Blutige Militärkampagne Auf dem Sinai wächst die Wut auf Ägyptens Armee

Ägyptens Militär geht auf dem Sinai gegen Terroristen vor, heißt es offiziell. Doch die Bewohner der Halbinsel berichten von wahllosen Angriffen. Die Armee walzt ganze Straßenzüge nieder und entfacht so den Zorn der Einheimischen.

Armeeposten auf dem Sinai: "Wir greifen nur ganz bestimmte Ziele an"
DPA

Armeeposten auf dem Sinai: "Wir greifen nur ganz bestimmte Ziele an"

Von


Kairo - "Das Volk und die Armee sind eine Hand" - diese Losung ist in Ägypten allgegenwärtig. Sie prangt auf Plakaten, regierungstreue Demonstranten rufen den Slogan zur Unterstützung von Militärchef Abd al-Fattah al-Sisi. Doch viele Menschen auf dem Sinai haben in den vergangenen Wochen ein anderes Bild von den Streitkräften gewonnen.

Anfang September startete die Armee eine großangelegte Offensive gegen militante Islamisten, die auf der Halbinsel im Osten Ägyptens Stützpunkte errichtet hatten. Üblicherweise laufen die Angriffe nach folgendem Muster ab: Zuerst greift die Armee Dörfer, in denen sie Kämpfer vermutet, mit Hubschraubern an. Anschließend rücken Bodentruppen ein. Das weitere Vorgehen unterscheidet sich dann nach Angaben von Augenzeugen von Dorf zu Dorf. Mal beschießen die Soldaten sämtliche Häuser mit Panzern, mal machen die Streitkräfte alle Häuser dem Erdboden gleich. Andernorts ziehen die Truppen plündernd von Haus zu Haus und nehmen alles mit, was sich zu Geld machen lässt.

"Wir schreiten gegen die Terroristen ein, anstatt einfach nur auf Terroranschläge zu reagieren", kündigte Militärsprecher Ahmad Ali im September an. Seitdem die Armee Anfang Juli den islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi absetzte, haben Dschihadisten auf dem Sinai ihre Angriffe auf staatliche Einrichtungen, Polizeistationen und Militärstützpunkte nämlich deutlich verstärkt. Laut offiziellen Angaben wurden dabei bislang 125 Sicherheitskräfte getötet und fast tausend weitere verletzt.

"Diese Militärkampagne ist ein Exzess"

Die staatlichen Medien in Kairo, die den Kurs der neuen Führung widerspruchslos unterstützen, behaupten, dass die Menschen auf dem Sinai - Beduinen, Stammesführer, lokale Würdenträger - die Armeeoffensive begrüßen würden. Ein ungeschöntes Bild der Lage zu bekommen, ist schwierig, denn das Militär hat die Halbinsel fast komplett abgeriegelt. Armeechef Sisi will verhindern, dass das Image der heldenhaften Streitkräfte Risse bekommt.

Im September nahmen Sicherheitskräfte den einheimischen Reporter Ahmad Abu Draa fest, der von Angriffen der Armee auf Zivilisten berichtet hatte. Das Militär beschuldigte ihn, Falschmeldungen zu verbreiten und einen "Informationskrieg" gegen die Regierungstruppen zu führen.

Jetzt ist es Journalistinnen der US-Online-Magazine "Slate" und "McClatchy" gelungen, auf den Sinai vorzudringen. Ihre Berichte bestätigen Abu Draas Vorwürfe. Die ägyptische Armee gehe in der Region nicht nur gegen angebliche Aufständische vor, sondern gegen jeden, der Kontakte mit mutmaßlichen Rebellen unterhält. In der von Stammesbeziehungen geprägten Beduinen-Gesellschaft ist das fast jeder.

"Ich dachte, die Armee würde die Operation professioneller durchführen und nur auf jene zielen, die Soldaten angreifen", sagte der Stammesvertreter Abd al-Hadi gegenüber "Slate". "Diese Militärkampagne ist ein Exzess." Anfangs habe er Militärchef Sisi unterstützt, doch das Vorgehen auf dem Sinai habe seine Meinung geändert.

Ägyptens Armee weist die Vorwürfe zurück

Dorfbewohner berichten, dass sie bei den Angriffen der Armee versuchen, an die nahe gelegene israelische Grenze zu flüchten. Diese gilt als der Ort, an dem rücksichtslose Attacken am unwahrscheinlichsten sind - zu groß wäre der diplomatische Schaden für die Führung in Kairo.

Nach Angaben von Ibrahim al-Minai, der ein Bündnis verschiedener Stammesgruppen auf dem Sinai anführt, sind seit Beginn der Militäroperation mindestens 52 Zivilisten von der Armee getötet worden - unter ihnen 16 Frauen und Kinder. "Diese barbarischen Taten haben zu einem Vertrauensverlust geführt, der in hundert Jahren nicht wieder gutzumachen ist", sagte Minai dem "Slate"-Magazin. "Wenn wir uns verteidigen müssen, werden wir das tun." Die Armee reagierte auf ihre Weise: Zwei Tage, nachdem Minai mit der Journalistin Nadine Marroushi gesprochen hatte, bombardierte das Militär seine beiden Häuser und die Versammlungshalle seines Stammesverbands.

Die Streitkräfte weisen die Vorwürfe zurück: "Wir greifen nur ausgewählte Ziele an, ohne Unschuldige zu treffen", sagte Generalmajor Samih Baschadi, Chef der Sicherheitskräfte in Nordsinai. Sein Sprecher Ahmad Schaaban ergänzte gegenüber "McClatchy": "Wenn wir massive Gewalt einsetzen würden, hätten wir die Operationen innerhalb von 24 Stunden beendet." Jedes zerstörte Haus habe Tunnel, Terroristen oder Waffen beherbergt.

