Ägypten Kairos Polizei setzt Tränengas gegen Fußballfans ein

Kairo droht eine Nacht der Gewalt: Nach den Ausschreitungen im Stadion von Port Said gibt es nun Proteste in der ägyptischen Hauptstadt. Sicherheitskräfte gingen mit Tränengas gegen bewaffnete Demonstranten vor. 

AFP

Hamburg/Kairo: Einen Tag nach den tödlichen Krawallen von Port Said wächst unter Ägyptens Fußballfans die Wut auf Polizei und Militär. Am frühen Abend kam es im Kairoer Regierungsviertel zu ersten Auseinandersetzungen von tausenden Demonstranten mit den Sicherheitskräften. Als die Demonstranten weiter zum Innenministerium vordringen wollten, setzte die Polizei Tränengas gegen die Demonstranten ein. Nach Angaben von Ärzten wurden mindestens 20 Menschen durch das Einatmen des Tränengases verletzt.

Auf dem Tahrir-Platz blockierten junge Männer die Straßen. Ein Teil der Demonstranten soll sich nach Augenzeugenberichten auf die Krawalle vorbereitet haben: Sie hätten Steine gesammelt und Leuchtraketen zum Protest mitgebracht.

Tausende Fußballfans hatten sich zuvor vor dem Vereinsgelände von Al-Ahly Kairo versammelt. Die meisten Todesopfer der Krawalle vom Mittwochabend waren Anhänger des beliebtesten und erfolgreichsten ägyptischen Fußballvereins. Später kamen dann auch auf dem Sphinxplatz Demonstranten zusammen - zumeist Anhänger von Al-Ahlys Lokalrivalen Zamalek Kairo. Angesichts der jüngsten Gewalt haben die Fans beider Teams jedoch angekündigt, ihre seit Jahrzehnten gewachsene Rivalität vorerst ruhen zu lassen.

Später zogen die Fußballanhänger in Richtung des Regierungs- und Parlamentsviertels und zum Tahrir-Platz. In Sprechchören forderten sie den Sturz des herrschenden Militärrats und seines Vorsitzenden, Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi. "Dies war kein Sportunglück, dies war ein Militärmassaker!", riefen die Demonstranten.

Mehrere Al-Ahly-Spieler führten den Aufmarsch an. Sie hatten zuvor ihren Rücktritt vom aktiven Sport aus Protest gegen die Gewalt bekanntgegeben. Unter ihnen ist mit Mohamed Abutrika auch der beliebteste Fußballer des Landes.

Den Demonstranten schlossen sich auch viele Ägypter an, die mit Fußball sonst wenig am Hut haben, darunter viele Frauen. Sie sind überzeugt, dass Armee und Polizei das Blutvergießen durch ihr Nichteingreifen erst ermöglicht haben. Einige glauben gar, dass das Militär im Hintergrund die Fäden zog, um Chaos zu stiften und sich weiterhin selbst unverzichtbar zu machen.

"Nieder mit der Militärherrschaft", skandierten Tausende aufgebrachte Ägypter am Kairoer Hauptbahnhof, wo Fans empfangen und Leichen entladen wurden. "Wo ist mein Sohn?", rief eine Frau, die sich vergebens nach dem Verbleib ihres Kindes erkundigt hatte. "Zum Teufel mit dem Fußballspiel. Gebt mir meinen Jungen zurück."

Das ägyptische Parlament hatte zuvor in einer live im Fernsehen übertragenen Sondersitzung über die Vorfälle vom Mittwoch debattiert. Der Vorsitzende der Volksversammlung, der Muslimbruder Saad al-Katatni, warf den Sicherheitskräften vor, zu zögerlich gehandelt und damit "die Revolution in Gefahr" gebracht zu haben. In einer hitzigen Debatte forderten mehrere Abgeordnete den Rücktritt von Innenminister Mohammed Ibrahim. Der Versuch ein Misstrauensvotum gegen die vom Militär eingesetzte Regierung abzuhalten, scheiterte jedoch.

