Machtkampf in Ägypten Regierung will Pro-Mursi-Proteste verbieten

Bei Krawallen in Kairo hat es in der Nacht erneut Tote und Verletzte gegeben. Und die nächste Konfrontation zwischen Muslimbrüdern und der neuen Regierung ist programmiert. Innenminister Ibrahim will einen Platz räumen lassen, auf dem Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi ausharren.


Kairo - Sie wollen so lange protestieren, bis der abgesetzte Präsident Mohammed Mursi wieder eingesetzt wird: Die Anhänger des ehemaligen Staatschefs und der Muslimbruderschaft protestieren seit fast einem Monat vor der Kairoer Universität und in Nasr City auf dem Platz vor der Rabaa-al-Adawija-Moschee. Zehntausende haben sich an den Dauerprotesten in der Hauptstadt bereits beteiligt. Jetzt hat die Regierung angekündigt, die Sitzblockaden "im Rahmen des Gesetzes" zu stoppen.

"Es wird bald Entscheidungen der Staatsanwaltschaft geben, diese Situation wird beendet", sagte Innenminister Mohammed Ibrahim am Samstagmorgen dem Sender al-Hajat. Es habe Beschwerden der Anwohner gegen die Protestlager gegeben.

Mursi-Anhänger getötet

In der Nacht zum Samstag gab es in mehreren Städten Ägyptens erneut heftige Auseinandersetzungen: Hunderttausende Gegner und Anhänger von Mursi waren am Freitag und in der Nacht zum Samstag im ganzen Land auf die Straßen gegangen - die Proteste zeigten, wie gespalten Ägypten mittlerweile ist.

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Ägypten: Zehntausende für Sisi, Zehntausende für Mursi
Mindestens zehn Mursi-Anhänger kamen nach Angaben von Ärzten in Nasr City ums Leben. Ein Mediziner machte für den Tod Sicherheitskräfte verantwortlich. Ein Sprecher der Muslimbruderschaft sprach sogar von 70 Toten, die Sicherheitskräfte hätten bei einem Protest gezielt auf Mursi-Anhänger geschossen, sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. Ärzte, die den Muslimbrüdern nahe stehen, berichteten AFP von 75 Toten und rund tausend Verletzten. Eine offizielle Bestätigung gibt es derzeit für diese Zahlen nicht.

Den Informationen zufolge ereigneten sich die Zusammenstöße am Morgen, als Demonstranten die 6. Oktober-Brücke blockieren wollten. Sie hätten sich eine Straßenschlacht mit den Sicherheitskräften geliefert. Es seien Steine geflogen und Tränengas eingesetzt worden.

Laut dem arabischen Nachrichtensender al-Dschasira wurden 500 Menschen verletzt. Bei Zusammenstößen in der Hafenstadt Alexandria wurden mindestens sieben Menschen getötet, berichtete al-Dschasira unter Berufung auf das Gesundheitsministerium weiter.

Gespaltenes Ägypten

Die Unterstützer von General Abd al-Fattah al-Sisi versammelten sich auf dem Tahrir-Platz im Herzen von Kairo. Hubschrauber kreisten im Tiefflug über den Demonstranten, die ihnen begeistert zujubelten. Feuerwerksraketen stiegen auf.

Armeechef Sisi hatte am Mittwoch dazu aufgerufen, in "Millionenzahl" auf die Straße zu gehen, um ihm ein "Mandat zur Bekämpfung des Terrors" zu geben. Panzer sicherten die Zugänge zum Platz. Plakate mit dem Bild Sisis wurden verteilt, darauf stand: "Ich ermächtige das Militär und die Polizei dazu, gegen den Terrorismus zu kämpfen."

Auch vor der Rabaa-al-Adawija-Moschee, dem Zentrum der Pro-Mursi-Proteste, versammelten sich die Menschen. Sie riefen Parolen wie: "Weg mit Sisi! Mursi ist mein Präsident!" Die Muslimbruderschaft sieht sich trotz ihrer Dauerproteste zunehmend in die Defensive gedrängt. Die dem Militär nahe stehenden Massenmedien stellen sie als die angebliche Quelle des Terrors in Ägypten dar.

