Ägypten-Tagebuch Sieben Tage Kampf für die Freiheit

Die Angst war mit dabei, doch die Hoffnung auf Wandel war größer: Der deutsche Professor Daniel Fetzner erlebte in Kairo den Aufstand gegen Husni Mubarak, sah die Barrikaden und Panzer, lief mit Bürgerwehren durch die Straßen. Für SPIEGEL ONLINE schrieb er Tagebuch über eine Woche der Extreme.
Alt und Jung gegen den Autokraten: Massenprotest am Freitag in Kairo

Alt und Jung gegen den Autokraten: Massenprotest am Freitag in Kairo

Foto: Ben Curtis/ AP

blutigen Revolte in Ägypten

Im Zug bei Stuttgart verfolge ich Livebilder auf al-Dschasira von der . Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob ich nach Kairo fliegen soll. Die Situation ist sehr unsicher und die erstmalige Abschaltung eines ganzen Landes vom Internet ein Zeichen der Panik und Verzweiflung auf Seiten der Machthaber. Der damit verbundene internationale Vertrauensverlust ist volkswirtschaftlich gar nicht zu bemessen.

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Proteste am Freitag: Massen auf Kairos Straßen

Foto: Peter Macdiarmid/ Getty Images

Seit 18 Monaten lebe ich jetzt in Ägypten; ich leite die Abteilung für Media Design an der deutschen Universität in Kairo. 18 Monate habe die tägliche Repression beobachten müssen. Jetzt hebt sich der Deckel, und das möchte ich sehen. Deshalb entscheide ich mich zu fahren.

Samstag, 29. Januar

Gespenstisches Ankommen mit zehnstündiger Verspätung in diesem von der Welt abgekoppelten Kairo ohne Internet und Mobiltelefone. Die Maschine war fast leer, der Steward verabschiedet die Fluggäste mit "Passen Sie auf sich auf", dann lange Fahrt mit dem Taxi vom Flughafen diagonal durch die Stadt nach Gizeh - der Fahrer hatte die entscheidende Abfahrt verpasst.

Gänzlich andere Stimmung als vor zwei Wochen bei der Abreise, der Frühling ist da, die Menschen sind gespannt, aber auch sehr offen. Panzer und Soldaten mit aufgesteckten Bajonetten stehen an allen wichtigen Straßenkreuzungen, die Menschen versammeln sich ringsum und fotografieren mit ihren Handys, tasten vorsichtig die Situation ab, können nicht richtig glauben, was da mit ihrer Stadt und in ihrem Leben gerade passiert.

Auf der Nil-Insel Manal regeln junge Menschen in Zivil den Verkehr, die verhasste Polizei ist verschwunden, unglaublich, sonst standen die an jeder Straßenecke, auf der ganzen Fahrt kein einziger Polizist. Im Zentrum von Gizeh wird es dann unangenehm, junge Männer jonglieren provozierend mit Klappmessern und tragen Mundschutz gegen Tränengas, mehrere ausgebrannte Polizeiautos und Autoreifen, Scherben, Steine und Trümmer auf der Straße, geplünderte Läden aus denen es noch qualmt, dann ein Aufgebot an Panzern mit schwerem Geschütz.

Einer steht etwas abseits und ist umringt von skandierenden Menschen, der junge Soldat oben feuert dreimal mit seiner Pistole in die Luft, alle schrecken zurück. Der Taxifahrer schüttelt mit dem Kopf und sagt wie auf der ganzen zweistündigen Fahrt immer nur "big, big problem".

Im Autoradio laufen nationalistische Gesänge ("Masri, Masri" = Ägypten) und immer wieder fällt der Name Mubaraks. Auf die Frage nach dem Inhalt der Meldung gibt der Taxifahrer zu verstehen, dass 30 Jahre einfach zu viel sind, um dann gleich über den zu gut ausgehandelten Fahrpreis zu lamentieren. Die Straße wird eng, Zivilisten signalisieren den Fahrzeugen, die Fenster hochzukurbeln, und wir fahren durch einen Korridor, links auf dem Mittelstreifen äußerst aufgebrachte Bevölkerung mit bemalten Pappschildern und Fäusten in der Luft, rechts fünf Panzer in Reihe mit schwer bewaffneten Soldaten davor.

Es passiert zum Glück nichts, es fliegen keine Steine, aber ein ausgesprochen mulmiges Gefühl macht sich breit. Draußen in Harrania angekommen bekommt der Taxifahrer ein gutes Trinkgeld, und es ist alles wie erwartet ruhig, geradezu paradiesisch, mit einem warmen Frühlingswind am späten Nachmittag.

Sonntag, 30. Januar

Seit 16 Uhr gestern Abend herrscht Ausgangssperre, das Leben scheint zunächst normal weiterzugehen. In der Nacht bricht dann allerdings der akustische Wahnsinn aus, neben einer Hochzeit im Dorf mit lautem Arab-Pop sind Panzer, das Wutgebrüll protestierender Menschen, Tränengasschüsse und immer wieder Gewehrsalven zu hören. Das geht so bis ins Morgengrauen, die Tiere auf dem Gelände sind verstört und schreien unentwegt, dazu ebenfalls ohne Unterbrechung beschwichtigende Aufrufe von den Minaretten: zu Hause bleiben, Ruhe bewahren!

