Kampagne gegen Alaa Mubarak Ägyptens Diktatorensohn, ein Muslimbruder?

Die Paranoia des Regimes in Ägypten treibt neue Blüten: Unterstützer von Staatschef Sisi erklärten ausgerechnet den Sohn von Ex-Präsident Mubarak zum Anhänger von Islamisten. Was hinter den Vorwürfen steckt.

Alaa Mubarak (2011): Das Regime macht aus dem Diktatorensohn einen Terrorsympathisanten
AP

Alaa Mubarak (2011): Das Regime macht aus dem Diktatorensohn einen Terrorsympathisanten

Von


Mit einem Stadionbesuch fing der ganze Ärger für Alaa Mubarak an. Ende Juni verfolgte er von der Tribüne aus den 2:0-Sieg der ägyptischen Nationalmannschaft im Vorrundenspiel des Afrika-Cups gegen die Demokratische Republik Kongo.

Bis vor einigen Jahren war er jahrelang Stammgast auf der Ehrentribüne des Stadions in Kairo - schließlich ist Alaa der Sohn des vor acht Jahren gestürzten Langzeitpräsidenten Hosni Mubarak. Der Herrscher und seine Söhne Alaa und Gamal sonnten sich damals gerne im Erfolg und der Popularität des Nationalteams.

2011 war damit Schluss: Nach dem Sturz ihres Vaters landeten beide Söhne für vier Jahre im Gefängnis. Besonders Alaa traut sich inzwischen aber wieder mehr und mehr in die Öffentlichkeit. Seit Ende 2017 betreibt er einen Twitteraccount mit inzwischen mehr als 400.000 Followern. Über diesen verbreitete er auch ein Foto aus dem Stadion, das ihn mit einem Mädchen zeigt. Sie habe ihn um ein gemeinsames Bild gebeten, schreibt Mubarak.

Aus Sicht des Regimes überschritt der 58-Jährige damit eine rote Linie. Noch am selben Tag annullierten die ägyptischen Organisatoren seine Fan-ID, ohne die man beim Afrika-Cup weder Tickets kaufen noch das Stadion betreten durfte. Offenbar hatte das Bild des Mubarak-Sohnes im Stadion zu viele Erinnerungen an das alte Regime geweckt.

Kurz darauf der nächste Schlag: Die Justiz nahm Karim Hussein, den Administrator der Facebook-Seite "Es tut mir leid, Herr Präsident" für 15 Tage in Gewahrsam. Hussein verbreite Falschnachrichten mit dem Ziel, dem ägyptischen Staat zu schaden, so der Vorwurf. Die Seite ist ein Sprachrohr für Mubarak-Nostalgiker und Unterstützer des alten Regimes. Sie gibt jenen eine Stimme, die der Ansicht sind, dass der Sturz des Diktators im Februar 2011 ein Fehler gewesen sei. Und das sind nicht wenige Ägypter: Mehr als drei Millionen Menschen haben die Seite abonniert.

Der Generalstaatsanwalt prüft Ermittlungen gegen Mubarak

Das Regime des jetzigen Herrschers Abdel Fattah el-Sisi ließ Hussein und seine Mitstreiter lange gewähren. Die aktuelle Führung in Kairo sieht die islamistischen Muslimbrüder und ihre Verbündeten als Hauptfeinde - und nicht die nationalistisch konservativen Mubarak-Anhänger, deren Ideologie sich von Sisi kaum unterscheidet. Doch in Verbindung mit Mubaraks Stadionauftritt fühlte sich die Regierung inzwischen offenbar doch herausgefordert.

Seit dieser Woche prüft die Generalstaatsanwaltschaft in Kairo nun sogar Ermittlungen gegen Mubarak, weil dieser angeblich die Muslimbrüder unterstützen soll. Auslöser war ein Tweet, in dem er Ägyptens Migrationsministerin Nabila Makram kritisierte. Die Politikerin hatte bei einem Auftritt vor Auslandsägyptern in Kanada gesagt, jedem Ägypter, der sich im Ausland kritisch über sein Heimatland äußere, würde der Kopf abgeschnitten. Daraufhin forderte Mubarak, die Ministerin müsse für ihre Aussage zur Rechenschaft gezogen werden. Sie habe unverantwortlich gehandelt.

Makram spielte ihre Worte später herunter. Ihre Aussage sei aus dem Zusammenhang gerissen worden. Sie habe frei gesprochen und niemandem drohen wollen.

