Abzug der Isaf-Truppen Bundeswehr warnt vor Bürgerkrieg in Afghanistan

Die anstehende Afghanistan-Konferenz startet unter ungünstigen Vorzeichen. Die "Bild"-Zeitung zitiert aus geheimen Bundeswehrpapieren, wonach dem Land nach Abzug der Isaf-Truppen der Bürgerkrieg droht. Kanzlerin Merkel setzt inzwischen auf Gespräche mit gemäßigten Taliban.

Bundeswehr in Afghanistan: Rückzug beginnt 2012
REUTERS

Bundeswehr in Afghanistan: Rückzug beginnt 2012


Hamburg - Kurz vor Beginn der hochkarätig besetzten Afghanistan-Konferenznächste Woche in Bonn rückt der Krieg am Hindukusch wieder in den Fokus. Zehn Jahre nach dem letzten großen internationalen Treffen zu dem Thema zeigt sich, wie düster die Prognosen für das Land sind. Nun sind brisante Dokumente aufgetaucht, die die wenig aussichtsreiche Zukunft nach dem beschlossenen Abzug der Nato-Truppen beschreiben.

Die "Bild"-Zeitung berichtet am Freitag unter Berufung auf geheim eingestufte Analysedossiers der Bundeswehr und der US-Armee, Afghanistan werde nach dem Rückzug des Westens schnell wieder im Chaos versinken. Konkret heißt es in einem Papier: "Wenn die Isaf-Truppen das Land verlassen, wird es Bürgerkrieg geben." Die "Bild"-Zeitung zitiert unter anderem aus einem US-Dokument des Combined Joint Intelligence Operations Center - Afghanistan, einer Art Militärgeheimdienst. "Nach dem Ende der Besatzung durch Isaf 2014, werden die Führer der Aufständischen", die sich nach Pakistan geflüchtet haben, "nach Afghanistan zurückkehren", heiße es auch in einem als geheim eingestuften Bundeswehrdokument.

Die Lageeinschätzungen konterkarieren die offizielle Linie der Nato-Länder, die der afghanischen Armee die gesamte Verantwortung für die Sicherheit im Land übergeben wollen. Der Druck in fast allen an der Mission beteiligten Ländern ist groß, die beim Wahlvolk unbeliebte und enorm teure Mission am Hindukusch zu beenden. Viele Zweifel an diesem Konzept werden gern ignoriert.

Geschichte könnte sich wiederholen

Der Abzug ist indes längst beschlossene Sache. Die Bundesregierung will die Zahl der deutschen Soldaten in Afghanistan bis Anfang des Jahres 2013 um 950 auf 4400 Mann reduzieren. Die neue Obergrenze soll auch im Bundestagsmandat für den Afghanistan-Einsatz festgehalten werden. Das bisherige Mandat läuft im Januar aus. Die Bundesregierung hatte schon Ende 2010 im Einklang mit der Nato beschlossen, alle Kampftruppen bis Ende 2014 abzuziehen und die Verantwortung für die Sicherheit im Land den afghanischen Kräften zu übertragen. Außenminister Guido Westerwelle gehört zu den treibenden Kräften, die immer wieder auf einen Abzug aus Afghanistan drängen. Schon jetzt ist aber klar, dass trotzdem internationale und auch deutsche Kräfte im Land bleiben werden.

Denn allenthalben wird befürchtet, dass sich in Afghanistan Geschichte wiederholen könnte. Ende der achtziger Jahre zogen sich die Sowjets nach dem Afghanistan-Krieg aus dem Land zurück. Danach brach der Bürgerkrieg dort mit voller Brutalität aus. Kurz darauf gelangten die Taliban an die Macht.

Als Unsicherheitsfaktor gilt heute unter anderem die Zusammensetzung der Sicherheitskräfte. Polizei und Armee werden dominiert von den ethnischen Minderheiten der Tadschiken und Usbeken. Diese formten im Bürgerkrieg die Nordallianz, die beim größten Teil der Paschtunen, die sich als Afghanistans Staatsvolk verstehen und das Hauptreservoir der Taliban bilden, als feindliche Truppe bis heute verhasst ist.

Merkel: Gespräche mit gemäßigten Taliban

Inzwischen setzt sich immer weiter die Auffassung durch, dass ein Friede am Hindukusch überhaupt nur möglich ist, wenn gemäßigte Taliban in Gespräche miteinbezogen werden. Die US-Regierung handelt längst danach. Nun setzt sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel dafür ein. Merkel sagte in einem Gespräch mit dem Bonner "General-Anzeiger", Afghanistan brauche "im Inneren einen Prozess der politischen Versöhnung, und es muss nach außen in eine gute Partnerschaft mit seinen Nachbarländern eingebettet sein". Als Bedingungen für die Teilnahme von Taliban am Versöhnungsprozess nannte Merkel, dass diese "jede Verbindung zu al-Qaida kappen und der Gewalt abschwören".

Der Westen wolle "die Fehler anderer aus der Vergangenheit nicht wiederholen", sagte Merkel weiter. Afghanistan solle nach der Übergabe der Verantwortung nicht seinem Schicksal überlassen werden. Deswegen sei es wichtig, die zivile Hilfe nach 2014 ebenso fortzusetzen wie die Unterstützung bei der Ausbildung von Soldaten und Polizisten. Ziel sei ein stabiles Afghanistan, "auch wenn es vielleicht nicht unseren westlichen Vorstellungen von Demokratie entspricht". In Bonn gehe es darum, Afghanistan "für die Phase des Übergangs stark zu machen".

Die jetzt aufgetauchten Dokumente haben durchaus Potential, die am Wochenende beginnende Afghanistan-Konferenz in Bonn zu beeinflussen. Auf der Tagung, zu der am Freitagnachmittag bereits Afghanistans Präsident Hamid Karzai und später rund 65 Außenminister aus der ganzen Welt anreisen, soll die weitere Unterstützung Afghanistans nach dem Abzugstermin besprochen werden. Erwartet wird, dass die Staatengemeinschaft dem Land eine langfristige Partnerschaft anbietet, allerdings statt mit Soldaten eher durch finanzielle Zuwendungen.

ler/mgb/dpa/AFP

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.