Plakat-Eklat Ägypten wirbt mit Westlern für neue Verfassung

Die Ägypter sollen im Januar über eine neue Verfassung abstimmen - schon wieder. Doch eine Panne überschattet den Start der Wahlkampagne: Das Werbeplakat für die Verfassung zeigt mehr Menschen aus dem Westen als Einheimische.

Pannen-Plakat: Drei der Abgebildeten waren schon auf westlicher Werbung zu sehen
REUTERS

Pannen-Plakat: Drei der Abgebildeten waren schon auf westlicher Werbung zu sehen


Kairo - In Ägypten wird gewählt, schon wieder, am 14. und 15. Januar soll eine neue Verfassung verabschiedet werden, die dritte in drei Jahren. Daran, dass sie abgesegnet wird, bestehen kaum Zweifel. Kein ägyptisches Referendum ist bisher jemals abgelehnt worden. Doch spannend wird, wie viele Ägypter ihre Stimme abgeben werden. Schließlich kann die Wahlbeteiligung auch Auskunft darüber geben, wie stark der Rückhalt für den vom Militär geprägten Kurs ist.

Um möglichst viele Ägypter an die Urne zu bekommen, laufen die Wahlkampagnen nun auf Hochtouren. Am Sonntag hat Amr Mussa, lang gedienter Karrierediplomat und Vorsitzender der jüngsten Verfassungskommission, ein Werbeplakat in Kairo enthüllt. Darauf sind vier Männer und eine Frau zu sehen, über ihnen steht sinngemäß "die Verfassung aller Ägypter".

Dumm ist nur: Sucht man im Internet die Gesichter, findet man die vermeintlichen ägyptischen Verfassungsmodels schnell anderswo - auf westlichen Werbeanzeigen. Der vermeintliche ägyptische Arzt etwa ist auf einer englischsprachigen Webseite zu sehen, wo er für ein Mittel gegen Schwangerschaftsstreifen wirbt. Der vermeintliche Ägypter mit Down-Syndrom findet sich auf einer Werbung für eine US-Klinik wieder. Und die vermeintliche Ägypterin war zuletzt auf einer irischen Anzeige zu sehen.

Der Vorwurf steht im Raum, die Verfassung repräsentiere nicht alle

Offen ist, ob Kairo die Bilder online geklaut hat oder nicht. Wahrscheinlich ist eher, dass für das ägyptische Werbeplakat sogenannte Stock-Fotos genommen wurden, Aufnahmen, die bereits bei Fotoagenturen vorliegen und von den Kunden der Agentur für Werbeplakate verwendet werden können. Stock-Fotos zu verwenden, ist meist billiger, als einen eigenen Fotografen und Models zu bestellen. Ob die Gesichter, die da für die Verfassung aller Ägypter werben, tatsächlich Ägypter sind oder Westler, hat dann anscheinend keinen weiter interessiert.

Ironisch ist, dass nur eine einzige Frau neben vier Männern abgebildet wurde, obwohl sich der Verfassungsentwurf ausdrücklich gleiche Rechte für Mann und Frau auf die Fahnen geschrieben hat - auch in klarer Absage an die islamistische Verfassung des abgesetzten Mohammed Mursi. Dass die einzige Frau auf dem Plakat auch noch ohne Kopftuch abgebildet wurde, obwohl wohl die Mehrheit der Ägypterinnen eines trägt, ist zumindest symbolisch eine Ausgrenzung eines Teils der Bevölkerung.

Politisch brisant ist das Werbeplakat, da schon so manche kritisieren, die neue Verfassung sei unter Ausschluss eines Teils der Ägypter erarbeitet worden. Während die letzte, sechs Monate gültige Verfassung von konservativen Islamisten erarbeitet wurde, ohne die Moderaten und säkularen Kräfte einzubeziehen, haben die neue Verfassung nun hauptsächlich säkulare Linke geschrieben.

Das Militär bleibt unantastbar

Viele Verbesserungen finden sich in dem neuen Entwurf: Die umstrittenen islamistischen Artikel wurden entschärft, die Gewaltenteilung wurde festgeschrieben und zumindest auf dem Papier wurden viele bedeutende Grundrechte verankert.

Allerdings bleibt das Militär de facto unantastbar ohne Kontrollmöglichkeiten; es darf weiterhin Zivilisten vor Militärgerichte stellen und wegsperren. Auch die Rolle der Polizei wird gestärkt. Zu jedem Gesetz, das die Polizei betrifft, muss in Zukunft ihr Einverständnis eingeholt werden. Eine vollständige englischsprachige Übersetzung findet sich hier.

Schwierig könnte auch werden, dass der Verfassungsentwurf der Regierung konkrete Vorgaben macht, welchen Anteil des Bruttoinlandsprodukts sie ab dem Haushaltsjahr 2016/2017 beispielsweise für Bildung und Gesundheit auszugeben habe. Kairo ist schon jetzt auf Kredite der Golfstaaten angewiesen. Da könnten verfassungsrechtlich verankerte Mindestausgaben schnell zum echten Problem werden.

ras

insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Artgarfunkel 17.12.2013
1.
Ein Großteil der Probleme wären wohl auch gelöst, wenn mehr westliches Denken das islamistische ewig Gestrige ablösen würde.
kannwas 17.12.2013
2. Eklat??
Mannomann, da wird aber ganz schön reininterpretiert... Die Abgebildeten wirken doch ganz sympathisch, mehr will das Bild doch nicht, einfach nett für etwas werben...
rotertraktor 17.12.2013
3. Wa(h)re Demokratie
Ein passendes Sinnbild für die Beliebigkeit der Politik, bei der es längst nicht mehr um Inhalte oder Argumente geht, sondern nur noch darum, mit allen Marketing-Tricks ein gestyltes Image zu verkaufen ... und das nicht nur in Ägypten.
Betrayal 17.12.2013
4. optional
hahaha ... der downi auf dem plakat ist ein ziemlich bekanntes internet-meme. da hat sich jemand wirklich mühe gegeben oder war einfach nur ein troll :D
Hugh 17.12.2013
5. Der Soldat
Zitat von sysopREUTERSDie Ägypter sollen im Januar über eine neue Verfassung abstimmen - schon wieder. Doch eine Panne überschattet den Start der Wahlkampagne: Das Werbeplakat für die Verfassung zeigt mehr Menschen aus dem Westen als Einheimische. http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-plakat-wirbt-mit-westlern-fuer-neue-verfassung-a-939494.html
Sehr lustig ist auch, dass man das Bild eines israelischen Soldaten genommen hat.
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