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Massenprotest in Ägypten:: Die Gesichter des Protests

Foto: MOHAMED ABD EL GHANY/ REUTERS

Massenproteste in Ägypten General Sisi eint die Islamisten

Die Unterstützer von Mohammed Mursi geben sich nicht geschlagen. Hunderttausend Ägypter gingen Freitagnacht auf die Straße. Einig sind sie sich in ihrem Hass auf den Militärchef Abd al-Fattah al-Sisi. Die Rivalität zwischen Muslimbrüdern und Salafisten ist vergessen.

Wenige Stunden nach Sonnenuntergang und dem Ende des Fastens ist kaum noch ein Durchkommen auf dem Platz um die Rabaa Adawija Moschee im Osten Kairos. Rund Hunderttausend Unterstützer des am 3. Juli abgesetzten Mohammed Mursi schieben und drängen sich über den Platz.

Die Islamisten schwingen die ägyptische Fahne über den Kopf. Viele halten das Porträt Mursis in die Höhe. Neu hinzugekommen ist an diesem ersten Freitag im Fastenmonat Ramadan das Porträt von Militärchef Abd al-Fattah al-Sisi. Auf den Bildern fließt dem General das Blut aus dem Mund wie einem Vampir. Seine Uniform ist blutüberspritzt. "Sisi, du Verräter", steht darauf.

Der oberste General hat die Spaltung Ägyptens noch vertieft. Sein erbittertes Vorgehen gegen Mohammed Mursi und die Muslimbruderschaft hat das islamistische Spektrum Ägyptens im Hass auf den Militärchef vereint. "Hau ab, Sisi!", schallt es Freitagnacht über den Rabaa-Platz.

Damit auch ganz Kairo die Machtdemonstration der Islamisten mitbekommt, besetzen sie wichtige Verkehrsknotenpunkte im Osten der Stadt. Im Zentrum blockieren sie die 6. Oktober-Brücke. Der Straßenverkehr der Hauptstadt ist damit erfolgreich verlangsamt. Wo man sonst 15 Minuten unterwegs ist, braucht man nun zwei Stunden.

Die sonst gespaltenen Islamisten sind sich einig

Unter den Mursi-Unterstützern ist nahezu das gesamte islamistische Spektrum vertreten. Neben den Muslimbrüder-Anhängern aus der Provinz, die in Bussen angereist sind, haben sich auch viele Mittelklasse-Familien den Protesten angeschlossen. Auch viele Salafisten demonstrieren. Manche fordern lautstark die Einführung eines Gottesstaats.

Bis vor kurzem waren diese verschiedenen islamistischen Strömungen erbitterte Rivalen. Im Parlament stritten sie beispielsweise darüber, wie die Scharia, die islamische Gesetzgebung, korrekt anzuwenden sei. Nun streiten sich nur noch die Parteispitzen: Die Führung der salafistischen Nur-Partei hat sich gegen die Muslimbruderschaft gewandt und sich de facto für vorzeitige Präsidentschaftswahlen ausgesprochen. Doch an der Basis sind sich momentan alle einig: Mursi muss wieder zurück ins Präsidentenamt.

"Ich bin kein Anhänger der Muslimbrüder", sagt auf dem Rabaa-Platz der 22-jährige Billal Issel aus Kairo mit dichtem Bart und rotem T-Shirt. "Aber das ist kein Angriff mehr auf die Muslimbruderschaft, sondern auf den Islam", glaubt er. "Das Militär signalisiert uns, dass sie keinen Islamisten als Präsidenten dulden."

Nach den Massenprotesten am 30. Juni gegen den damaligen Präsidenten Mohammed Mursi hatte General Sisi den Politiker abgesetzt. Mursi und seine Vertrauten werden seitdem an einem unbekannten Ort ohne Kontakt zur Außenwelt festgehalten. Deutschland und die USA fordern Mursis sofortige Freilassung. Am Montagmorgen dann schossen Sisis Soldaten auf Mursi-Anhänger. 55 Menschen kamen ums Leben. Die Islamisten sind empört über die Gewalt. Manche Mursi-Gegner dagegen haben die Schüsse gerechtfertig - die politischen Gegner, in ihren Augen alles "Terroristen", hätten es ja nicht anders verdient.

Auf dem Tahrir-Platz dagegen wird Sisi als Held gefeiert

Es scheint, als werde Kairo noch einige Zeit von Demonstrationen lahmgelegt. Auch der Fastenmonat Ramadan, während dem viele tagsüber nichts trinken oder essen, hat bisher die Proteste nicht vollständig abklingen lassen, sondern lediglich in die Nacht hineinverlegt.

Doch während die Islamisten an Mursi als Präsidenten festhalten, schaffen die Mursi-Gegner neue Fakten. In den kommenden Tagen soll das Übergangskabinett verkündet werden, an dem sich die Muslimbruderschaft nicht beteiligen will. Überwunden wird die Spaltung Ägyptens so wohl nicht.

Auch die Mursi-Gegner haben am Freitagabend wieder demonstriert. Tausende versammelten sich auf dem Tahrir-Platz. Wie auf dem Rabaa-Platz war auch dort das Porträt von Militärchef Sisi allgegenwärtig - allerdings ohne Blut, dafür schneidig in Uniform.

Für viele Mursi-Gegner ist Sisi ein Held, der das Land vor den Islamisten gerettet hat. In den Ladenfenstern um den Tahrir-Platz verbreitet sich sein Porträt zusammen mit Ägyptens Übervater Gamal Abd al-Nasser. Nur ein paar Straßen weiter dagegen tauchen neue Graffiti auf, halb englischsprachige Abkürzung, halb Arabisch: "CC katil", "Sisi ist ein Mörder".

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