Ausnahmezustand in Ägypten Stille nach einem Tag der Gewalt

Gespenstische Szenen in Kairo: Nach einem Tag brutaler Gewalt in Ägypten blieb es am Morgen in der Hauptstadt zunächst ruhig. Das Militär patrouilliert, die Straßen sind menschenleer. Doch die Muslimbrüder rufen bereits zu neuen Protesten auf.


Kairo - Fernsehbilder aus der Nacht zum Donnerstag zeigen unheimliche Szenen: Auf den Straßen Kairos sind fast ausschließlich Militärfahrzeuge unterwegs, Autowracks brennen. In der sonst hektischen, lauten Millionen-Metropole sind keine Menschen auf den Straßen zu sehen. Kairo ist still, nach einem Tag, der als blutigster in der jüngeren Geschichte des Landes gilt. Der Tahrir-Platz ist so leer wie seit Jahren nicht, berichtet SPIEGEL-ONLINE-Reporterin Ulrike Putz aus Ägyptens Hauptstadt.

Bei den Kämpfen zwischen Islamisten und Sicherheitskräften wurden am Mittwoch laut Gesundheitsministerium mindestens 278 Menschen getötet, mehr als 2000 weitere wurden Medienberichten zufolge verletzt. Die Muslimbrüder sprachen hingegen von insgesamt 2200 Toten und mehr als 10.000 Verletzten (hier können Sie die Entwicklungen des Tages im Minutenprotokoll nachlesen).

Auslöser für diese neue Welle der Gewalt war die gewaltsame Räumung zweier Protestlager von Anhängern des entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi. Die Muslimbrüder hatten sich dort seit dem Sturz von Mursi durch das Militär am 3. Juli versammelt und seine Wiedereinsetzung gefordert. Das Innenministerium erklärte, die Sicherheitskräfte seien angewiesen worden, bei der Räumung nur Tränengas und keine Schusswaffen einzusetzen. Doch als sie in den Protestlagern ankamen, seien sie von Schüssen überrascht worden.

Die Muslimbrüder wollen auch nach den blutigen Unruhen ihre Proteste gegen die Absetzung von Mursi fortsetzen. Sie planen, am Freitag wieder zu demonstrieren. Wie das ägyptische Nachrichtenportal youm7 berichtete, befürchten die Sicherheitskräfte dann "eine neue Welle der Gewalt".

Notstand und Ausgangssperre

Übergangspräsident Adli Mansur rief für einen Monat den Notstand im Land aus: Er ermöglicht Razzien und Festnahmen ohne gerichtliche Anordnung. Zudem wurde die nächtliche Ausgangssperre verhängt. Das heißt, in Kairo und mehreren anderen Provinzen darf von 21 Uhr bis 6 Uhr kein Mensch die Straße betreten. Das Militär hatte angekündigt, die Ausgangssperre "mit unnachgiebiger Härte" umzusetzen, wie die Zeitung "al-Ahram" auf ihrer Online-Seite berichtete.

Übergangs-Ministerpräsident Hasim al-Beblawi verteidigte das Vorgehen der Regierung. Kein Staat mit Selbstachtung könne Protestcamps über einen Zeitraum von anderthalb Monaten akzeptieren, sagte er im Fernsehen. Es habe keine Alternative zu der Räumung der Camps gegeben. Der Staat sei zum Handeln gezwungen gewesen, um die Sicherheit zu gewährleisten.

Es hätte sehr wohl Alternativen zu dem gewaltsamen Vorgehen des Militärs gegeben, sagte Ägyptens Vizepräsident Mohamed ElBaradei, bevor er am Mittwoch seinen Rücktritt einreichte: Er könne nicht die Verantwortung für Entscheidungen tragen, mit denen er nicht einverstanden sei, teilte der Friedensnobelpreisträger mit.

"Das Blutvergießen muss beendet werden"

Die USA und die Europäische Union verurteilten die Gewalt in Ägypten. Alle Seiten müssten an der Wiederherstellung demokratischer Strukturen durch Wahlen arbeiten und die friedliche Teilnahme aller politischen Kräfte zulassen, sagte die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton. "Die heutigen Ereignisse sind beklagenswert und laufen dem ägyptischen Streben nach Frieden, Zusammenhalt und echter Demokratie zuwider", sagte US-Außenminister John Kerry. Der Notstand müsse so schnell wie möglich aufgehoben werden. Der einzige Ausweg sei eine politische Lösung.

Außenminister Guido Westerwelle berief nach den Ausschreitungen in Ägypten den Krisenstab des Auswärtigen Amts ein und forderte bei einem Besuch in Tunesien: "Das Blutvergießen muss beendet werden, und zwar durch Gespräche und Verhandlungen."

