Abu Ghureib Geplagte Seele eines Folterers

Der US-Amerikaner Tony Lagouranis hat als Spezialist in einer Einheit des US-Geheimdienstes an brutalen Verhören in irakischen Gefängnissen mitgewirkt. Nun packt er aus - geplagt von seinem Gewissen.


Das irakische Gefängnis Abu Ghureib ist seit dem Sommer 2004 Symbol schlimmster Foltermethoden. Im Rahmen der Aufklärung des Skandals wurden US-Soldaten verurteilt und unehrenhaft aus der Armee entlassen, doch die Frage, welche politischen Entscheidungsträger involviert waren, wurde nur unzureichend geklärt. In diesem Lager war Tony Lagouranis stationiert, er hat sich an den menschenverachtenden Aktionen beteiligt. Jetzt hat er seine Erinnerungen in einem Buch verarbeitet: "Fear Up Harsh: An Army Interrogator's Dark Journey through Iraq" ("Die finstere Reise eines Verhörspezialisten durch den Irak"), das Buch dürfte in den USA die Folterdebatte wieder neu beleben.

Abu Ghureib: Folterfotos schockierten im Sommer 2004 die Weltöffentlichkeit
AP

Abu Ghureib: Folterfotos schockierten im Sommer 2004 die Weltöffentlichkeit

Der "Washington Post" gestand Lagouranis heute schon: "Ich habe gefoltert." Gelernt habe er die Zwangstechniken, die er in den Verhören von Terrorverdächtigen anwendete, im Fort Huachuca, Arizona. Insbesondere britische und israelische Verhörmethoden seien von seinen Kameraden bewundert worden. "Die britischen Techniken waren sehr grob", erinnert sich Lagouranis.

Mehr als grob waren auch die Methoden, die Lagouranis in Abu Ghureib angewendet hat. Er zwang einen Großvater, eine Nacht lang in der Kälte zu knien, heißt es in der "Washington Post". Er ließ Gefangene stundenlang in schmerzhaften Positionen verharren. Er versteckte gefolterte Insassen des Gefängnisses vor irakischen und amerikanischen Kontrolleuren, um das Foltersystem zu decken. Er fügte zwei jungen irakischen Brüdern schlimmste Unterkühlungen zu. "Sie hätten sterben können", sagt Lagouranis. Als er Abu Ghureib verließ, habe er sich sogar bei einem der Brüder entschuldigt, denn mit der Zeit plagten ihn Gewissensbisse.

Zwangsmaßnahmen oder Folter?

"Zu jeder Zeit gab es einen Part in meinem Körper, der rebellierte, und einen, der genoss", gestand Lagouranis der "Washington Post". Erst als die Tante eines Soldaten mehrere Kopien der Holocaust-Memoiren von Viktor E. Frankel in den Irak geschickt habe und Lagouranis begann, sich für Praktiken der Nazis zu begeistern, habe er realisiert, dass er zu weit gehe. Doch, so stellt er es in der "Washington Post" klar: Bei allen Verhören habe er sich an Richtlinien des Militärs gehalten.

Die Grenze zwischen den von der US-Regierung erlaubten Zwangsmaßnahmen, die im weltweiten Kampf gegen den Terrorismus angewendet werden, und Folter sind umstritten und viel diskutiert. Die US-Regierung plant derzeit eine Präsidentenverfügung, die geheime Regeln für die Verhörmethoden der CIA festlegen soll. Demnach soll die bisher praktizierte Methode des "waterboarding" verboten werden, bei der Gefängnisinsassen das Gefühl vermittelt wird zu ertrinken.

Im April hatte der US-amerikanische Oberbefehlshaber für den Irak, General David H. Petraeus, seine Truppen darauf hingewiesen, dass das Militär Folter und ähnliche Methoden zur Informationsbeschaffung nicht billige. Doch die Rechtslage bleibt schwammig, insbesondere für Soldaten wie Lagouranis: "Ich konnte irgendwann nicht mehr verstehen, was richtig und was falsch ist. Es gab keine Regeln. Uns wurde wortwörtlich gesagt, dass wir kreativ sein sollen." Lagouranis erhebt schwere Vorwürfe gegen die US-Regierung: "Sie sprechen von einer besonderen Art des Krieges und von speziellen Regeln für Terroristen. Das ist doch totaler Mist."

In den USA soll das Buch noch diese Woche auf den Markt kommen. Die Organisation Human Rights Watch hat die Behauptungen des ehemaligen Soldaten überprüft und hält sie für wahr. Auch ein Kollege, der an Verhören teilnahm, sowie ein direkter Vorgesetzter von Lagouranis haben seine Aussagen bestätigt.

tos

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