syd/AP

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A.E.I.O.U. 02.02.2012
1. Tja...
Zitat von sysopDroht Kairo eine Nacht der Gewalt? Nach den Ausschreitungen im Stadion von Port Said gibt es nun Proteste in der ägyptischen Hauptstadt. Augenzeugen berichten, dass Sicherheitskräfte mit Tränengas gegen bewaffnete Demonstranten vorgehen.* http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813017,00.html
Die Revolution frisst ihre Kinder, oder doch nur reaktionäre Reflexe staatlicher Sicherheitsorgane? wie auch immer, auf den "Arabischen Frühling" folgt, wie zu erwarten war ein modernes, dem 21. Jahrhundert angepasstes Regime. Meinungsfreiheit, Rechte für Minderheiten (koptische Christen) wird es so wohl ebenso nicht geben wie echte Demokratie. Dafür müsste man eine zweite Revolution beginnen. Aber Demokratie westlicher Prägung wird von der Mehrheit nicht verlangt. Hauptsache die Moscheen sind voll.
Alhambra 02.02.2012
2. Droht Kairo neue Gewalt?
Zitat von sysopDroht Kairo eine Nacht der Gewalt? Nach den Ausschreitungen im Stadion von Port Said gibt es nun Proteste in der ägyptischen Hauptstadt. Augenzeugen berichten, dass Sicherheitskräfte mit Tränengas gegen bewaffnete Demonstranten vorgehen.* http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813017,00.html
Ja, Kairo droht erneut Gewalt ausgelöst durch die Polizei und den herrschenden Militärrat unter Tantawi durch die blutigen Ereignisse in Port Said. Fußballfans der beiden populärsten Fußballclubs in Ägyptens Hauptstadt, Ahly und Zamalek, gehörten vom Beginn an zur Sperrspitze des Aufstands gegen Mubarak. Diese Fans befinden sich in einer alten und erbitterten Fehde mit der Polizei, weil diese seit Mubaraks Zeiten immer die sogenannte Ordnung in und um die Stadien mit rücksichtsloser Gewalt durchsetzen und die Fußballfans auch ohne aeusseren Anlass mit erheblicher Brutalität schikanieren, prügeln oder auch festnehmen konnten wegen der über 30 Jahre unter Mubarak geltenden Notstandsgesetze, die erst vor ein paar Tagen teilweise zurückgenommen wurden. Ihren gemeinsamen Hass auf die Polizei haben die Ultras der beiden Klubs nun auch zur Sperrspitze des Protests gegen die Militärjunta und die nicht reformierte Polizei gemacht, um sich tapfer und tollkühn in jede Schlacht mit den alten Ordnungshütern zu stürzten. Nun geben die Ultras und die Familienangehörigen der Getöteten und Verletzten der untätigen Polizei und dem seit dem Sturz Mubaraks herrschenden Militärrat die Schuld für das tödliche Massaker in Port Said mit dem Ergebnis neuer heftiger Straßenschlachten in Kairo. Die Militärjunta unter Führung des senilen Mubarak-Proteges Tantawi, die nun ein Jahr an der Macht ist, hat sich als völlig unfähig erwiesen, diesen explosiven Konflikt zu entschärfen. Das Innenministerium wurde nicht reformiert, die Sicherheitskräfte nicht geschult, immer wieder schießende, immer wieder prügelnde und immer wieder folternde Polizisten nicht bestraft. Und die sogenannten Ordnungskräfte machten der Frustration über ihre Demütigung in der Revolution Luft, indem sie mit umso größerer Heimtücke und Aggressivität gegen die Ultras vorgehen. Im Unterschied zu den Facebook-Aktivisten aus dem Bürgertum konnten sie auf die Jugendlichen aus den armen Vierteln munter ein-dreschen, ohne dass gleich ein Aufschrei der Empörung durch die nationalen und internationalen Medien ging. Kein Wunder, dass viele vermuten, die Polizei habe den Zusammenbruch der Ordnung im Stadion von Port Said bewusst zugelassen oder aktiv gefördert und damit ein Massaker in Kauf genommen. Viele klagen die herrschende und scheinheilige Militärjunta unter Tantawi an, sie wollten einen Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung provozieren, um den Übergang zur Demokratie abzubrechen trotz bereits abgehaltener Wahlen, um ihr Regime mit den vielen Vorteilen und Privilegien nur für sie, aufrecht zu erhalten.
