Einschränkung der Meinungsfreiheit Wie Ägypten kritische Künstler drangsaliert

Ägyptens Staatschef Fattah el-Sisi duldet keinen Widerspruch: Sein Regime geht gegen Popsängerin Sherine Abdel-Wahab, Starautor Alaa al-Aswani und andere Kreative vor. Schon kleinste Kritik wird gefährlich.

Sängerin Sherine Abdel-Wahab: "In Ägypten wird jeder, der den Mund aufmacht, eingesperrt"
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Sängerin Sherine Abdel-Wahab: "In Ägypten wird jeder, der den Mund aufmacht, eingesperrt"

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"Hier kann ich ja sagen, was ich will. In Ägypten wird jeder, der den Mund aufmacht, eingesperrt", sagte die ägyptische Sängerin Sherine Abdel-Wahab im März bei einem Konzert in Bahrain. Dass sie damit nicht ganz falsch liegt, zeigte sich prompt: Der nationale Musikerverband erteilte der 38-Jährigen ein Auftrittsverbot, weil ihr Kommentar die nationale Sicherheit gefährde.

Und Sherine droht noch größerer Ärger. Sie ist nämlich Wiederholungstäterin. 2017 hatte ein Fan sie bei einem Konzert in den Vereinigten Arabischen Emiraten gebeten, ihr Lied "Hast du nicht aus dem Nil getrunken?" zu singen. Die Sängerin antwortete: "Wenn ich aus dem Nil trinke, kriege ich Bilharziose." Bilharziose ist eine Wurmerkrankung, die in Ägypten weit verbreitet ist. Scherzhaft fügte Sherine hinzu: "Trink lieber Evian!"

Sherine Abdel-Wahhab: "Wenn ich aus dem Nil trinke, kriege ich Bilharziose."
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Sherine Abdel-Wahhab: "Wenn ich aus dem Nil trinke, kriege ich Bilharziose."

Ein Gericht in Ägypten verurteilte die Sängerin dafür zu sechs Monaten Haft auf Bewährung. Entsprechend groß ist ihre Sorge, nun im Gefängnis zu landen. In einem Fernsehinterview wandte sie sich an Staatschef Abdel Fattah el-Sisi persönlich: "Ich appelliere an den Präsidenten der Arabischen Republik Ägypten, der unser aller Vater ist. Ich sage ihm, dass das eine Verschwörung gegen mich ist. Es tut mir leid. Es ist unfassbar, dass mein Patriotismus infrage gestellt wird."

Sherine ist eine der populärsten Sängerinnen der arabischen Welt. Sie hat Millionen Alben verkauft, saß in der Jury der arabischen Ausgabe von "The Voice" und zählt mehr als acht Millionen Instagram-Follower. Dass sich nicht einmal diese populäre Frau ein halbwegs kritisches Wort über die Lage in Ägypten erlauben darf, zeigt, wie schlecht es um die Meinungsfreiheit unter Sisi steht.

Ägyptens erfolgreichster Autor soll vors Militärgericht

Doch nicht nur die populärste Sängerin Ägyptens steht im Visier des Regimes in Kairo. Auch der erfolgreichste Autor des Landes, Alaa al-Aswani, soll zum Schweigen gebracht werden. Ein Militärtribunal will dem Zahnarzt und Schriftsteller, dessen 2002 veröffentlichter Roman "Der Jakubijan-Bau" ein Welterfolg war, den Prozess machen. Die Militärjustiz wirft Aswani vor, er habe den Präsidenten, die Armee und die Justiz beleidigt.

Alaa al-Aswani: "Mein einziges Verbrechen ist es, meine Meinung zu äußern"
DPA

Alaa al-Aswani: "Mein einziges Verbrechen ist es, meine Meinung zu äußern"

Aswani schreibt seit 2016 eine Kolumne für die arabische Website der "Deutschen Welle". In seiner Kolumne vom 13. März kritisierte der Literat die von Sisi in Auftrag gegebenen gigantischen Infrastrukturprojekte in Ägypten, sowie die Tatsache, dass immer mehr ranghohe Militärs zivile Posten im Staat übernehmen.

Aswani beruft sich auf Artikel 65 der ägyptischen Verfassung, der das Recht auf freie Meinung garantiert und auf Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die auch Ägypten ratifiziert hat. "Mein einziges Verbrechen ist es, meine Meinung zu äußern und jene zu kritisieren, die es verdienen. Sogar, wenn es Sisi ist", schreibt Aswani.

