Freitagsgebete in Ägypten Klima der Angst verhindert neue Massenproteste

Mit einem "Freitag der Märtyrer" wollten die Muslimbrüder zeigen, dass ihr Widerstand ungebrochen ist. Eine massive Polizeipräsenz verhinderte größere Demonstrationen, ein Großteil der ägyptischen Bevölkerung hat sich mit der Rückkehr des Polizeistaats abgefunden.

Panzer und Straßensperren: Kairo wirkt wie eine Geisterstadt
DPA

Panzer und Straßensperren: Kairo wirkt wie eine Geisterstadt

Aus Kairo berichtet


Ahmed Azim ist enttäuscht, trotzdem brüllt er sich die Seele aus dem Leib. "Hau ab Sisi, hau ab", schreit der 21-jährige Ingenieursstudent mit einigen Dutzend anderen Männern unter der gewaltigen Betonbrücke der Stadtautobahn im Kairoer Stadtteil Giza. Seine Mitstreiter, die meisten sind Anhänger der Muslimbrüder, winken immer wieder in Richtung der vorbeifahrenden Busse, versuchen, die aussteigenden Gäste zum Bleiben zu überzeugen. Alle aber winken sofort ab. "Ich bin zwar auch gegen die Militärregierung", sagt einer von ihnen, "aber zu demonstrieren, das ist mir schlicht zu gefährlich." Ahmed schüttelt den Kopf, verstehen aber kann er die Aussage. "Wir leben seit Wochen in einem Klima der Angst", sagt er, "was will man da erwarten."

Die Szene kurz nach dem Freitagsgebet in Kairo war exemplarisch für diesen ganzen Tag. Knapp anderthalb Wochen nach dem Gewaltexzess bei der Räumung von mehreren Protestcamps der Muslimbrüder durch Armee und Polizei und der spektakulären Entlassung des einstigen Diktators Husni Mubarak am Donnerstag hatte die Muslimbrüderschaft zwar gleich 28 verschiedene Protestmärsche angekündigt, im Pathos der Islamisten sollte es ein "Freitag der Märtyrer" werden. Doch aus dem geplanten Massenprotest wurde nichts. Zwar versammelten sich an einigen Moscheen in der Stadt ein paar tausend Demonstranten, doch die meisten Kundgebungen lösten sich schon am späten Nachmittag wieder auf.

Statt neuer Ausschreitungen wirkte Kairo am Freitag viel mehr wie eine Geisterstadt. Schon in der Nacht hatte das Militär die als Muslimbrüder-Hochburgen bekannten Moscheen weitgehend abgesperrt, an vielen großen Plätzen standen Panzer, Straßensperren wurden errichtet. Über das Staatsfernsehen verbreitete die vom Militär gestützte Übergangsregierung zudem, jeglicher Protest werde sofort niedergeschlagen.

Harsche Maßnahmen zeigen Wirkung

Den Ägyptern rieten die Sender - allesamt seit Wochen strikt auf Regierungslinie gleichgeschaltet - lieber zu Hause zu bleiben, da es im vielgelobten Kampf gegen den Terrorismus durchaus zu Gewalt kommen könnte. Unter dieser griffigen Schlagzeile verpackt die Regierung ihr knallhartes Vorgehen gegen die Muslimbrüder.

Die harschen Maßnahmen, mittlerweile sitzen fast alle Führungskader der Islamisten in Haft, zeigt Wirkung. Sichtbar fehlte der fundamentalistischen Gruppe, deren Präsident Mohammed Mursi Anfang Juli nach tagelangen Volksprotesten vom Militär abgesetzt worden war, die straffe Organisation der Vergangenheit und die Zehntausenden Anhänger, die man zuvor für Proteste mit Bussen in die Innenstadt von Kairo gebracht hatte. Zudem stehen die Brüder nach dem Blutbad von vergangener Woche, bei dem rund 900 Anhänger beim Sturm auf die Protestcamps getötet worden waren, noch immer unter einer Art Schock. "Viele von uns trauen sich nicht mehr auf die Straße", sagte auch Student Ahmed enttäuscht, "sie haben Angst, getötet zu werden."

Der politische Tumult hat das Land so tief gespalten wie nie zuvor. Mittlerweile werden die Muslimbrüder in den Staatsmedien nur noch als Terroristen bezeichnet. Die Beweise dafür liefert das Staatsfernsehen 24 Stunden am Tag: Verwackelte Bilder von einigen mit uralten Waffen schießenden Demonstranten während der Räumung der Brüder-Camps sollen belegen, dass sie die exzessive Gewalt der Polizei und der Sicherheitskräfte selbst zu verantworten hätten. Passend dazu hat die Regierung, die alle Repressionen aus der Ära des Ex-Despoten Mubarak wieder in Kraft gesetzt hat, eine Parole ausgerufen, die aus der Zeit der Zeiten nach 9/11 stammt: Entweder, so die Linie, ist man mit uns oder gegen uns, Grautöne dazwischen gibt es in Ägypten derzeit nicht mehr.

