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Demos in Ägypten Kairo fürchtet neue Gewaltausbrüche

Hunderttausende Demonstranten für und gegen den ägyptischen Präsident Mohammed Mursi ziehen durch die Straßen Kairos. Gewaltbereite Schlägertrupps machen ebenfalls mobil. Ägypten hält den Atem an: Schreitet das Militär ein?

In Nasr City macht man sich schon mal warm: Aufgestellt in nicht ganz ordentlichen Reihen traben mehrere hundert Anhänger der ägyptischen Muslimbruderschaft auf der Stelle. Die meisten Männer halten dabei beinlange Rohre aus Hartplastik in der Hand, einige haben Knüppel, einer ein langes Schlachtermesser dabei. Etwa die Hälfte trägt Bauhelme als Kopfschutz. "Die Armee Mohammeds ist hier", skandieren sie. "Für den Islam zu sterben, ist unser Ziel". Ab und an bellt ein Anführer ein Kommando, schließlich gebietet einer Einhalt: Bei 34 Grad im Schatten soll sich die Freiwilligen-Truppe nicht schon vor dem Kampf verausgaben.

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Massenproteste in Ägypten: Demonstrieren für und gegen Mursi

Foto: MOHAMED ABD EL GHANY/ REUTERS

In der Trainingspause erklärt ein Ladeninhaber namens Mohammed al-Esi, was es mit dem martialischen Gehampel mitten auf einer gesperrten Hauptverkehrsstraße Kairos auf sich hat: Keine hundert Meter hinter den Bewaffneten beginnt eine Menschenmenge. Es sind Hunderttausende Anhänger Präsident Mohammed Mursis, die sich in Nasr City versammelt haben, um ihren Mann an der Staatspitze zu unterstützen.

Das Problem ist, dass am Sonntag auch die Anti-Mursi-Bewegung zu Demos aufgerufen hat. Eine davon findet nicht weit von Nasr City vor dem Präsidentschaftspalast statt. "Wir müssen erwarten, dass die Chaoten vom Palast losziehen, um uns hier anzugreifen", sagt al-Esi.

"Wenn die sogenannten Rebellen kommen, werden wir uns zu verteidigen wissen", so der 41-Jährige, der weiterhin beteuert, die kleine Armee Bewaffneter, der er angehört, habe sich ganz spontan zusammengefunden. "Das Wasserrohr hier habe ich von zu Hause mitgebracht", behauptet er. Das dürfte nicht stimmen: Dutzende andere Männer haben identische Rohrstücke als Waffe in der Hand - irgendwer hat diese Bürgerwehr bewaffnet.

Früher verbündet, heute verfeindet

Szenen wie diese, die sich Sonntagmittag abspielte, zeigen, wie tief der Graben ist, der sich inzwischen durch Ägypten zieht. Vor genau 30 Monaten standen Demokraten, Menschenrechtler und Frauengruppen, säkulare Ägypter genauso wie Christen und Anhänger der Muslimbrüder geeint zusammen und kämpften Schulter an Schulter gegen die Diktatur Husni Mubaraks.

Doch zweieinhalb Jahre nach dessen Abdankung und auf den Tag genau ein Jahr, nachdem mit Mohammed Mursi der erste demokratisch gewählte Präsident Ägyptens sein Amt antrat, stehen sich die einstigen Verbündeten tief verfeindet gegenüber. So verfeindet, dass radikale Grüppchen auf beiden Seiten sogar bereit sind, mit Waffengewalt auf ihre Gegner loszugehen.

Die Gewaltbereitschaft, die beide Seiten inzwischen ganz unverblümt an den Tag legen, macht den meisten Ägyptern in diesen Tagen große Sorgen. "Ich bin mir sicher, dass viel, viel Blut vergossen werden wird", sagt Andrew Abdel Malik, dessen Familie das mitten in Kairos historischer Innenstadt gelegene Traditionsrestaurant Café Riche betreibt. Die Erste-Hilfe-Ausrüstung liegt dort heute griffbereit. Schon mehrmals während der turbulenten vergangenen Monate haben sich verletzte Demonstranten vom nahen Tahrir-Platz ins das Café Riche geflüchtet.

Bei Ausschreitungen steht das Tränengas so dicht vor dem Café, dass es durch die Spalte der Metalljalousien in den Gastraum sickert. Mehrmals musste sich Abdel Malik dann mit seinen Angestellten, gestrandeten Gästen und Zuflucht suchenden Demonstranten in den Keller zurückziehen.

Angeblich Millionen Unterschriften

Abdel Malik unterstützt die Opposition, auch er hat in seinem Café Unterschriften gegen Mursi gesammelt. Der 30. Juni ist für ihn der Beginn einer neuen, zweiten Revolution in Ägypten. Zwar sei Mursi 2012 demokratisch gewählt worden, doch habe er sein Mandat verspielt und müsse deshalb abdanken, wiederholt Abdel Malik die - nicht sonderlich demokratische - Argumentation der Opposition. Die Muslimbrüder hätten sich als "Terroristen" erwiesen und versucht, in Ägypten eine Diktatur des Islam zu errichten.

Am Sonntag drängten sich zahlreiche Menschen auf dem Tahrir-Platz um einen Campingtisch, auf dem man noch in letzter Minute das Pamphlet der unter dem Namen Tamarod (Rebellen) agierenden Opposition unterschreiben konnte. Allerdings kontrollierte niemand, ob man nicht schon vorher unterschrieben hatte: Ein demokratisches Mittel der Politik ist diese Unterschriftenaktion ganz klar nicht.

Tamarod behauptet, 22 Millionen Unterschriften gegen Mursi gesammelt zu haben. Dadurch angeblich legitimiert fordert sie den Rücktritt des Präsidenten und Neuwahlen. Mursi hat bereits angekündigt, dieser Forderung unter keinen Umständen nachkommen zu wollen. Die Muslimbrüder haben die Petition von Tamarod derweil auf ihre Weise beantwortet. Am Sonntag verkündete ein Redner bei der Demo in Nasr City, die Organisation habe 26 Millionen Unterschriften für Mursi zusammenbekommen. Beide Behauptungen scheinen zutiefst unglaubwürdig.

Wie der Konflikt am Nil gelöst werden kann, ist zur Stunde völlig unklar. Während sich am Sonntagnachmittag Sternmärsche der Opposition aus verschiedenen Stadtteilen Kairos mit dem Ziel Tahrir-Platz in Bewegung setzten, zogen immer wieder vier Kampfhubschrauber der Armee über dem Platz Kreise: Eine kleine Warnung, dass, sollte der Streit zwischen den zivilen Kräften im Staat völlig außer Kontrolle geraten, die Armee jederzeit erneut die Macht am Nil übernehmen könnte.

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