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ElBaradei gegen Mubarak: Machtkampf in Ägypten

Foto: Nasser Nasser/ ASSOCIATED PRESS

Ägypten ElBaradeis Wahlboykott scheitert

Mit einem Wahlboykott wollte Nobelpreisträger Mohamed ElBaradei Ägyptens Machtelite um Präsident Husni Mubarak stürzen. Aber das scheint nur Wunschdenken zu sein. Denn die einflussreiche Muslimbruderschaft will doch an der Ende November geplanten Abstimmung teilnehmen.

Kairo - Die Nachricht zerstörte die Hoffnung auf eine geeinte Opposition in Ägypten: "Wir haben uns entschlossen, uns an den allgemeinen Wahlen zur Volksversammlung zu beteiligen", gab der offizielle Sprecher der Muslimbruderschaft in Kairo bekannt. "Wir verteidigen das Anliegen des Islam, ohne Abstriche", erklärte Issam al-Erian, prominentes Mitglied der Führungsriege der Verfechter eines islamischen Staates und Wiederbelebung des islamischen Kalifats. Ähnlich äußerte sich auch das Generalsekretariat der finanzstarken, liberal-patriotischen Wafd-Partei: Man habe sich für den Urnengang entschieden.

Der Plan der linken und nationalistischen Oppositionsparteien, in einer gemeinsamen Ablehnungsfront die ägyptische Bevölkerung von der Stimmabgabe abzuhalten und damit das Regime um Staatschef Husni Musbarak als illegitim und im Grunde machtlos zu entlarven, geht damit nicht mehr auf.

Die Muslimbruderschaft war niemals auf Seiten der Massen

Beobachter verwundert, dass vermeintlich erfahrene Oppositionspolitiker monatelang geglaubt hatten, dass die verhältnismäßig starke, vor allem aber bestens durchorganisierte Muslimbruderschaft und die seit ihrer Entstehung peinlichst auf ihre Unabhängigkeit bedachte Wafd-Partei sich jemals bereitfinden würden, mit linken und kleinen Splitterparteien eine politische Front zu bilden. George Ishak, Beauftragter für die leistungsstarken katholischen Schulen in Ägypten und Gründer der parteipolitisch nicht gebundenen Volksbewegung "Kefaya" ("Genug"), sprach offen aus, was sich schon seit längerem abgezeichnet hatte: "Die erforderliche große Klammer fehlt."

Der wortgewaltige, über die Grenzen des Nillandes hinaus bekannte politisch aktive Schriftsteller Alaa al-Aswani empfand die Entscheidung der frommen Bruderschaft, aus der Fraktion der Wahlboykottierer auszubrechen, als "entlarvende Rückkehr zu ihren alten Prinzipien. Die Bruderschaft war niemals auf Seiten der Massen in ihrer 80 Jahre langen Geschichte. Sie hat uns alle getäuscht". Der Verfasser literarischer soziopolitischer Romane, die unter anderem auch ins Deutsche übersetzt wurden, hatte tatsächlich daran geglaubt, dass das Lager der Frommen sich letztendlich doch zum demokratischen Prinzip durchgerungen habe -und womöglich nach dem Beispiel der türkischen Islampartei gemeinsam mit anderen politischen Kräften ein wichtiger Baustein für ein "liberales, demokratisches Vaterland" werden könne.

ElBaradeis Boykottaufruf an die Bevölkerung

Nicht weniger hart traf der Alleingang der Muslimbruderschaft Mohamed ElBaradei, den Herausforderer der Regierung. Der Nobelpreisträger hatte geglaubt, auf breiter Basis gegen das System antreten zu können. Er hatte die Tatsache, dass clevere Bruderschaftsstrategen die von ihm und seinen Sympathisanten ins Leben gerufene Unterschriftskampagne für freie, transparente Wahlen unterstützten, für bare Münze genommen. Sein Appell war ein Aufruf an die Bevölkerung, sich der Teilnahme an den im November geplanten Wahlen zu verweigern und zivilen Ungehorsam zu wagen, wie es der indische Oppositionsführer Mahatma Gandhi vor 70 Jahren vorexerziert hatte.

Die kritische Tageszeitung Daily News Egypt traf denn auch die ernüchternde Feststellung: "ElBaradeis Boykottaufruf bleibt weitgehend unbeantwortet." Aiman al-Sawahiri, ägyptischer Stellvertreter des Qaida-Führers Osama Bin Laden, witzelte schadenfroh: "ElBaradei ist wie ein amerikanischer Heilsbringer vom Himmel gefallen." Solche Sprüche militanter Islamkämpfer irritieren.

Dennoch steigen die Chancen des Präsidentensohnes Gamal Mubarak, in absehbarer Zeit in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, nicht notgedrungen. Denn der 82-jährige, im Grunde säkular eingestellte Staatschef scheint nicht nur aus taktischen Überlegungen die Weichen für eine Kandidatur seines Filius noch nicht gestellt zu haben. Im Gegenteil: Die von übereifrigen Heissspornen der Regierungspartei NPD lancierte Wahlkampagne für ihren Präsidenten in spe Gamal Mubarak wurde auf Anweisung von oben abrupt abgebrochen. Tausende von farbigen Gamal-Postern mussten auf Geheiß der Behörden in vielen Stadtteilen und Provinzstädten wieder abgerissen werden.

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