige der Meinung seien, die Soldaten würden im Irak sinnlos großen Gefahren ausgesetzt sein. "Ich glaube jedoch, sie kämpfen für Sicherheit in diesem Land und in der Welt gegen Menschen, die unsere Lebensart zerstören wollen", betonte Blair. Was immer jedoch über seine Entscheidung für den Irak-Krieg gedacht werde, über die Soldaten könne es nur eine Meinung geben: "Sie sind die Größten und die Besten".

Blair betonte, dass es nach seiner Überzeugung keine Alternative zum entschlossenen Kampf gegen den Terrorismus gebe. Zugleich verwies er darauf, dass in den kommenden Wochen und Monaten die Zahl der britischen Soldaten im Irak planmäßig weiter reduziert werde. Seit Beginn der Invasion im März 2003 sind bislang 153 britische Soldaten im Irak umgekommen.

Rücktrittserklärung bei der Queen

Im Anschluss an die Unterhaus-Sitzung verließ Blair am frühen Nachmittag zum letzten Mal seinen Wohnsitz in der Downing Street. Gemeinsam mit seiner Frau stieg er winkend in die wartende Limousine ein, ohne noch einmal zu den wartenden Journalisten und Schaulustigen zu sprechen. Der Wagen fuhr den Premier den kurzen Weg zum Buckingham-Palast, wo er Königin Elizabeth II. offiziell seine Rücktritterklärung übergeben wollte. Die Queen wollte anschließend seinem Nachfolger Gordon Brown den Auftrag zur Regierungsbildung erteilen.

Am Morgen waren vor Blairs Amts- und Wohnsitz bereits die Möbelwagen vorgefahren. Von Teppichen über Sessel und Betten bis hin zu den Matratzen trugen die Möbelpacker vor laufenden Fernsehkameras Blairs Einrichtung ab.

Tony Blair lebte seit 1997 in Downing Street, als er nach dem Sieg der Labour-Partei Premierminister wurde. Weil die Blairs damals bereits drei Kinder hatten, wählten sie die größere, über der in Nr. 11 ansässigen Residenz des Finanzministers gelegene, Wohnung. Die kleinere Wohnung oberhalb der Amtsräume des Premierministers in Nummer 10 hatten sie Finanzminister Brown überlassen, der sie bislang allerdings nur zur Bewirtung von Gästen genutzt hatte.

Der Machtwechsel wird von einer neuen Umfrage begleitet, nach der die konservative Opposition erstmals seit Wochen bei den Wählern wieder einen leichten Vorsprung vor der regierenden Labour-Partei hat. Danach würden sich 37 Prozent für die Konservative Partei entscheiden und 36 Prozent für Labour.

Neuer Job als Nahost-Gesandter

Trotz aller Abschiedsfeierlichkeiten - schon sehr bald wird Blair wieder auf der politischen Bühne antreten: Der Premier hat die Berufung zum neuen internationalen Nahost-Beauftragten angenommen. Die offizielle Ernennung Blairs durch das Nahost-Quartett aus EU, Uno, den USA und Russland wird noch heute erwartet.

Bei seinem letzten Unterhaus-Auftritt nahm Blair bereits Bezug auf seine neue Rolle, ohne sie offiziell zu bestätigen. Er glaube, es gebe eine Lösung in der Region. Dafür sei aber "immense Arbeit" nötig, betonte Blair. Der neue Job im Nahost-Quartett, dem die USA, die UN, die EU und Russland angehören, sollte im Laufe des Tages verkündet werden.

US-Präsident George W. Bush nahm den scheidenden britischen Premierminister unterdessen gegen den Vorwurf in Schutz, er habe sich wie der "Pudel" des amerikanischen Staatschefs benommen. "Ich habe gehört, dass er 'Bush's Pudel' genannt wurde. Er ist größer als das", sagte der Präsident nach Angaben der britischen Boulevardzeitung "The Sun" in einem Interview. Derartige Vorhaltungen seien "nur Hintergrundgeräusche, eine Ablenkung von den großen Dingen".

phw/AP/Reuters/dpa



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