Der Anwalt Samir Sabri, ein landesweit bekannter Sisi-Unterstützer, hat daraufhin Anzeige erstattet - gegen Mubarak. Er warf ihm vor, die öffentliche Meinung zu manipulieren und mit einer Terrorgruppe zu sympathisieren. Als Beweis verwies er darauf, dass Medien, die der Muslimbruderschaft naheständen, ausführlich und ebenfalls kritisch über Makrams Auftritt in Kanada berichtet hätten. Mubarak löschte seinen Tweet wenig später.

Parallel dazu starteten die staatlich gelenkten Medien in Kairo eine Kampagne gegen Mubarak: Unter anderem titelte die Zeitung "Al-Yaum al-Sabaa": "Die Sender der Muslimbrüder in der Türkei schwören Alaa Mubarak die Treue".

Alaa Mubarak war korrupt. Durch die Panama Papers wurde bekannt, dass er in den Neunzigerjahren zig Millionen in eine Offshore-Firma auf den Britischen Jungferninseln gesteckt hatte. Der Sympathien für die Muslimbrüder, die unter seinem Vater zu Tausenden in Gefängnissen landeten, ist er jedoch unverdächtig.

Vielen Ägyptern geht es unter Sisi schlechter als unter Mubarak

Die Justiz- und Medienkampagne gegen ihn ist vielmehr Ausdruck der Nervosität des Regimes. Die Sorge ist groß, dass Mubarak der Sehnsucht nach besseren Zeiten ein Gesicht und eine Stimme geben könnte. Auch unter Husni Mubarak war Ägypten ein Militärregime - aber eines, in dem die Kluft zwischen arm und reich weniger krass aufklaffte als heute. Und in dem die mächtige Armee auch tatsächlich das gesamte Land beherrschte - anders als heute, da der Nordsinai in Teilen von Dschihadisten mit Verbindungen zur Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) kontrolliert wird.

Erst am Montag veröffentliche die staatliche Statistikbehörde Zahlen, laut denen 32,5 Prozent der Ägypter unterhalb der Armutsgrenze leben - ihnen also weniger als 1,30 Euro pro Tag zur Verfügung stehen. Im Jahr 2000 waren es noch 16,7 Prozent, vor vier Jahren 27,8 Prozent. Trotz ambitionierter Großprojekte und tiefgreifender Reformen geht es also vielen Ägyptern unter Sisi schlechter als unter Mubarak.

Um von den Gründen für diese Entwicklung abzulenken, greifen das Regime und seine Unterstützer zum Totschlagsargument, um den Mubarak-Sohn zu diskreditieren: Sie stempeln ihn als Terroristenfreund ab.



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
marcanton80 01.08.2019
1. Wtf!!
"Jeder der schlecht über Ägypten redet wird der Kopf abgeschlagen "??....und für uns sind die Iraner die Schurken ,und mit Ägypten macht man Geschäfte ?Erinnere mich noch an Merkel wie sie bei dem Diktator war ,Fototermin mit Handshake inklusive. Wir und unsere hochgelobten Werte......
freizeitverkaeufer 01.08.2019
2. Viel Vergnügen....
...wenn die Muslimbrüder in Ägypten an die Macht kommen. Bei soviel verquerer Meinung ist es schwierig zu entgegnen.
ali_yildirim 01.08.2019
3. Beseitigung von potentiellen Rivalen
Sisi ist ein Putschist, der Angst hat. Jetzt beseitigt er seine Gegner, auch diese die das Potential haben sogar künftig den Sisi Clan gefährlich werden könnten.
juba39 01.08.2019
4. Erleben wir irgendwann...
...wieder journalistische Beiträge? Ägyptens Diktatorensohn, ... Die Paranoia des Regimes Wer soll denn da noch weiterlesen? Fehlt eigentlich, original BILD, blutrünstig und Diktator mit blutigen Händen. (steht da tatsächlich!) Außerdem, Herr Sydow, von einem Islamwissenschaftler würde mich viel mehr interessieren, weil ja bekanntlich Deutschland nicht nur EU-Mitglied, sondern auch enger Partner der betreffenden Länder ist. Warum liest man hier nichts von den Waffenlieferung (trotz Sanktionen, sogar der UNO!) der UAE, mit ukrainischen Transportmaschinen und aus osteuropäischen Staaten in den Krisenstaat Libyen.Könnte es sein, daß solche Meldungen gegenwärtig, bei Betrachtung der Krisen anderswo, nicht opportun sind? Bei Betrachtung der beteiligte Länder, und unter Berücksichtigung, was die EU im Persischen Golf vorhat, eigentlich ein politischer und völkerrechtlicher Supergau! Und hier? STILLE!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.