Abu-Ghureib-Affäre Vorgesetzte gaben Freibrief für Folter

Die Anhörung von mehreren US-Soldaten in Mannheim, die der Folter beschuldigt sind, hat heute neue Hinweise darauf gegeben, dass Vorgesetze die Misshandlungen angewiesen haben. Eine brisante E-Mail belegt, dass die Wärter entgegen Behauptungen des Pentagon von höherer Stelle einen Freibrief für Folterungen in Abu Ghureib bekamen.

Von Siegesmund von Ilsemann


Beschuldigter Ivan Frederick: Entlastendes Fax
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Beschuldigter Ivan Frederick: Entlastendes Fax

Mannheim - In der Mail vom Sommer 2003, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, erläutert Hauptmann William Ponce Jr. vom Militärgeheimdienst im Heidelberger Hauptquartier der US Armee in Europa zunächst den Unterschied zwischen "Kombattanten", die von der Genfer Konvention geschützt werden, und "illegal combatants", die diesen Schutz nicht genießen. Letztere seien "Kriminelle". Richtlinien für deren Behandlung gebe es nicht.

"Aber wir werden das für Sie feststellen", schreibt Captain Ponce. Unverzüglich sollten sich die Adressaten dieser Anweisung mit den Verhörspezialisten ihrer Divisionen und Korps in Verbindung setzen, um zu erfahren, "welche Techniken sie für wirksam halten." Bis zum 17. August 2003 solle eine "Wunschliste" der Verhörmethoden eingereicht werden.

Wie die aussehen soll machte Ponce in seinem Schlussabsatz deutlich: "Was diese Gefangenen angeht, werden die Samthandschuhe nun ausgezogen. Oberst (Steven) Boltz hat klar gemacht, dass diese Individuen gebrochen werden sollen. Unsere Verluste steigen und wir müssen damit beginnen, Informationen zu sammeln, um unsere Kameraden vor weiteren Angriffen zu schützen. Vielen Dank für Ihre harte Arbeit und Ihren Einsatz." Boltz war zu der Zeit Vizechef des Militärgeheimdienstes des V. US-Armeecorps.

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Das Schreiben schließt mit dem Kampfruf "MI ALWAYS OUT FRONT" - der Militärgeheimdienst immer vornweg: offenbar auch beim Foltern.

In Washington räumte unterdessen das Verteidigungsministerium eine Mitschuld hoher Offiziere ein. Sie hätten nichts gegen überfüllte Haftanstalten unternommen und die Aufsicht an Untergebene abgeschoben, heißt es in einem Dossier, aus dem die "New York Times" berichtet. Insbesondere Generalleutnant Ricardo Sanchez habe Verhörmethoden und andere Maßnahmen der Streitkräfte im Irak, in Afghanistan und im Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba nicht angemessen beaufsichtigt, heißt es in dem Bericht.

Auch Brigadegeneralin Janis Karpinski, Kommandeurin der 800. Militärpolizeibrigade in Abu Ghuraib, wird dem Zeitungsbericht zufolge wegen falscher Führung kritisiert. Sie wurde im Mai vom Dienst suspendiert.



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