LinkesBazillchen 02.02.2012
3. Polizei greift ein - interessant
Zitat von sysopDroht Kairo eine Nacht der Gewalt? Nach den Ausschreitungen im Stadion von Port Said gibt es nun Proteste in der ägyptischen Hauptstadt. Augenzeugen berichten, dass Sicherheitskräfte mit Tränengas gegen bewaffnete Demonstranten vorgehen.* http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813017,00.html
Ich dachte die Polizei greift nicht ein??? Das war die einhellige Meldung der alleswissenden Presse. Bewaffnete Demonstranten - siehe da! Bösartige Verschwörung.
A.E.I.O.U. 02.02.2012
4.
Zitat von AlhambraJa, Kairo droht erneut Gewalt ausgelöst durch die Polizei und den herrschenden Militärrat unter Tantawi durch die blutigen Ereignisse in Port Said. Fußballfans der beiden populärsten Fußballclubs in Ägyptens Hauptstadt, Ahly und Zamalek, gehörten vom Beginn an zur Sperrspitze des Aufstands gegen Mubarak. Diese Fans befinden sich in einer alten und erbitterten Fehde mit der Polizei, weil diese seit Mubaraks Zeiten immer die sogenannte Ordnung in und um die Stadien mit rücksichtsloser Gewalt durchsetzen und die Fußballfans auch ohne aeusseren Anlass mit erheblicher Brutalität schikanieren, prügeln oder auch festnehmen konnten wegen der über 30 Jahre unter Mubarak geltenden Notstandsgesetze, die erst vor ein paar Tagen teilweise zurückgenommen wurden. Ihren gemeinsamen Hass auf die Polizei haben die Ultras der beiden Klubs nun auch zur Sperrspitze des Protests gegen die Militärjunta und die nicht reformierte Polizei gemacht, um sich tapfer und tollkühn in jede Schlacht mit den alten Ordnungshütern zu stürzten. Nun geben die Ultras und die Familienangehörigen der Getöteten und Verletzten der untätigen Polizei und dem seit dem Sturz Mubaraks herrschenden Militärrat die Schuld für das tödliche Massaker in Port Said mit dem Ergebnis neuer heftiger Straßenschlachten in Kairo. Die Militärjunta unter Führung des senilen Mubarak-Proteges Tantawi, die nun ein Jahr an der Macht ist, hat sich als völlig unfähig erwiesen, diesen explosiven Konflikt zu entschärfen. Das Innenministerium wurde nicht reformiert, die Sicherheitskräfte nicht geschult, immer wieder schießende, immer wieder prügelnde und immer wieder folternde Polizisten nicht bestraft. Und die sogenannten Ordnungskräfte machten der Frustration über ihre Demütigung in der Revolution Luft, indem sie mit umso größerer Heimtücke und Aggressivität gegen die Ultras vorgehen. Im Unterschied zu den Facebook-Aktivisten aus dem Bürgertum konnten sie auf die Jugendlichen aus den armen Vierteln munter ein-dreschen, ohne dass gleich ein Aufschrei der Empörung durch die nationalen und internationalen Medien ging. Kein Wunder, dass viele vermuten, die Polizei habe den Zusammenbruch der Ordnung im Stadion von Port Said bewusst zugelassen oder aktiv gefördert und damit ein Massaker in Kauf genommen. Viele klagen die herrschende und scheinheilige Militärjunta unter Tantawi an, sie wollten einen Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung provozieren, um den Übergang zur Demokratie abzubrechen trotz bereits abgehaltener Wahlen, um ihr Regime mit den vielen Vorteilen und Privilegien nur für sie, aufrecht zu erhalten.
Man kann nur hoffen dass diese Ultras sich nicht mehr unterdrücken lassen und auch angesichts dieses von reaktionären Kräften des neuen (alten) Regimes offensichtlich herbeigeführten Blutbades standhaft bleiben und zumindest versuchen die Revolution weiter voranzutreiben. Das es gerade Hooligans sind die revoltieren, wirkt auf den ersten Blick natürlich absurd. Aber sowas gab es auch schon früher: Nika-Aufstand (http://www.de.wikipedia.org/wiki/Nika-Aufstand)
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