Abstimmung über neuen Präsidenten Wahl entscheidet über Haitis Schicksal

Beobachter halten die Präsidentschaftswahl am Sonntag für die wichtigste Abstimmung in Haiti seit 200 Jahren. Die leidgeplagten Menschen hoffen auf Veränderung. Doch viele fürchten, dass die Regierungsclique ihren Lieblingskandidaten durchsetzt - durch Einschüchterung oder Wahlfälschung.

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Aus Port-au-Prince berichtet


Wahlkampf in Haiti ist manchmal genau so, wie man ihn sich in einer karibischen Nation vorstellt. Fröhlich, freundlich, laut und lustig. Zu Musik aus Tubas, Tröten und Trompeten ziehen die Menschen über die Straßen, schwenken Transparente ihres Kandidaten und wiegen sich im Rhythmus der Musik. Aber Wahlkampf in Haiti ist leider zu oft auch ganz anders. Dann fliegen die Tränengasgranaten, und manchmal wird auch scharf geschossen.

Richard Widmaier kennt das. Er blickt auf die zu Ende gegangene Präsidentschaftskampagne entspannt zurück. "Wir haben in Haiti schon ganz andere Wahlkämpfe erlebt", sagt der Chef des Nachrichtensenders "Radio Métropole" und wippt in seinem Schreibtischstuhl vor und zurück. Bis zum Wochenende kamen "nur" drei Menschen ums Leben. Der Unternehmer Charles Baker warb zum selben Zeitpunkt wie der Regierungskandidat Jude Célestin in Beaumont im Süden der Insel um Wähler. Anhänger beider Lager zückten die Pistolen.

Haiti und politische Gewalt gehören zusammen wie Sonne und Karibik. Zwischen 1843 und 1915 regierten 22 Staatschefs die Republik, von denen nur einer sein Mandat beenden konnte. Die große Mehrzahl wurde gestürzt. Und die fast dreißigjährige Gewaltherrschaft von François ("Papa Doc") und Jean-Claude ("Baby Doc") Duvalier zwischen 1957 und 1986 trug wesentlich zu Haitis Rückständigkeit bei. Die Diktatoren und ihre Entourage plünderten nicht nur das Land: Ihre Privatarmee Tontons Macoutes tötete über 60.000 Menschen.

Mit dem Armenpriester Jean-Bertrand Aristide wiederholte sich die Geschichte. Er begann als Hoffnungsträger und endete als Despot. Er unterdrückte seine Gegner und bediente sich aus der Staatskasse. Am 29. Februar 2004 musste auch er ins Exil fliehen. Seither versuchen die Vereinten Nationen mehr schlecht als recht einen Neuaufbau des geschundenen Landes.

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Haiti: Helfer kämpfen gegen die Cholera
Jede Wahl in Haiti scheint auf ihre Art eine Schicksalswahl zu sein. Am Sonntag geht es trotzdem um besonders viel. Die Krisenforscher der International Crisis Group halten die Wahl für die wichtigste seit der Unabhängigkeit des Inselstaates vor über 200 Jahren. Denn der Nachfolger von Präsident René Préval, der am 7. Februar sein Amt antreten soll, wird mächtiger sein und mehr Verantwortung haben als jeder seiner demokratischen Vorgänger. Er muss den Wiederaufbau der Hauptstadt Port-au-Prince in Angriff nehmen und die Milliardenhilfe der Internationalen Gemeinschaft verwalten.

Die Rekonstruktion der Hauptstadt lässt auch ein knappes Jahr nach dem Beben, bei dem bis zu 300.000 Menschen ums Leben kamen, auf sich warten. Ein Großteil der Innenstadt sieht noch so aus, als hätte der Boden am 12. November und nicht am 12. Januar gebebt. Bis zu 1,5 Millionen Menschen leben nach wie vor in Zeltlagern oder auf Plätzen und Bürgersteigen. Zudem plagt eine Cholera-Epidemie das Land, 1650 Menschen sind gestorben, mehr als 20.000 infiziert.

Trotzdem wollen die Menschen am Sonntag wählen gehen. In der vergangenen Woche bildeten sich jeden Tag ab sechs Uhr morgens lange Schlangen vor den Polizeirevieren in Port-au-Prince. Die Menschen wollten sich einen Personalausweis besorgen, um wählen gehen zu können.

