Ägypten Armeechef Sisi kokettiert mit Präsidentschaftskandidatur

"Wenn Volk und Armee mich rufen, werde ich kandidieren": So deutlich wie nie zuvor hat Ägyptens Militärchef Sisi seine Bereitschaft verkündet, nächster Präsident seines Landes zu werden. Sollte er bei der Wahl tatsächlich antreten, ist ihm der Sieg gewiss.

Sisi-Unterstützer in Ägypten: "Wir arbeiten in einer Demokratie"
AP/dpa

Sisi-Unterstützer in Ägypten: "Wir arbeiten in einer Demokratie"


Kairo - Ägyptens starker Mann will nun auch offiziell an die Spitze des Staates rücken. Armeechef Abd al-Fattah al-Sisi hat erstmals offen erklärt, dass er mit einer Kandidatur für das Präsidentenamt liebäugelt. "Wenn mich das Volk ruft und mir die Armee das Mandat gibt, werde ich mich selbst nominieren. Wir arbeiten schließlich in einer Demokratie", sagte Sisi am Samstag vor Generälen in Kairo.

Er habe das Gefühl, dass er "nicht den Luxus oder die Wahl" hätte, sich einer Kandidatur zu verweigern, sollte er dazu "vom Volk aufgefordert werden".

Sisi war die treibende Kraft hinter dem Sturz des gewählten islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi Anfang Juli. Offiziell legte das Militär die Regierungsgeschäfte in die Hände von Adli Mansur, dem Präsidenten des Verfassungsgerichts. Als Armeechef und Verteidigungsminister ist aber Sisi der mächtigste Mann des Landes.

Am Dienstag und Mittwoch kommender Woche stimmen die Ägypter in einem Referendum über die neue Verfassung ab, die das im Dezember 2012 von den Muslimbrüdern durchgesetzte Gesetzeswerk ablösen soll. Die Verfassung stärkt die ohnehin bereits mächtige Stellung des Militärs in Ägypten.

Ägyptens liberale Oppositionelle resignieren

Sisi rief die Ägypter zur Teilnahme am Verfassungsreferendum auf, "um auf dem Weg zur Demokratie wieder in die richtige Richtung zu gehen". Der Gang an die Urne sei die "nationale Verantwortung" jedes Ägypters.

Islamistische Gruppen und säkulare Aktivisten, die offen zum Boykott der Abstimmung aufrufen werden unterdrückt und finden in der Öffentlichkeit kaum eine Stimme. Ihre prominentesten Vertreter sind in den vergangenen Wochen festgenommen worden.

Ahmed Maher, Mitbegründer der Jugendbewegung 6. April, die 2011 den Aufstand gegen Diktator Husni Mubarak initiierte, bezeichnete die Proteste, die im vergangenen Jahr zum Sturz von Präsident Mursi führten, in der vergangenen Woche als großen Fehler. "Das brutale Regime ist zurück", sagte Maher resigniert.

In diesem Klima ist die Wahl Sisis praktisch sicher. Die große Mehrheit der Ägypter unterstützt seinen autoritären Kurs, weil er Sicherheit und wirtschaftlichen Aufschwung verspricht. Beides erscheint vielen derzeit wichtiger als Bürgerrechte. Dass Menschenrechte mit Füßen getreten und sogar Stoffpuppen verfolgt werden und sich das Militär mit Kämpfern in Superhelden-Kostümen lächerlich macht, registrieren sie allenfalls mit einem Schulterzucken.

Mit der Wahl Sisis wären die politischen Verhältnisse der Mubarak-Diktatur endgültig wiederhergestellt. Seit dem Sturz von König Faruk 1952 stand immer ein ehemaliger Offizier an der Spitze des Staates, erst Nagib, dann Nasser, Sadat und schließlich Mubarak. Die einjährige Herrschaft des Zivilisten Mursi im Präsidentenamt wäre dann nicht mehr als eine historische Fußnote.

