Ägypten Milliardäre stützen Putschisten

Nach dem Militärputsch fließt wieder Geld nach Ägypten. Die Milliardäre des Landes investieren, drei Golfstaaten stopfen die größten Löcher im Etat. Das macht den Weg aus der tiefen Wirtschaftskrise möglich - und schadet den Muslimbrüdern.
Verkehr in Kairo: Es gibt wieder genug Benzin in Ägypten

Verkehr in Kairo: Es gibt wieder genug Benzin in Ägypten

Foto: JAMAL SAIDI/ REUTERS

Nagib Sawiris verspricht seinem Heimatland goldene Zeiten: "Meine Familie und ich werden in Ägypten investieren wie nie zuvor", versicherte der Milliardär. "Jedes Projekt, in das wir einsteigen können, jede Fabrik, die wir neu eröffnen können, jede Initiative, die für junge Leute in Ägypten Arbeitsplätze schaffen kann" würden er und seine Brüder künftig unterstützen, sagte der Patriarch der Sawiris-Familie. Sein Clan kontrolliert die Orascom-Gruppe, die mit über 100.000 Angestellten tonangebend im ägyptischen Wirtschaftsleben ist. Wie sie haben auch andere Unternehmerfamilien angekündigt, nach einem Jahr der Zurückhaltung nun wieder voll ins Geschäftsleben einsteigen zu wollen.

Er sei sehr sicher, dass Ägypten ein starkes Comeback erleben werde, sagte Sawiris der Nachrichtenagentur Reuters in einem Telefoninterview - standesgemäß von Bord seiner vor Mykonos kreuzenden Yacht. Mit seiner hoffnungsvollen Prognose könnte Sawiris trotz der anhaltenden Unruhen im Land tatsächlich Recht haben. Mehrere Faktoren sprechen dafür, dass die Wirtschaft am Nil zum ersten Mal seit langer Zeit wieder einen Aufschwung erleben könnte.

  • Da sind zum einem Unternehmer wie Sawiris, die aus dem selbstgewählten Exil während der Regierung der Muslimbrüder in ihre Heimat zurückkehren. Anstatt geschäftlich zu expandieren, investierte die christliche Sawiris-Familie in den vergangenen Monaten viel Zeit und Geld in Kampagnen gegen Mursi. So wurde die Tamarod-Bewegung, die mit Massendemonstrationen den Sturz der Regierung eingeleitet hatte, in großen Teilen von Nagib Sawiris finanziert.
  • Die drei Golfstaaten Saudi-Arabien, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) haben unmittelbar nach dem Machtwechsel am Nil insgesamt über neun Milliarden Euro an Hilfsgeldern zugesagt, mit denen Ägypten die größten Löcher in seinem Haushalt vorerst stopfen könnte. Den Versprechen sollen bereits Taten gefolgt sein, berichten kuwaitische Zeitungen: Am Sonntag habe das Emirat zwei Tankschiffe mit Rohöl und Diesel im Wert von 150 Millionen Euro Richtung Ägypten geschickt.
  • Die vom Militär eingesetzte Übergangsregierung besteht aus ausgewiesenen Wirtschaftsexperten, die das Zeug haben könnten, Ägypten aus der Krise zu führen: So war der neue Ministerpräsident Hasim al-Beblawi zwölf Jahre lang Chef der ägyptischen Export Development Bank. Sein Stellvertreter Ziad Baha al-Din schrieb seine Doktorarbeit über Bankengesetze und stand von 2004 bis 2007 der ägyptischen Investitionsbehörde vor. Finanzminister Ahmed al-Galal forschte 18 Jahre lang für die Weltbank und war seit 2007 Chef des Kairoer Economic Research Forum. Mit seiner Erfahrung steht dieses Team im krassen Gegensatz zu Mursis Leuten: Dessen letzter Finanzminister hatte an der Universität zur Finanzbürokratie in der Zeit des Propheten Mohammed, also im 7. Jahrhundert, geforscht.

Dass ägyptische Unternehmer und die Golfstaaten die ägyptische Wirtschaft nun anschieben wollen, hat politische Gründe. Männer wie die Sawiris sind unter dem gestürzten früheren Präsidenten Husni Mubarak reich geworden. Vetternwirtschaft und Korruption begünstigten ihren Aufstieg. Die Profiteure des alten Regimes wollen nun dem Militärputsch zu Erfolg verhelfen. Denn so lange die Generäle am Nil für Ruhe im Land sorgen, brauchen die ägyptischen Oligarchen nicht um ihre Reichtümer und Privilegien zu fürchten.

Unter Mursi sah das anders aus: Bei dem Versuch, Geld in die Staatskasse zu spülen, belegte dessen Regierung unter anderem einen Zweig der -Gruppe mit speziellen Steuern. Auch die Verluste im Tourismus-Geschäft während der Herrschaft Mursis machten den Sawiris zu schaffen.

Jeder Fortschritt zählt als Niederlage für die Muslimbrüder

Saudi-Arabien, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate hatten den Aufstieg der Muslimbrüder von Anfang an mit Sorge beobachtet. Hätten die Islamisten wirtschaftliche Erfolge verzeichnen können, hätte das ihren Verbündeten in der Region Auftrieb gegeben. Die erzkonservativen Golfstaaten lehnen einen politischen Islam jedoch strikt ab - sie nehmen solche Strömungen als Bedrohung ihrer Monarchien wahr.

Mit der Machtübernahme Mursis hatten die drei Staaten deshalb auch ihre Hilfsleistungen für Ägypten eingefroren. Nur der Zwergstaat Katar unterstützte die Herrschaft der Muslimbrüder mit großzügigen Krediten. Allein 2012 lieh Doha Ägypten über 5 Milliarden Euro.

Schon unmittelbar nach dem Sturz Mursis waren vergangene Woche Veränderungen in Kairo zu spüren: Die langen Schlangen vor den Tankstellen verschwanden über Nacht. Die Muslimbrüder behaupteten prompt, die vorher herrschende Benzinknappheit sei von Mursi-Gegnern in der Energiebranche künstlich herbeigeführt worden, um dem Präsidenten zu schaden.

Sicher ist, dass das Ende der Treibstoffnot die erste Verbesserung der Lebensverhältnisse in Ägypten seit langem markiert. Das Volk hält sie dem Militär und dem Umsturz zugute und unterstreicht damit im Nachhinein den Vorwurf der Unfähigkeit gegen die Mursi-Regierung. Diese Entwicklung wird wohl in den kommenden Monaten so weitergehen: Jeder Fortschritt im Land zählt als neue Niederlage für die Muslimbrüder.