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Angriffe auf Ägyptens Christen: Brennende Kirchen

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Angriffe auf Kopten Ägyptens Christen in Gefahr

Dutzende Kirchen und Gemeindehäuser sind in den vergangenen Tagen in Ägypten attackiert worden. Zeugen beschuldigen Islamisten, die Christen angegriffen zu haben. Den Kopten stehen schwere Zeiten bevor. Sie suchen Schutz bei der Armee.

Die Kirche des Heiligen Georg ist eine der größten in Kairo: 2000 bis 3000 koptische Christen kommen an hohen Feiertagen hier zum Gottesdienst zusammen. Sie steht an einem der teuren Boulevards, der am westlichen Nilufer an Gärten und Parks entlangführt. Die reich verzierten Fenster des Gebäudes beleuchten den Innenraum bunt, wenn Sonne durch das Glas fällt.

Doch näher anschauen kann man sich Sankt Georg am Samstag nicht. An Tag vier der neuen Gewaltexzesse in Ägypten ist das Gotteshaus verriegelt. Vor ihm stehen fünf Panzer, worüber der Sicherheitsmann der Kirche froh ist. "Die Armee hat Erfahrung mit Terroristen. Jetzt, wo sie da ist, wird uns nichts mehr passieren", sagt Malek Fuad. Dass er sich auf den Schutz der Soldaten verlassen kann, hatte sich am Freitag gezeigt. "Wir hatten Warnungen erhalten, dass die Muslimbrüder unsere Kirche angreifen wollten. Wir haben die Armee alarmiert, zum Glück kam sie."

Etwa 3000 Islamisten marschierten die Straße entlang der Kirche vorbei, viele von ihnen hätten Waffen dabeigehabt, sagt Fuad. Ein Offizier, der in den Kirchhof tritt - die Soldaten dürfen die Toiletten dort benutzen -, erzählt, dass es zu schweren Gefechten zwischen den Islamisten und den Sicherheitskräften kam. "Ich lag mit meinem Maschinengewehr auf dem Vordach der Kirche. Von dort aus habe ich geschossen und auch ein paar Männer getötet."

Ob Sankt Georg am Freitag das Ziel brandschatzender Islamisten werden sollte oder ihr Marsch nur zufällig am Gotteshaus vorbeiführte, ist unklar. Sicher ist, dass seit Mittwoch, seit die Kämpfe zwischen Staatsmacht und Anhängern der Muslimbrüder ausbrachen, Dutzende Kirchen und koptische Einrichtungen angegriffen wurden.

Für Sonntag haben Islamisten neue Protestmärsche in Kairo angekündigt. Die Übergangsregierung diskutiert über ein Verbot der islamistischen Muslimbruderschaft, aus deren Reihen der Anfang Juli vom Militär abgesetzte Präsident Mohammed Mursi stammt. Zugleich droht die Regierung, mit "eiserner Faust" gegen Terrorismus vorzugehen.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte die wachsende Gewalt in Ägypten. In einer am Samstag in New York veröffentlichten Erklärung nannte Ban Angriffe auf Kirchen, Krankenhäuser und öffentliche Einrichtungen inakzeptabel und rief die Konfliktparteien zu äußerster Zurückhaltung auf.

Christliche Websites berichten von 49 Attacken in den vergangenen Tagen. Es könnten auch mehr gewesen sein: Viele Christen leben in kleinen Dörfern und Städten in Oberägypten. Was dort passiert, entgeht einheimischen wie ausländischen Medien oft.

Unsicherheit statt Freiheit

Etwa zehn Prozent der 84 Millionen Ägypter sind Christen. Angriffe auf die Minderheit gibt es seit vielen Jahren. Doch seit die Revolutionäre den Diktator Husni Mubarak aus dem Amt jagten, haben sie zugenommen.

Der Umsturz hat für die Christen Unsicherheit statt Freiheit gebracht: Präsident Mohammed Mursi hatte zwar zugesagt, sie in seine Regierung einzubinden, doch erfüllte sein Versprechen nicht. Stattdessen nahmen unter den Muslimbrüdern die Attacken auf die Christen weiter zu: Im April wurde erstmals die Sankt Martins Kathedrale, der Sitz des koptischen Papstes, angegriffen. Die Sicherheitskräfte ließen die Randalierer gewähren und griffen erst nach einer Stunde ein.

Inzwischen sind die Islamisten entmachtet, doch für die Christen verbessert sich die Situation dadurch erst einmal nicht. Von den aufgebrachten Anhängern der Muslimbrüder geht neue Gefahr für die Gemeinden aus.

Zwar hat die Bruderschaft die Angriffe auf Kirchen inzwischen verurteilt und ihre Anhänger zur Zurückhaltung aufgefordert. Doch schwang in ihrer Stellungnahme der Vorwurf mit, die Christen hätten sich die Attacken selbst zuzuschreiben, weil sie sich mit der Mehrheit der Ägypter gegen die Muslimbrüder gestellt hätten. Ägyptens Kopten hätten dem Islam den Krieg erklärt, heißt es auf einer Facebook-Seite der Brüder. Daher dürften sich die Christen nicht über den Zorn der Islamisten wundern. "Auf jede Reaktion gibt es eine Gegenreaktion."

"Armee! Armee! Armee!"

Angesichts solcher Statements und ihrer Verwundbarkeit als Minderheit sehnen sich viele Christen inzwischen nach der Sicherheit eines Polizeistaats zurück. Dass die Armee vor nur wenigen Monaten noch erklärter Feind der Christen war, wird verdrängt. Im Oktober 2011 töteten Soldaten vor dem Maspero-Fernsehgebäude 28 Menschen, die dort gegen den Angriff auf eine Kirche in Oberägypten protestiert hatten.

Aktuell jedoch bietet die Armee den einzigen Schutz gegen radikalisierte Islamisten. Also hängen die Christen ihr Mäntelchen in den Wind: So hat die Gemeinde die 1300 Jahre seit der Eroberung Ägyptens durch die muslimischen Truppen überlebt.

"Armee! Armee! Armee!", lobte ein alter Herr die Soldaten vor Sankt Georg. "Die Sicherheitskräfte müssen die Terroristen ausmerzen", fordert Fuad vor seinem Kirchenwächterhäuschen. Angesichts der sehr konkreten Bedrohung hat er gerade wenig Verwendung für christliche Tugenden. "Vergebung, die andere Wange hinhalten: Das sind Sachen, die man sich leisten können muss", sagt er.

Der Armeeoffizier ist zurück: Ein neuer Marsch nähert sich der Moschee. Die Muslimbrüder hatten für Samstag zu neuen Aufmärschen aufgerufen. "Alle Mann in Stellung", ruft er seinen Männern zu. Die fangen an zu laufen. Der Offizier geht, um sein Maschinengewehr aufzubauen. "Ihr könnt gern mitkommen auf das Vordach", sagt er. "Dann zeige ich euch, wie ich ein paar von denen erschieße."

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