syd/AFP/Reuters



insgesamt 19 Beiträge
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sb411 11.01.2014
1. freie Wahlen für die Katz
Wenn dieser Mann wirklich freie Wahlen in Ägypten gewinnen sollte, Ablage ich vor, das wir uns eingestehen das Demokratie und arabische Welt nicht zueinander passen und weitere Versuche, zu helfen, Demokratien dort einzurichten, unterbleiben können. Man bekommt irgendwie denn Eindruck, das Wahlvolk begreift Wahlen nicht als Mittel der Bevölkerung im Rahmen einer Demokratie seinen politischen Willen zu äußern, sondern nur als Mittel, die nächste Art von Diktatur auszusuchen.
robert.c.jesse 11.01.2014
2. Plan A & B...
Im Plan A war vorgesehen, dass Er sich durch einen Militärputsch zum Präsidenten macht. Im Plan B lässt er sich vom Volk rufen und kokettiert mit Plan A. Demokratieverständnis der Anderen Art. Was einmal "Frühling" war, wird nach Mursis Sommertraum und dem Herbst der Vertriebenen wieder zum Winter der Diktatur. ..
keinuntertan 11.01.2014
3. Mubarak II. an die Macht?
Dem Fazit des Artikels kann ich mich nicht anschließen. Die Erinnerung an den doppelten Sturz innerhalb von zwei Jahren wird in den Köpfen der Menschen bleiben. Auch wenn General as-Sisi wie Mubarak II. wirkt, muss er sich seiner Popularität vergewissern. Denn die Muslimbrüder werden nach wie vor, und wenn auch im Untergrund, versuchen, die Sympathien der Bevölkerung zurückzuholen.
SysLevel 11.01.2014
4.
Zitat von sysopAP/dpa"Wenn Volk und Armee mich rufen, werde ich kandidieren": So deutlich wie nie zuvor hat Ägyptens Militärchef Sisi seine Bereitschaft verkündet, nächster Präsident seines Landes zu werden. Sollte er bei der Wahl tatsächlich antreten, ist ihm der Sieg gewiss. http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-armeechef-sisi-liebaeugelt-mit-praesidentschaftskandidatur-a-943043.html
Zitat: "Diktatur endgültig wiederhergestellt. Seit dem Sturz von König Faruk 1952 stand immer ein ehemaliger Offizier an der Spitze des Staates, erst Nagib, dann Nasser, Sadat und schließlich Mubarak. Die einjährige Herrschaft des Zivilisten Mursi im Präsidentenamt wäre dann nicht mehr als eine historische Fußnote." .. Mursi war nicht besser als die anderen Herrscher. Zudem wurde er nicht wirklich demokratisch gewählt, da sich viele seiner M-Brüder über die eigentlich für Parteilose reservierten Plätze hereingeschlichen hatten. Es handelte sich also eher um eine illegitime Machtübernahme seitens der M-Brüder. Entsprechend übel war Mursis Amtszeit. Wie auch Erdogan versuchte Mursi die Reste der Gewaltenteilung zu seinem Vorteil zu beseitigen.
KingTut 11.01.2014
5. Chancenloser Islamismus
Zitat von sysopAP/dpa"Wenn Volk und Armee mich rufen, werde ich kandidieren": So deutlich wie nie zuvor hat Ägyptens Militärchef Sisi seine Bereitschaft verkündet, nächster Präsident seines Landes zu werden. Sollte er bei der Wahl tatsächlich antreten, ist ihm der Sieg gewiss. http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-armeechef-sisi-liebaeugelt-mit-praesidentschaftskandidatur-a-943043.html
In Ägypten gehen die Uhren Gott sei Dank anders als in vielen islamischen Ländern. Dort hat der Islamismus keine Chance, das Land in den Würgegriff zu nehmen, weil Armee und Volk sich das nicht bieten lassen. Mursi hat gezeigt, dass die Islamisten auch in der Regierung außer religiösem Gelaber nichts zu bieten haben. General Sisi gebührt für seinen Mut Dank und Respekt. Wer der neue Präsident Ägyptens wird ist zweitrangig, solange es kein Islamist ist, wovon man ausgehen kann. Sisi wäre sicher eine gute Wahl, aber auch El Baradei. Meine Meinung jedenfalls.
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