Am Morgen Fahrt mit dem Auto, der Tank ist fast leer. Auf den Straßen herrscht beängstigende Ruhe, ein großer Kontrast zur sonstigen Betriebsamkeit der Minibusse und Bauern, die ihre Ware mit Eseln in die Stadt karren. Die Luft ist frühlingshaft frisch, nur die Tankstellen und Geschäfte in der Gegend sind geschlossen und aus Angst vor Plünderungen regelrecht verbarrikadiert, es sind keine Lebensmittel erhältlich.

Auf der Fahrt über die Ring Road nach Maadi wird dann deutlich, was in der Nacht passiert war. Auf der Fahrbahn liegen Reihen von ausgebrannten Reifen, auch ausgebrannte Autos, große Steine und am Rand stehen Menschengruppen, zum Teil bewaffnet mit Stahlrohren und anderem Schlaggerät. Das Benzin reicht glücklicherweise gerade bis zur Tankstelle. Ein Kollege hatte von seiner Wohnung aus beobachten können, dass sie noch Sprit verkauft. Wäre ich auf der Straße liegengeblieben, hätte man den unversicherten Wagen wohl abschreiben können.

Ein Supermarkt hat geöffnet und die Menschen tätigen Hamsterkäufe, wie ich auch. Da die Geldautomaten und elektronischen Zahlungssysteme nicht funktionieren, ist aufgeschmissen, wer kein Bargeld hat. Davon hatte ich in Feyerabends "Wider den Methodenzwang" noch 600 Pfund (ca. 60 Euro) eingelagert, das Buch ist in jeder Hinsicht eine rechte Freude.

Der Stadtteil Maadi ist jetzt unter fester Kontrolle des Militärs, an jeder Kreuzung stehen Panzer und Panzerwagen mit aufmontierten MPs, es gibt auch allerorts Bürgerwehren, die den Zugang zu ihren Distrikten selbst regeln. Dann die Fahrt nach Kattameia an die Uni. Die Eingänge werden von Sicherheitsleuten gesichert, die sich Küchenmesser auf Besenstile gebunden haben, was einen recht verzweifelten und auch komischen Eindruck macht.

Die Gebäude selbst sind menschenleer, bis auf einen Kollegen, der sich noch ein paar Bücher holt und mit seiner Familie nach Deutschland fliegen möchte. "Habe von Ägypten jetzt gerade mal die Nase voll." Nachts hatte er wohl mit seiner Frau das Klavier vor die Tür geschoben, aus Angst vor Plünderern. Wieder zurück in Harrania herrscht Unruhe und große Besorgnis im "Cattaract Hotel", der Polizeiposten ist weg, und es gibt kein Militär. Am Pool tummeln sich ein paar übrig gebliebene Japaner ohne großen Spaß, sonst ist die Anlage wie leergefegt. Der Manager hofft, dass vor Einbruch der Dunkelheit noch ein Panzerverband die Stadt erreicht und ein Exemplar für ihn übrig bleibt. Die Glasfassade hat er präventiv mit Baumwollbahnen verhängen lassen.

Gegen Mittag werden alle Amerikaner, Briten und Italiener aufgefordert, unverzüglich das Land zu verlassen, am Flughafen bricht Chaos aus. Der deutsche Evakuierungsbeauftragte Baumann sagt am Telefon, dass morgen drei Sondermaschinen für entsandte Familienangehörige fliegen werden, für die restlichen 3000 gibt es laut offizieller Aussage gegen 13 Uhr noch keine Empfehlung, das Land zu verlassen.

Ich weiß auch nicht, ob ich wirklich weg will. In diesen Stunden klärt sich viel über das Land, und ich verspüre nicht wirklich Angst. Für Samstag ist ein Flug nach Berlin gebucht.

Kollegen sammeln sich und campieren in einer Wohnung in Maadi, ich sitze im Kreis der Vermieterfamilie um die alte Madame Sophie und entscheide, in der Eremitage zu bleiben. Das Internet funktioniert weiterhin nicht, aber die amerikanische Nachbarin hat nicht nur einen dreibeinigen Hund und eine Katze ohne Tatzen, sondern auch eine Satellitenschüssel auf dem Dach.

Zum Beginn der Ausgangssperre um 16 Uhr dröhnen Tiefflieger über die Stadt und sausen dreimal mit Höllenlärm in die Luft, dann ist Ruhe.

Montag, 31. Januar

Nachts um eins Anruf von der Botschaft, ich sei auf der sogenannten Entsandtenliste und könne morgen mit einer Lufthansa-Maschine ausgeflogen werden. Eine schwierige Entscheidung, aber samstags freiwillig in ein Krisengebiet reisen und am Montag mit den Botschaftsangehörigen auf Staatskosten nach Hause fliegen geht wirklich nur im Notfall.

