Annäherung in Nahost Ägyptens Präsident plant historische Iran-Reise

Zum ersten Mal seit mehr als 30 Jahren will ein Staatsoberhaupt Ägyptens Iran besuchen: Präsident Mursi plane in eineinhalb Wochen eine Reise nach Teheran, heißt es aus Kairo. Israel, die USA und andere blicken besorgt auf eine mögliche Annäherung der beiden Länder.

Mohammed Mursi: Erstes ägyptisches Staatsoberhaupt in Iran seit vielen Jahrzehnten
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Mohammed Mursi: Erstes ägyptisches Staatsoberhaupt in Iran seit vielen Jahrzehnten


Kairo - Es wäre eine Reise mit starker symbolischer Bedeutung: Ägyptens Präsident Mohammed Mursi will Ende August am Gipfeltreffen der blockfreien Staaten in der iranischen Hauptstadt Teheran teilnehmen. Mursi werde dort den Vorsitz des Verbundes an Iran übergeben, berichtete die amtliche ägyptische Nachrichtenagentur Mena unter Berufung auf einen Insider im Präsidialamt. Ein Sprecher Mursis war zunächst nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Ägypten führt derzeit den Vorsitz der Blockfreien.

Sollte Mursi tatsächlich in eineinhalb Wochen in Teheran eintreffen, wäre das der erste Besuch eines ägyptischen Staatsoberhaupts in Iran seit mehr als drei Jahrzehnten. 1979 hatten sich die Beziehungen zwischen den beiden Staaten drastisch abgekühlt - in Iran eroberten die Mullahs in der Islamischen Revolution die Macht, Ägypten schloss im gleichen Jahr Frieden mit Israel. Die neu etablierte Theokratie in Iran legte kurz darauf als Reaktion auf den Friedensvertrag die diplomatischen Beziehungen mit Kairo auf Eis.

Seitdem ist die konfrontative Haltung zwischen dem schiitischen Regime in Teheran und dem sunnitisch geprägten Ägypten eine wichtige Konstante in dem fragilen Machtgefüge des Nahen und Mittleren Ostens. Daher wird eine mögliche Annäherung der neuen Führung in Kairo an Iran von dessen strategischen Gegenspielern mit Sorge gesehen - von den USA und Israel, aber auch den Golfstaaten mit Saudi-Arabien an der Spitze.

Eine Straße in Teheran ist nach dem Attentäter Sadats benannt

Vor dem Hintergrund der symbolischen Bedeutung eines persönlichen Besuchs Mursis in Teheran hatten ägyptische Medien denn auch spekuliert, der Präsident würde stattdessen seinen kürzlich ernannten Stellvertreter Mahmud Mekki zum Blockfreien-Gipfel entsenden. Nun erklärte der Insider aus Mursis Umgebung, der Präsident werde Teheran am 30. August auf seinem Rückweg von China selbst besuchen.

Wie feindselig die Haltung zwischen den beiden politischen Schwergewichten in der Region seit Jahrzehnten ist, wird auch an Symbolen deutlich. So gewährte ausgerechnet Ägypten 1979 dem in der islamischen Revolution gestürzten und aus dem Land vertriebenen Schah von Persien Ali Resa Pahlewi Asyl. Im Gegenzug benannte Iran kurz nach dem tödlichen Anschlag auf den ägyptischen Staatschef Anwar al-Sadat, der den Frieden mit Israel geschlossen und die Annäherung an die USA gesucht hatte, eine Straße in Teheran nach dem Attentäter.

Bereits kurz nach dem Sturz Husni Mubaraks im vergangenen Frühjahr hatte sich eine Lockerung dieser starren strategischen Linie angedeutet, an der unter der jahrzehntelangen Herrschaft von Sadats Nachfolger nicht zu rütteln war. Im Mai 2011 hatte der damalige Außenminister Ägyptens durchscheinen lassen, das Verhältnis zu Teheran verbessern zu wollen. Im gleichen Frühjahr durften erstmals seit 1979 wieder iranische Kriegsschiffe den unter ägyptischer Kontrolle stehenden Suezkanal passieren.

Teheran bejubelte Mursis Sieg als "islamisches Erwachen"

Ende Juni dieses Jahres hatte ein vermeintliches Interview Mursis mit der iranischen Nachrichtenagentur Fars für großen Wirbel gesorgt. Wenige Stunden vor seiner Ausrufung zum Sieger der Präsidentschaftswahlen soll Mursi darin sein Interesse an einer Allianz mit Iran bekundet haben. Wenige Stunden später dementierte ein Sprecher des Präsidenten aber entschieden, dass Mursi das Interview überhaupt gegeben habe und sagte, der Inhalt entbehre jeder Grundlage.