Der Nahost-Experte Peter Scholl-Latour sagte der "Passauer Neuen Presse", er sehe Ägypten auf dem Weg zurück in die Militärdiktatur. "Darauf läuft es hinaus."

aar/dpa/AFP

insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Thorkh@n 15.08.2013
1. Wenn Ihr schreibt ...
... es wurden 278 Menschen getötet, warum unterschlagt Ihr dann, dass darunter 43 Sicherheitskräfte sind? Eure Bilder zeigen nur die Polizeigewalt. Schlimm genug, denn das sind wohl noch immer Mubarak-Schergen mit altem, festgefressenem Feindbild. Aber auch Polizei und Militär haben Opfer zu beklagen: wer hat die getötet und wie? Es steht ja noch nicht einmal fest, dass Mick Deane wirklich von Polizei, Militär oder Inlandgeheimdienst erschossen wurde. Klar ist wohl nur, dass es ein Scharfschütze war.
scharfekante 15.08.2013
2. Optional
'Der Nahost-Experte Peter Scholl-Latour sagte der "Passauer Neuen Presse", er sehe Ägypten auf dem Weg zurück in die Militär-Diktatur. "Darauf läuft es hinaus." ' Ägypten ist es längst: Die Demokratie ist für US/rael in der dritten Welt nur so lange willkommen, als die "richtigen" Personen und Parteien gewählt werden. Obama: Ein hohler, lobbygesteuerter Schwätzer. Merkel, Westerwelle & Co.: Ebenfalls lobbygesteuerte opportunistische Abnicker.
scharfekante 15.08.2013
3. Optional
'Der Nahost-Experte Peter Scholl-Latour sagte der "Passauer Neuen Presse", er sehe Ägypten auf dem Weg zurück in die Militär-Diktatur. "Darauf läuft es hinaus." ' Ägypten ist es längst: Die Demokratie ist für US/rael in der dritten Welt nur so lange willkommen, als die "richtigen" Personen und Parteien gewählt werden. Obama: Ein hohler, lobbygesteuerter Schwätzer. Merkel, Westerwelle & Co.: Ebenfalls lobbygesteuerte opportunistische Abnicker.
torsten1 15.08.2013
4. Die Räumung war Alternativlos
Zitat von Thorkh@n... es wurden 278 Menschen getötet, warum unterschlagt Ihr dann, dass darunter 43 Sicherheitskräfte sind? Eure Bilder zeigen nur die Polizeigewalt. Schlimm genug, denn das sind wohl noch immer Mubarak-Schergen mit altem, festgefressenem Feindbild. Aber auch Polizei und Militär haben Opfer zu beklagen: wer hat die getötet und wie? Es steht ja noch nicht einmal fest, dass Mick Deane wirklich von Polizei, Militär oder Inlandgeheimdienst erschossen wurde. Klar ist wohl nur, dass es ein Scharfschütze war.
Im Grunde währe ein noch früheres Eingreifen der Sicherheitskräfte vielleicht besser gewesen. Wenn die Regierung/ Militärregierung noch zwei Wochen gewartet hätte währen unter Umständen schwere Waffen in den Besitz von Teilen der Protestierenden Mursie Brüder gelangt. Ich weis nicht ob der Eine oder die Andere sich annährend vorstellen kann wie es aussieht wenn aus einer Demonstration heraus ein Helikopter abgeschossen wird und über einer Grosstadt unkontrolliert niedergeht. Die Moslem Brüder haben ganz eindeutig gesagt - entweder Mursi oder der Tod.
pontiac42 15.08.2013
5. Plan der USA Schaffung von Chaos in der islamischen Welt
Die Schaffung von Chaos in der gesamten islamischen Welt, bei dem sich Muslim und Muslim, Sunnit (Saudi-Arabien, Katar und AKP in der Türkei) und Schiit (Iran, Bahrain, Teile von Saudi-Arabien sowie proschiitische Alawiten in Syrien und der Türkei) gegenüberstünden ist ein seit 15 Jahren existierender Plan der USA. Die Blaupause für diese Revolutionen innerhalb des Islam, die Politisierung des Islam zu einer destruktiven globalen dschihadistisch-salafistischen Bewegung, kursiert in Kreisen des Pentagon bereits seit über 15 Jahren. 2006 veröffentlichte das US Armed Forces Journal einen Artikel von Colonel Ralph Peters zum Thema »Blutgrenzen: Wie ein besserer Naher und Mittlerer Osten aussehen würde«. Peters beschrieb eine Landkarte der umgestalteten Region, wie sie dem Pentagon vorschwebte.
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