Klima der Angst

Bisher funktioniert das Kalkül; selbst die Jugendgruppen, die 2011 den Sturz von Husni Mubarak anfachten, haben sich zumeist hinter das Regime gestellt. Zwar gab es am Donnerstag Kritik an der Freilassung des Despoten aus der Haft, aber keine der Gruppen rief zu Protesten auf. "Wenn wir uns auch nur mit leichter Kritik gegen die Regierung stellen", so ein prominentes Mitglied der Bewegung "6. April" am Freitag zu SPIEGEL ONLINE, "sind wir doch gleich mit den Brüdern im Lager der Feinde angekommen und werden festgenommen."

Kurze Zeit später rief der bekannte Aktivist noch einmal an und bat darum, nicht mit seinem Namen genannt zu werden, er fürchte Probleme mit der Polizei.

insgesamt 47 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
daisky 23.08.2013
1.
immerhin wurde die "Demokratie" durch den Militärputsch "wiederhergestellt". Ein Jahr lang haben die "Liberalen, Sozialisten, Demokraten..." demonstrieren dürfen unter Mursi, ohne Gewalt fürchten zu müssen. Diese Minderheiten (die Wahlergebnisse beweisen es) haben es geschaft die junge zerbrechliche Demokratie im Land wahrscheinlich für immer zu zerstören. Und El-Baradei, ein ganzes Jahr Demonstrationen gegen die demokratische Regierung angeführt und sich durch Boykott hervorgehoben. Durch ein Putch zum Vizepräsidenten geworden. Und erst nach dem DRITTEN Massakar an das Volk zurückgetreten und hat sofort das Land verlassen, anstatt jetzt erst recht gegen die Militärs demonstrieren. Warum ist er den nicht im Land geblieben, um gegen das Unrecht zu demonstrieren? Friedensnobelpreise???
k.airo 23.08.2013
2. bezahlte Demonstranten
die Demonstranten der MB's wurden vorher per Kopf bezahlt, deswegen wurden Frauen und Kinder mitgenommen. Sei der Ausgangssperre und dem Wiederherstellen der Ordnung und dem Kampf der Armee gegen Terrorismus, sind es nur noch die Märtyrer, die keine Angst haben für Ihren ehem. Präsidenten zu sterben - und das sind sehr wenig, ie sich glücklicherweise nun herausstellt. Gute Nachrichten, es geht aufwärts mit Ägypten.
Scuba-Diver 23.08.2013
3. sehr gut Militär
Der Anfang ist gemacht..die Hirten sind im Knast und die Schafe wissen nicht mehr was sie tun sollen, der Anfang ist getan,, jezt noch aufpassen, wie schon geschehen, MB Lager mit Waffen,Bomben und Molotow-cocktails ausheben(wie schon mehrmals geschehen,nur das weiss die Presse nicht) dann wird bald alles wieder gut. Apropo, es hat weniger mit Angst zu tun, sondern mit dem Gedanken..pueh, wieso sollich mich abknallen lassen, wenn die anderen eh im Knast sitzen, aber ich denke ihr versteht es nicht, wenn hier ein Führer sagt..werdet Märtyrer, dann werden sie es, wenn Führer im Knast sitzen...kann niemand mehr sagen..werdet Märtyrer.Sonnige Grüsse aus Ägypten!
amel2012 23.08.2013
4. ...
Zitat von sysopDPAMit einem "Freitag der Märtyrer" wollten die Muslimbrüder zeigen, dass ihr Widerstand ungebrochen ist. Eine massive Polizeipräsenz verhinderte größere Demonstrationen, ein Großteil der ägyptischen Bevölkerung hat sich mit der Rückkehr des Polizeistaats abgefunden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-polizeipraesenz-und-klima-der-angst-verhindern-massenproteste-a-918311.html
Und da hat man doch die ganze Zeit schon von Bürgerkrieg gesprochen, aber wenn die Autoren wirklich die Ägypter kennen würden, wüssten sie auch, dass es diese nicht so weit kommen lassen würden. Bei der tagesschau heisst es in einem Artikel: >>"Wir erhalten keine Weisungen mehr", sagte ein Mitglied der Muslimbrüder aus dem Nil-Delta der Nachrichtenagentur AFP. "Wir wissen nicht mehr, was wir tun sollen, die meisten führenden Köpfe sind inhaftiert."
pharo777 23.08.2013
5. optional
Ich denke alle Partein im politischen Spiel in Aegypten haben deren Staerke und Schwaeche. Die Muslimbrueder sind in allen Doerfer Aegyptens sehr verbreitet und wirksamer, als andere Partein , aber einige von denen sehen ein , dass Sie durch Gewalt ihre Willen durchsetzen koennen.Die anderen Zivilparteien durch ihre intellektuele Sprache vierleren am Boden vieler einfache Menschen , die ihre Sprache nicht verstehen , dondern verstehen die Sprache der Muslimbrueder durch ihre konkreten Unterstuetzungen von Oel und Zucker.Diese sogennaten Muslimbrueder verstaendigen sich sehr gut mit den einfachen Menschen , und diese Zivilpartein verstaendigen sich sehr gut mit der Eliten .Ih schlage vor, dass wir eine Bruecke schaffen um zwischen diesesn und jenen zu verbinden , nicht zu streiten , weil Konflikt auf kosten der Bevoelkerung mag keiner
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.