Allerdings hatte der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad vor einigen Wochen auf seiner Homepage mitgeteilt, er habe mit Mursi gesprochen und den islamistischen Präsidenten persönlich eingeladen. Den Wahlsieg Mursis hatte das Regime in Teheran euphorisch als "islamisches Erwachen" begrüßt.

Und auch umgekehrt hat Ägypten deutliche Zeichen für eine veränderte Haltung gegenüber Iran gesetzt. Vor wenigen Tagen hatte etwa Mursi beim Gipfeltreffen der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) in der saudischen Stadt Mekka Iran als ein Mitglied für eine vorgeschlagene Kontaktgruppe genannt, die im Syrien-Konflikt vermitteln soll.

Eine mögliche Annäherung an das Mullah-Regime würde Mursi allerdings vor eine erhebliche diplomatische Herausforderung stellen. Denn der frühere Muslimbruder versucht derzeit, keinen Zweifel an seiner Zuverlässigkeit als Bündnispartner des Westens aufkommen zu lassen - das Land erhält nach wie vor milliardenschwere militärische Unterstützung aus den USA.

fdi/dapd/AFP/Reuters

insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
Dramidoc 19.08.2012
1. xxx
Zitat von sysopREUTERSZum ersten Mal seit mehr als 30 Jahren will ein Staatsoberhaupt Ägyptens Iran besuchen: Präsident Mursi plane in eineinhalb Wochen eine Reise nach Teheran, heißt es aus Kairo. Israel, die USA und andere blicken besorgt auf eine mögliche Annäherung der beiden Länder. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,850836,00.html
Ich finde es gut, wenn man in der Region stärker zusammenarbeitet. Die Länder in dieser Weltgegend stehen vor ähnlichen Problemen (Umwelt, Arbeitslosigkeit, wirtschaftspolitische Probleme, etc.) die sie nur gemeinsam lösen kann. Hoffentlich schließt sich die israelische Regierung bald dieser Zusammenarbeit bald an.
der-schwarze-fleck 19.08.2012
2. konsequent
Zitat von sysopREUTERSZum ersten Mal seit mehr als 30 Jahren will ein Staatsoberhaupt Ägyptens Iran besuchen: Präsident Mursi plane in eineinhalb Wochen eine Reise nach Teheran, heißt es aus Kairo. Israel, die USA und andere blicken besorgt auf eine mögliche Annäherung der beiden Länder. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,850836,00.html
Ein Schulterschluss zwischen Ägypten und dem Iran wäre für mich nur die logische Konsequenz der Entwicklungen der letzeten Monate. Hatte jemand etwas anderes erwartet, ich fürchte ja.
bokrause 19.08.2012
3. Gegengewicht zu Saudi-Arabien
Es ist ja auch Heuchelei immer auf den Iran zu hauen und sich den Saudis anzubiedern. Wir brauchen ein Gegengewicht zu den Saudis und Emiratis.Im Vergleich zu Saudiarabien gibt es im Iran mehr Freiheit und eine intellektuelle Tradition, zudem ist es das bevölkerungsreichste Land am Golf. Aus Saudiarabien und den Emiraten kommt außerdem noch ein Großteil der Unterstützung für (sunnitische) Salfisten und Djihadisten. Das sehe ich als größeres Problem, als das Gerassel des Iran welches, meiner Meinung nach, eher auf die Kränkung eines großen Volkes zurück zu führen ist. Würden mehr Völker den Dialog mit der ganzen iranischen Gesellschaft suchen, würde diese sich wahrscheinlich auch anerkannt fühlen und sich de-radikalisieren.
nablus 19.08.2012
4. Eid Mubarak
Wunderbare Nachricht. Ich hoffe durch den Dialog dieser beiden grossen Nationen werden sogenannte "Probleme" geloest. Kanonen und Drohnen haben noch nie zur Problemloesung beigetragen. Wer Zeit hat schaut sich vielleicht folgende Docu an (BBC) Why We Fight - http://documentariestowatch.blogspot.com/ - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=c_VD0pE37vo) In diesem Sinne - Eid Mubarak
hermann_huber 19.08.2012
5. Traumtänzer
Zitat von sysopREUTERSZum ersten Mal seit mehr als 30 Jahren will ein Staatsoberhaupt Ägyptens Iran besuchen: Präsident Mursi plane in eineinhalb Wochen eine Reise nach Teheran, heißt es aus Kairo. Israel, die USA und andere blicken besorgt auf eine mögliche Annäherung der beiden Länder. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,850836,00.html
Soviel zur Demokratisierung durch den "Arabischen Frühling". Wer glaubte mit Facebook wird solzialromatisch alles wie in (Gut-)Deutschland sieht sich mit der Wirklichkeit konfrontiert. Nicht das ich den Ägyptern Ihre neuen Freiheiten nicht gönne, aber mit unserem westlichen Weltbild hat das Denken dort nicht viel gemein.
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