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03. Juli 2013, 00:38 Uhr

Ägypten

Mursi trotzt Militär und Opposition

Kein Rücktritt, auch wenn es ihn das Leben kostet: In einer nächtlichen Ansprache lehnt Ägyptens Präsident Mursi einen Amtsverzicht erneut ab. Das Militär fordert er auf, zum normalen Dienst zurückzukehren. Bei Demonstrationen seiner Anhänger und Gegner starben am Dienstagabend mehrere Menschen.

Kairo - Ägyptens Präsident Mohammed Mursi lehnt den von der Opposition geforderten Rücktritt ab. Er sei durch demokratische Wahlen ins Amt gekommen. "An dieser Legitimierung halte ich fest", sagte der Islamist in der Nacht zum Mittwoch in einer vom Fernsehen übertragenen Rede. "Ich bin der Präsident Ägyptens, der alle Ägypter repräsentiert", rief Mursi. Er sei vom Volk "in freien und gleichen Wahlen" gewählt worden, sagte er. Mursi betonte, er werde nicht zurücktreten, selbst wenn ihn dies das Leben koste. Das Militär forderte er auf, wieder zu seinem normalen Dienst zurückzukehren.

Mursi machte "Überbleibsel des alten Regimes" von Langzeitherrscher Husni Mubarak für die Missstände im Land verantwortlich. Diese würden den Zorn der ägyptischen Jugend für ihre Ziele missbrauchen. "Diese alte kriminelle Gruppe will keine Demokratie", warnte Mursi. Sie wolle nur "Chaos und Gewalt säen".

Der Präsident erinnerte an den gemeinsamen Kampf gegen das Mubarak-Regime. "Wir haben die Revolution gemeinsam geschafft. Viele sind gestorben oder verletzt worden." Vor einem Jahr sei er dann vom Volk zum Präsidenten bestimmt worden. "Die Ägypter haben der Welt damit erklärt, dass sie einen Präsidenten in freien und fairen Wahlen bestimmt haben", sagte Mursi.

Die Armeeführung hatte Mursi und seinen Gegnern bis Mittwochnachmittag Zeit gegeben, einen Kompromiss zu schließen. Ansonsten wolle sie einen eigenen Plan für die Zukunft Ägyptens vorlegen und entsprechende Maßnahmen einleiten. Seit Tagen fordern die Ägypter in Massenprotesten auf den Straßen des Landes den Rücktritt des vor einem Jahr gewählten Präsidenten.

Millionen Menschen waren auf die Straßen des Landes gegangen, um ihrem Unmut über die Amtsführung des islamistischen Staatschefs Luft zu machen. Der arabische Nachrichtensender al-Dschasira berichtete unter Berufung auf Angaben von Krankenhausärzten von sieben Toten. Das Gesundheitsministerium in Kairo bestätigte nur vier Todesopfer.

In der Nacht kam es an der Kairoer Universität zu schweren Zusammenstößen zwischen Anhängern Mursis und Sicherheitskräften. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen wurden dabei weitere drei Menschen getötet und mehr als 90 weitere verletzt. Augenzeugen berichteten von Gewehrfeuer. Auch Tränengas sei eingesetzt worden. Vor dem Gebäude hatten sich Tausende Islamisten versammelt, um gegen das Ultimatum der Armee an Mursi zu demonstrieren.

Bei anderen Brennpunkten ging die Gewalt am Abend laut Medienberichten von den verfeindeten Seiten aus. In der Stadt Banha nördlich von Kairo griffen Regierungsgegner das örtliche Büro der Muslimbrüder an und setzten es in Brand. In Helwan, am südlichen Stadtrand der ägyptischen Hauptstadt, sollen Anhänger von Mursi auf eine Kundgebung von Oppositionellen geschossen und mehrere Menschen verletzt haben. In mehreren Städten versuchten die Sicherheitskräfte mit Tränengas die Konfliktparteien zu trennen.

Allein in Kairo hatten sich am Dienstagabend insgesamt Hunderttausende versammelt. Die Regierungsgegner strömten auf den Tahrir-Platz im Zentrum der Stadt, die Anhänger von Präsident Mursi kamen auf dem Platz vor der Universität und in der Umgebung der Rabaa-al-Adawija-Moschee im östlichen Stadtteil Nasr City zusammen.

Nach einem Jahr Demokratie geht es den meisten Ägyptern schlechter als früher. Die Wirtschaftskrise hat sich weiter verschärft. Viele, die sich von Mursi Wunder erhofft hatten, sind tief enttäuscht. Sollten Neuwahlen ausgerufen werden, würden die Muslimbrüder deshalb deutliche Verluste hinnehmen müssen.

mia/dpa/AFP/Reuters

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