Hunderte Tote und Verletzte Ägyptens Regierung lobt Polizeieinsatz

Entsetzt blickt die Welt auf Ägypten, US-Außenminister Kerry fordert Neuwahlen und das Ende der Gewalt. Doch das Regime in Kairo gibt sich unbeeindruckt - und lobt sogar das Vorgehen der Polizei gegen die Mursi-Anhänger. Die Opferzahlen steigen weiter.


Kairo - Ägypten versinkt nach der Räumung zweier Protestcamps von Anhängern des Ex-Präsidenten Mohammed Mursi in Gewalt und Chaos - dennoch zeigt sich Übergangsministerpräsident Hasim al-Beblawi mit dem Polizeieinsatz zufrieden. Mehr noch: Im Staatsfernsehen lobte er das "zurückhaltende Vorgehen" der Sicherheitskräfte. Wie zuvor sein Innenminister konnte auch Beblawi keinerlei Fehlverhalten erkennen. Die Polizisten seien aufgerufen gewesen, beherrscht vorzugehen. Die Räumung der Camps sei alternativlos gewesen.

Am Mittwochmorgen hatte das Militär damit begonnen, die Protestlager der Mursi-Anhänger zu räumen. Dabei lieferten sich die Protestierenden Kämpfe mit den Soldaten, es kam zu Straßenschlachten mit Hunderten Opfern. Nach offiziellen Angaben sind bislang 235 Menschen ums Leben gekommen, mehr als 2000 wurden verletzt. Zuvor war von 149 Todesopfern gesprochen worden. Für das komplette Land gilt für einen Monat der Ausnahmezustand.

Es hätte sehr wohl Alternativen zu dem gewaltsamen Vorgehen des Militärs gegeben, sagte Ägyptens Vizepräsident Mohamed ElBaradei, bevor er am Mittwoch seinen Rücktritt einreichte. Er könne nicht die Verantwortung für Entscheidungen tragen, mit denen er nicht einverstanden sei, teilte der Friedensnobelpreisträger mit. "Bedauerlicherweise werden diejenigen, die zu Gewalt und Terror aufrufen, von dem profitieren, was heute geschehen ist", heißt es in dem Rücktrittsschreiben ElBaradeis an Übergangspräsident Adli Mansur, das vom staatlichen Nachrichtenportal "al-Ahram" veröffentlicht wurde.

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Gewalt in Ägypten: Kairo wird zum Kriegsschauplatz
Auch von internationaler Seite kam harte Kritik an dem Vorgehen des ägyptischen Regimes. US-Außenminister John Kerry fordert sofortige politische Konsequenzen aus der Eskalation in Kairo und anderen ägyptischen Städten - und rief die ägyptische Armee zu Neuwahlen auf. "Die heutigen Ereignisse sind bedauerlich und konterkarieren Ägyptens Streben nach Frieden, Inklusion und echter Demokratie", sagte Kerry. Militär und Übergangsregierung hätten die besondere Verantwortung, weiteres Blutvergießen zu verhindern.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hat wegen des Blutvergießens in Ägypten inzwischen den Krisenstab des Auswärtigen Amts einberufen. "Wir bewerten natürlich die Entwicklungen in Ägypten sehr genau auch unter dem Gesichtspunkt, was das für unsere Staatsangehörigen bedeutet, die sich in dem Lande befinden", sagte Westerwelle. Der FDP-Politiker appellierte an alle Deutschen in Ägypten, die Reisehinweise des Auswärtigen Amts im Internet zu beachten. "Das bedeutet vor allen Dingen, dass man auch große Versammlungen meidet."

Die Europäische Union und die USA hatten die Gewalt gegen die Demonstranten schon zuvor aufs Schärfste verurteilt. "Wir haben das ägyptische Militär und die Sicherheitskräfte mehrfach dazu aufgefordert, sich zurückzuhalten und die Rechte seiner Bürger zu achten", sagte ein Sprecher des Weißen Hauses in Washington. Durch das harte Eingreifen werde die "Stabilität in der Region gefährdet".

Unter den Toten befindet sich auch ein Kameramann des britischen TV-Senders Sky News. Der 61-jährige Mick Deane wurde nach Angaben seines Arbeitgebers in Kairo beschossen und erlag wenig später seinen Verletzungen. Auch eine Mitarbeiterin der Zeitung "Gulf News" wurde am Mittwochmorgen in Kairo getötet. Wie das Blatt mitteilte, befand sie sich jedoch auf einem privaten Besuch in der ägyptischen Hauptstadt.