So auch Saintrose Avril, 33. Sie ist extra von Port-au-Prince aus in ihren drei Stunden entfernten Heimatort Grand Goâve gefahren, um sich das Dokument zu besorgen, das sie zur Stimmabgabe berechtigt. "Wir brauchen Wechsel. Das Land leidet, und Präsident René Préval hat weder nach dem Beben noch nach der Cholera was für uns gemacht", sagt Avril. Sie hat sieben Kinder, und ihr Mann ist beim Erdbeben ums Leben gekommen.

Auch Nachrichtenchef Widmaier sagt, das häufigste Wort, das er bei seinen Interviews von den Haitianern höre, sei "Veränderung". Die Menschen sind von der Regierung enttäuscht und wollen verhindern, dass Préval den Kandidaten zu seinem Nachfolger macht, von dem seine Tochter ein Kind erwartet.

Hilfsorganisationen erteilen Hausarrest

Der 48 Jahre alte Jude Célestin war Chef der Infrastrukturbehörde und wurde vom Präsidenten erst im letzten Moment vor der Schließung der Kandidatenliste der Regierungspartei "Inité" (kreolisch für Einheit) aus dem Hut gezaubert. Kaum jemand kannte ihn bis vor zwei Monaten. Heute kann man seinem Bild in ganz Haiti nicht mehr ausweichen. Es prangt auf Mauern, Trümmern, Autos, und während die Regierung kaum Geld für die Cholera-Bekämpfung ausgibt, buttert sie in den Wahlkampf von Célestin Millionen. Er fliegt mit dem Helikopter von Auftritt zu Auftritt, und seine Leute verschenken Zehntausende von T-Shirts.

Verlaufen die Wahlen frei und fair, hat Célestin keine Aussicht auf Erfolg - so unbeliebt ist er. Dass überhaupt einer der 18 Kandidaten die Wahl im ersten Durchgang für sich entscheidet, ist unwahrscheinlich. Die besten Chancen werden immer noch Mirlande Manigat eingeräumt. Die 70-jährige steht als Ex-Frau eines Präsidenten und als Ex-Senatorin für die Kontinuität der politischen Klasse an der Macht. "Für die Haitianer repräsentiert die Frau mit der Ausstrahlung einer Großmutter offensichtlich die beste Option für einen Wechsel", sagt Richard Widmaier.

Aber die Menschen fürchten, dass die Regierung ihren Kandidaten Célestin durchsetzt, indem sie die Menschen einzuschüchtern versucht, damit sie für den Regierungskandidaten stimmen, oder die Voten direkt fälscht. Aus Angst vor Unruhen und Protesten während des Wahlwochenendes haben viele Hilfsorganisationen ihren Mitarbeitern Hausarrest erteilt oder sie gleich in den Zwangsurlaub nach Kuba oder in die Dominikanische Republik geschickt.

Auch die Haitianer bleiben in diesen Tagen offensichtlich lieber daheim. Denn sogar der sonst unerträgliche Verkehr in Port-au-Prince ist in diesen Tagen erträglich. Das merkte auch Richard Widmaier. "Meine Frau hatte am Donnerstag Geburtstag, und zum ersten Mal in Jahren habe ich es nach Hause geschafft, bevor der Kuchen aufgegessen war."



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onkel hape 27.11.2010
1. Diskussion?
Der Artikel beschreibt die Vergangenheit, den Zustand und die Probleme Haitis zutreffend. Aber was gibt es da zu diskutieren? Das geschundene Haiti lebt seit seiner Gründung, Befreiung von der Kolonialherrschaft, mit korrupten, kriminellen politischen Führern, denen es nur um persönliche Macht und Bereicherung ging/geht und denen das Schicksal ihrer Landsleute völlig egal ist. Das wird so bleiben, leider. Die Zukunft dieses Albtraumstaates ist hoffnungslos.
Achim 27.11.2010
2. Etwas fehlt
Man sollte ergänzen bzw. korrigieren: Aristide wurde weggeputscht, als er noch Hoffnungsträger war. Als er aus dem Exil in den USA zurückkam, war er deutlich verwandelt. Wer hat ihn da wohl umgedreht? Und 2004 ist er nicht "geflohen", sondern wurde mit US-Hilfe "außer Landes verbracht", man könnte auch sagen: im Pyjama in den Hubschrauber gezerrt.
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