Abtreibungen in Weißrussland Protokolle der Angst

Weißrussland hat eine der höchsten Abtreibungsraten der Welt. Tatsiana Tkachova hat Frauen getroffen, die eine Schwangerschaft abgebrochen haben - und ein Tabu in dem Land brechen: Sie sprechen offen darüber.

Tatsiana Tkachova

Von Antonia Schaefer


Die Fotografin Tatsiana Tkachova war 15 Jahre alt, als sie erfuhr, dass ihre Mutter eine Abtreibung hatte. Für die Jugendliche war das damals ein Schock. Sie konnte ihre Mutter nicht verstehen. Erst viele Jahre später sprach Tkachova ihre Mutter erneut auf das Thema an, behutsamer diesmal. "Während meine Mutter erzählte, schaute sie mir nicht in die Augen. Sie sprach zögernd, beinahe flüsternd." Tkachova verstand: Ihre Mutter hatte die Abtreibung nie verarbeitet.

Abtreibungen werden in Weißrussland oft tabuisiert. Nur selten wird offen darüber gesprochen, wenn Frauen ihre Schwangerschaft beenden. Sie werden oft stigmatisiert.

Dabei sind Schwangerschaftsabbrüche in Weißrussland nicht verboten. Die Abtreibungsrate in dem Land zählt zu den höchsten der Welt: 2016 kamen 24 Abtreibungen auf 100 Lebendgeburten - nicht ungewöhnlich für ein Land, das ehemals zur Sowjetunion gehörte. Dort wurde der Abbruch lange als Form der Verhütung genutzt. Zum Vergleich: In Deutschland kamen 2016 auf 100 Geburten 12,3 Abtreibungen.

Fotografin Tkachova machte sich auf die Suche nach Frauen, die wie ihre Mutter abgetrieben haben. Die bereit waren, darüber zu sprechen - und sich fotografieren zu lassen. Mehr als sechs Monate war sie dafür unterwegs. Die Namen der Frauen in dieser Fotogeschichte sind geändert. "Du darfst mich nur von hinten zeigen", sagte eine der Protagonistinnen. "Das Gesicht lassen wir lieber weg."

Eine gewalttätige Ehe, Missbrauch, Angst vor Verachtung

Es entstanden Protokolle, die von Gewalt in der Ehe erzählen, von Missbrauch, Angst, Verachtung oder schlicht von der finanziellen Schwierigkeit, ein Kind zu ernähren. So unterschiedlich die Gründe der Frauen gewesen sein mögen, ihre Schwangerschaften zu beenden: Immer geht es auch um Scham und Schuldgefühle, um Druck von außen, vom Ehemann, der Familie, der Ärzte.

"Es kam mir vor wie Mord", erzählt etwa Tamara. Sie wurde schwanger - und fürchtete sich vor der Reaktion ihres Vaters. Ihre Mutter gab ihr das Geld für die heimliche Abtreibung. Oder Natalia: Sie wurde zur Zeit der Tschernobyl-Katastrophe schwanger und trieb aus Angst vor Missbildungen ab.

"Ganze Generationen sind in Weißrussland aufgewachsen, ohne über Sexualität und Pubertät zu sprechen", sagt Tkachova. Es fehle an Aufklärung, und es gebe keine psychologische Hilfe für Frauen nach einem Schwangerschaftsabbruch. "Das Tabu um die Abtreibung muss aufhören - keine Frau sollte sich dafür schämen müssen", sagt sie.

Lesen Sie in dieser Fotostrecke die Geschichten der Frauen.

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Schwangerschaftsabbruch: Scham und Schuldgefühle
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