Die Zivilisten in der Region werden aufgerieben im Kampf zwischen Armee und militanten Islamisten. Die Region ist zu einem Kriegsgebiet geworden, Mütter schicken ihre Kinder nicht mehr zur Schule, aus Angst, sie könnten zwischen den Fronten geraten. Einflussreiche Würdenträger auf der Halbinsel drohen bereits damit zurückzuschlagen. Schon jetzt verfügt fast jeder Haushalt über Waffen, außerdem laufe derzeit eine Kampagne zum Kauf weiterer Waffen aus dem Sudan und Libyen.

insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
westenmax 09.10.2013
1. idiotische Aktion
In der letzten Zeit wurde viel berichtet, über kriminelle oder terroristische Beduinenclans auf dem Sinai. Kriminelle Familien, die tausende Geiseln genommen haben, diese verstümmelten um Lösegeld zu erpressen. Tausend sind dabei grausam verendet. Und, dass Polizisten außerhalb von Al Arish einfach abgeknallt werden. Und dass es keine Armeepräsenz gibt, da dies in den Friedensverträgen ausgeschlossen wurde. Es ergibt also Sinn, dass die ägyptische Regierung wieder das Gesetz durchsetzt. Aber, wie kann man nur so dämlich sein, in einer Situation die bereits einer beginnenden Sezession nahekommt dann auch noch zu brandschatzen, zu plündern und völlig außerhalb bestehender Absprachen alle Beduinen so zu behandeln, als wären sie Feinde? So macht man Terrorismus und läutet einen unabhängigen Sinai ein.
blaupunktrochen 09.10.2013
2. Differenzierter
Vielleicht könnt/sollte man in solchen Berichten darauf hinweisen, dass es sich um den NORD-Sinai handelt! Hier im SÜD-Sinai (anderes Guvernement) ist von der Armee so gut wie nicht zu sehen und zu spüren. Die hier im Tourismus arbeitenden und von Tourismus lebenden Ausländer UND Ägypter (einschl. der hier lebenden Beduinenstämme) wären hierfür sehr dankbar. Solche undifferenzierten Berichte schaden dem sowieso schon daniederliegenden Tourismus und kosten noch hier Arbeitsplätze. Die Gegend um El Arish und die Grenze zum Gaza-Streifen sind rund 400 km entfernt. DEN Sinai gibt es weder als einheitliche politische Region noch sind die verschiedenen Beduinenstämme eine homogene Gruppe mit gemeinsamen Interessen oder einheitlichen Ansichten. Hier steht man fest auf Seiten der Armee und begrüßt die Niegerschlagung von terroristischen Gruppen, die von der Hamas gesponsort und unterstützt werden, und auch mit Hilfe vereinzelter beduinischer Gruppierungen im Norden Anschläge gegen Militär- und Polizeistützpunkte durchführen. Also bitte weder den gesamten Sinai, noch alle Beduinen in einen Topf werfen!
maulaffen-feilhalter 10.10.2013
3. wieso.....
werden die Schreiber von SPON nie müde, islamistische Terroristen und deren Nahestehende romantisch als "Rebellen" zu bezeichnen? Manchmal ists auch gut mit dem Links stehen
Eritrea_for_ever 10.10.2013
4. Sinai? Den gehört es nicht anders!
Zitat von sysopDPAÄgyptens Militär geht auf dem Sinai gegen Terroristen vor, heißt es offiziell. Doch die Bewohner der Halbinsel berichten von wahllosen Angriffen. Die Armee walzt ganze Straßenzüge nieder und entfacht so den Zorn der Einheimischen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-auf-dem-sinai-waechst-wut-auf-armee-und-sisi-a-926949.html
Um ehrlich zu sagen, finde ich dieses Sinai Volk etwas abartig. Sie foltern, vergewaltigen und töten wahllos Flüchtlinge über Monaten, gar Jahre, da hat sich keiner von der egyptische Armee angesprochen gefühlt. Jetzt aber schon. Ich habe für dieses Volk nichts mehr übrig. Angesicht ihrer Greueltaten, bin ich bis heute noch sprachlos. Sie nennen sich Muslime, aber ihre Taten sind alles andere als muslimisch. Von mir aus, kann der Planet auf dieses Sinai Volk verzichten!!! Kein Erbarmen mit den Folterer der Eriträer...
ReinhardC 10.10.2013
5. Journalistische Sorgfalt und korrekte Information?
Journalisten sei es gelungen auf den Sinai vorzudringen steht in dem Artikel. Dies gelingt auch täglich tausenden von Touristen. Allerdings, Touristen im Südsinai, was gemeint ist, ist total etwas anderes, der touristisch uninteressante Nordsinai. Dort treiben kriminelle Beduinenstämme ihr Unwesen, schleppen Flüchtlinge aus Eritrea etc. an, operieren ihnen die Organe raus und verkaufen sie nach Kairo. Dies sind keine religiösen Kämpfer. Ob sich religiöse Islamisten dort eingenistet haben? Glaube ich kaum, die Beduinen (die nicht alle Organverkäufer sind) würden wohl kaum solche fremden Eindringlinge zulassen. Geht die Armee gegen die Organverkäufer vor? Gegen die Schmuggler durch die Tunnels nach Palästina? Aber nochmals im Rotmeer-Südsinai herrscht nach Auskunft meiner dortigen Freunde Ruhe.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.