Am Mittwochabend beruhigte sich die Situation in Ägypten wieder etwas. Die Regierung hatte für Kairo und zehn weitere Provinzen eine Ausgangssperre verhängt. Diese werde bis auf weiteres von 19 Uhr bis sechs Uhr morgens dauern, teilte ein Sprecher mit. Sie gilt demnach für Kairo, Gizeh, Alexandria, Bani Suwaif, Menja, Assiut, Sohag, Beheira, Nordsinai, Südsinai und Suez.

vks/dpa/Reuters

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Seite 1
polentaeschner 15.08.2013
1. Es tut mir sehr leid, aber
Zitat von sysopDPAEntsetzt blickt die Welt auf Ägypten, US-Außenminister Kerry fordert Neuwahlen und das Ende der Gewalt. Doch das Regime in Kairo gibt sich unbeeindruckt - und lobt sogar das Vorgehen der Polizei gegen die Mursi-Anhänger. Die Opferzahlen steigen weiter. http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-regierung-lobt-polizeieinsatz-gegen-mursi-anhaenger-a-916664.html
ich bin nicht entsetzt und ich kenne auch niemanden aus meinem Freundeskreis, der entsetzt ist. Habe ich die falschen Freunde und Bekannten? Mit wem ich auch immer rede - Aegypten? Mursi? Vielleicht wissen die Reisebueros mehr ueber das Entsetzen? Aber die sind wahrscheinlich eher entsetzt ueber die Umsatzeinbrueche...
tylerdurdenvolland 15.08.2013
2. "Regierung"
Zitat von sysopDPAEntsetzt blickt die Welt auf Ägypten, US-Außenminister Kerry fordert Neuwahlen und das Ende der Gewalt. Doch das Regime in Kairo gibt sich unbeeindruckt - und lobt sogar das Vorgehen der Polizei gegen die Mursi-Anhänger. Die Opferzahlen steigen weiter. http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-regierung-lobt-polizeieinsatz-gegen-mursi-anhaenger-a-916664.html
Wer wollte, der konnte gestern stundenlang auf CNN verfolgen wie "Regierungs"vertreter stundenlang ihre Version der Vorgänge vor einem weltweiten TV Publikum ausbreiten durften. Ein "Innenminister" bestand darauf, dass man ausschliesslich Tränengas eingesetzt hat, während man gleichzeitig im Hintergrund das Blut fliessen sehen konnte. Kein Widerwort von den CNN Journalisten und selbstverständlich wurde da von "der ägyptischen Regierung" gesprochen, wo doch die eigentlich legitime, demokratisch gewählte Regierung, die vom Militär aus dem Amt geputscht worden war, blutend auf den Strassen lag…..
Marcus_XXL, 15.08.2013
3. Die USA fordert Neuwahlen?
Es ist mir neu, dass das Militärregime gewählt worden wäre. Gewählt hatte das Volk Mursi und hatten nicht die USA den Putsch als Sieg der Demokratie bezeichnet? Der Westen beweist wieder einmal wie verlogen und heuchlerisch alle seine Phrasen sind. Es ist erschreckend wie sehr sich die USA von den eigentlichen Grundwerten unserer westlichen Wertegemeinschaft entfernt haben. Allerdings hört man ja auch aus Berlin wenig Protest gegen dieses Massaker.
danyffm 15.08.2013
4. Ganz, ganz schlimm
was dort geschieht, aber eine Meinung sich zu bilden über das was dort in wessen Namen und mit welchem Hintergrund dort geschieht kann man nicht...
abastelberger 15.08.2013
5. Demokratische Kultur lernen...
kann man nur, indem man lernt, dass man nicht auf Andersdenkende schiesst. Ich gehöre wirklich nicht zu den Sympatisanten der Islamisten; im Gegenteil. Aber auch diese Leute haben das Recht, ihre Meinung zu äußern und gehört zu werden, auch wenn sie sich zur Regierungszeit Mursis ziemlich antidemokratisch verhalten haben. Die Muslimbrüder sind keine Demokraten, die Militärs allerdings auch nicht. das hat sich heute gezeigt. Interessant nur dass El Baradei zurückgetreten ist, obwohl ihn die Muslimbrüder als Präsidenten ablehnten. Wollten die Muslimbrüder sich als Märtyrer zur Schau stellen?
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