48-Stunden-Ultimatum der Armee läuft aus

Am Wochenende könnte der Konflikt noch weiter eskalieren. Samstagabend läuft ein 48-Stunden-Ultimatum des Militärs ab: Die Islamisten sollen sich bis dahin am sogenannten Versöhnungsprozess beteiligen - sonst drohe eine härtere Gangart. Die über die Medien verbreitete Aufforderung hatte den Titel "Letzte Chance".

Mursi, der bisher vom Militär an einem unbekannten Ort festgehalten wurde, sitzt seit Freitag auf richterliche Anweisung formell in Untersuchungshaft. Wie die staatsnahe Zeitung "al-Ahram" berichtete, will der Untersuchungsrichter den abgesetzten Staatschef zu Verschwörungsvorwürfen befragen. Er werde beschuldigt, sich mit der palästinensischen Hamas-Bewegung zur "Ausführung feindlicher Akte" in Ägypten abgesprochen zu haben. Die radikalislamische Hamas herrscht seit 2007 im benachbarten Gaza-Streifen.

Das Militär hatte am 3. Juli Mursi nach tagelangen Massenprotesten gegen ihn abgesetzt. Seither haben die Behörden rund 600 Muslimbrüder verhaftet, unter ihnen den einflussreichen Vizevorsitzenden Chairat al-Schatir. Die Islamisten sprechen von einem "Militärputsch", Mursi sei frei gewählt gewesen.

heb/dpa/AFP

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Seite 1
angelprofi87 27.07.2013
1. Traurig .....
Traurig was Religion anrichten kann würde man sowas Weltweit verbieten hätten wir 90%weniger Kriege auf dieser Kranken Welt :-(.
Marcus_XXL, 27.07.2013
2. Regierung?
Eine Regierung hatte das Land unter Mursi. Zwar nicht im Sinne des Westens aber eben demokratisch gewählt. Nun hat das Land ein Militärregime und SPON schreibt von "Regierung"? Ist dem Westen also ein Regime, das nach seinen Wünschen handelt, lieber als eine Regierung die vom Volk gewählt wurde? Ich sehe, ich muss über unsere "neue Demokratie" noch dazu lernen.
Pandora0611 27.07.2013
3. Back to the past
Zitat von sysopDPABei Krawallen in Kairo hat es in der Nacht erneut Tote und Verletzte gegeben. Und die nächste Konfrontation zwischen Muslimbrüdern und der neuen Regierung ist programmiert. Innenminister Ibrahim will einen Platz räumen lassen, auf dem Anhängern des gestürzten Präsidenten Mursi ausharren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-regierung-will-pro-mursi-proteste-verbieten-a-913436.html
Es bleibt für Ägypten nur zu hoffen, daß das Militär mit dieser ewig gestrigen Muslimbruderschaft aufräumt. Dann geht es mit Ägypten auch wieder aufwärts. Aber zur Zeit sind sie auf den Weg in die Steinzeit. Die Muslimbrüder sind stark in den Dörfern und bei der ungebildeten Bevölerung. In den Städten haben sie keine Chance, und das wissen sie. Sie wollen einen "Gottesstaat" wie im Iran. Die Sharia soll das Gesetz werden. Frauen müssen Burka tragen. Schöne neue Welt!
Barath 27.07.2013
4. ...
Zitat von angelprofi87Traurig was Religion anrichten kann würde man sowas Weltweit verbieten hätten wir 90%weniger Kriege auf dieser Kranken Welt :-(.
So kritisch ich Religion auch sehe, bezweifle ich doch ernsthaft, dass es auch nur 10% weniger wären, es sei denn man streicht auch Ersatzreligionen wie z.B. den Nationalstolz oder politische Ideologie (Demokratie, Kommunismus, etc). In 90% der Kriege dürfte es im Kern immer um *Macht* gehen, wobei die Religionen und Ersatzreligionen meistens natürlich als Mittel zur Motivation der Soldaten beteiligt sind.
Barath 27.07.2013
5. ...
Zitat von Marcus_XXLEine Regierung hatte das Land unter Mursi. Zwar nicht im Sinne des Westens aber eben demokratisch gewählt. Nun hat das Land ein Militärregime und SPON schreibt von "Regierung"? Ist dem Westen also ein Regime, das nach seinen Wünschen handelt, lieber als eine Regierung die vom Volk gewählt wurde? Ich sehe, ich muss über unsere "neue Demokratie" noch dazu lernen.
Natürlich hat es eine Regierung. Nur eben keine demokratisch legitimierte.
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