Der Schriftsteller lebt inzwischen in den USA. Unter Sisi sei die Meinungs- und Pressefreiheit in Ägypten inzwischen deutlich stärker eingeschränkt als unter dem islamistischen Staatschef Mohammed Mursi, der von 2012 bis zum Militärputsch 2013 regiert hatte, sagt Aswani.

Sisis Agenda 2034

Ähnlich sehen das die beiden ägyptischen Schauspieler Khaled Abol Naga und Amr Waked. Sie hatten am vergangenen Montag an einer Podiumsdiskussion zur Lage der Menschenrechte in Ägypten mit dem demokratischen US-Kongressabgeordneten Tom Malinowski teilgenommen.

Schon die kleinste Kritik am Regierungskurs in Ägypten könne gravierende Folgen haben, sagte Abol Naga, der in etlichen arabischen TV-Serien und Filmen mitgespielt hat. Waked sagte: "Diejenigen, die den Staat beleidigen, das sind doch jene, die ihn auf eine einzige Person reduzieren." Der Ägypter wurde durch seine Rollen in "Syriana" und "Lachsfischen im Jemen" international bekannt.

Amr Waked: "Diejenigen, die den Staat beleidigen, dass sind doch jene, die ihn auf eine einzige Person reduzieren."
AP

Amr Waked: "Diejenigen, die den Staat beleidigen, dass sind doch jene, die ihn auf eine einzige Person reduzieren."

Nun können beide nicht mehr in ihre Heimat zurück, ohne Gefahr zu laufen, im Gefängnis zu landen. Als ersten Schritt hat der ägyptische Schauspielerverband die beiden in der vergangenen Woche ausgeschlossen. Der Rat für die Regulierung der Medien prüft derzeit ein Verbot sämtlicher Filme in denen Abol Naga und Waked mitspielen.

Die Nervosität in Kairo ist besonders groß, weil das Regime in den nächsten Wochen per Referendum den Weg für eine Verfassungsänderung freimachen will. Der Plan, den das Parlament bereits mit großer Mehrheit gebilligt hat, sieht vor, dass Sisi nach dem Ende seines jetzigen Mandats 2022 für zwei weitere Amtszeiten von jeweils sechs Jahren als Präsident kandidieren dürfte. Damit könnte der Staatschef bis 2034 im Amt bleiben.


Zusammengefasst: Das Regime in Ägypten schränkt die Meinungsfreiheit immer weiter ein, schon leise Kritik kann Ägypter in Schwierigkeiten bringen. Selbst prominente Künstler kriegen Ärger mit der Justiz. Die Staatsführung will in den nächsten Wochen den Weg freimachen für zwei weitere Amtszeiten von Präsident Abdel Fattah el-Sisi.



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1019 02.04.2019
1. Hmh.
Ich glaube den Berichten aus fernen Laendern immer weniger. Aegypten, hat der Verfasser jemals ein paar Jahre in und mit dem Land gelebt? Hat er von den nahezu unloesbaren Problemen eine Ahnung? - Kann er sie ueberhaupt sehen? Wer bekaempft wen und warum? Geht es nur um Kohle oder was? Das waeren Themen, die mich interessierten. Wer schiebt an, die Freunde westlich vom Atlantik oder eher die oestlich von uns? - Wollen hoffen, nicht etwa die Herren aus dem fernen Land Tschin. Zurueck zum Thema. In Deutschland wird der Kritiker entweder ignoriert oder aber in die rechte Ecke befoerdert. Alaa al-Aswani: "Mein einziges Verbrechen ist es, meine Meinung zu äußern" - Tja, viel Spass wenn Sie das in DE machen sollten. Wobei ich an eine 'ehrliche' Meinung dachte. Und all das, nicht nur zufaellig den status quo sowie die unermesslichen Vorteile des Westens im Auge habend. Die Nachteile kann man ja erst mal ignorieren. P.S. Was ist aus dem Herrn Khaled mit z.B. Aicha geworden? Da liefen auch ein paar Mitspielerinnen eher locker bekleidet durch das Bild. Schon vor 20 Jahren. Dennoch, sehr schoene Musik. Und ein riesiges, begeistertes Publikum.
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