Am Morgen Fahrt nach Maadi, die meisten Geschäfte sind geschlossen, vor dem Bankautomaten der Piraeus Bank der geplünderten Grand Mall stehen drei Soldaten mit MP und Bajonett, und die Griechen sind in diesem Fall tatsächlich als Einzige zahlungsfähig. Endlich Bargeld, der Besitzer der Patisserie bietet mir einen Tee und Gebäck, drei Tage alt aber immer noch lecker, ich sitze auf einem Hocker im angenehm warmen Schatten und spreche mit Kollegen.

Dann Fahrt über die Ring Road zur Uni, dort formale "Plünderung" eines Schnittplatzes und einer Kamera, um die Geschehnisse zu dokumentieren. An der Uni tagt der Krisenstab, ich treffe den Generalsekretär, den Arzt und die Leiterin der Personalabteilung im Gang, letztere gerade auf dem Weg zum Flughafen.

Dort herrschen nach allen Berichten völlig chaotische Zustände, die Zufahrt dauert viele Stunden, Ausländer und auch viele Ägypter wollen das Land verlassen, in einigen Fällen fliegen wohl nur die Koffer und die Leute bleiben hier. Für morgen ist ein Generalstreik im Land und eine Massendemonstration am Tahrir-Platz angekündigt, gerüchteweise werden neben dem immer noch gesperrten Internet auch die Telefonnetze wieder ausgeschaltet.

Die Ausgangssperre gilt heute ab 15 Uhr, der Benzintank sollte immer halbwegs voll sein, eine Tankstelle an der Schnellstraße zur Stadtautobahn ist von Soldaten bewacht und liefert Sprit. Der Leiter der Truppe spricht etwas Englisch und fragt wie üblich nach der Nationalität, dann bedankt er sich mit Handschlag, dass ich noch im Land bin und wünscht mit Nachdruck viel Glück. Das ist in einer Form anrührend aber nicht wirklich beruhigend.

Am Abend ruft eine Mitarbeiterin des Auswärtigen Amtes aus Berlin an, es gäbe noch keine allgemeine Empfehlung, das Land zu verlassen, sie könne mir aber auf den nächsten Tag einen Flug nach Deutschland buchen. Kosten kann sie keine nennen und ich entscheide mich, bis Samstag zu bleiben. Um Harrania und das Wissa Wassef Center haben sich bewaffnete Bürgerwehren gebildet, ich laufe mit den Männern am Abend mit.

Alles bleibt ruhig, bis auf die üblichen Gewehrschüsse, die der Abschreckung und Verständigung dienen.

Dienstag, 1. Februar

Das Informationsrauschen der Live-Berichterstatter ist seit dem Abflug aus München vor drei Tagen eher einer Stille wie unter Wasser gewichen. Zugleich wird auch deutlich, wie wenig gute Berichterstattung aus solchen Situationen überhaupt möglich ist. Die Polizei scheint in Teilen der Stadt zurück zu sein, das bringt zunächst sogenannte Ruhe und Ordnung, die Grundvoraussetzung für eine halbwegs gesicherte Versorgungslage, mit Panzern kann man nur schwer Lebensmittelläden schützen.

Auf dem Tahrir-Platz ist circa eine Million Menschen friedlich zusammengekommen, die internationalen Top-Diplomaten sind in der Stadt, Mubarak wird nicht mehr lange durchhalten.

Mittwoch, 2. Februar

Leider spitzt sich die Lage nach der gestrigen Rede Mubaraks wieder zu, so dass im Land nun akute Bürgerkriegsgefahr herrscht. Viele Menschen sind durch das Chaos der letzten Woche mürbe geworden und wünschen sich eher einen gemäßigten Diktator zurück, als den ungewissen Weg in die Freiheit zu wagen.

Al-Dschasira - und in Gefolgschaft ein Großteil der westlichen Berichterstattung - meldet, die Sympathisanten Mubaraks seien gekauft; selbstverständlich gibt es hier eine perfide Strategie der Machthaber, und das sind neben der ägyptischen Regierung und dem Militär im Hintergrund auch die USA und Israel, aber es gibt hier viele Menschen, die tatsächlich etwas zu verlieren haben - nicht nur große Reichtümer, sondern auch die trügerische Hoffnung, dass ihr Leben und das ihrer Familien auf kleiner, aber halbwegs gesicherter Flamme weitergeht.

Wie sollen sie das Spiel auch durchschauen bei der verheerenden Bilanz des Machthabers, einer Analphabetenrate von 30 Prozent, öffentlichen Grundschulen mit Klassen von 80 Kindern. So entstand in seiner Amtszeit eine völlig chancenlose Generation der jetzt 15- bis 30-Jährigen, das ist über die Hälfte der Bevölkerung; dagegen ist alle Korruption im Land und die Sicherung von persönlichen Privilegien noch das kleinste Übel.

Trotz allem sind das Land und seine Menschen jetzt bereit und in der Lage, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Leider ist zu befürchten, dass es die internationale Politik nicht zulassen wird.

Bei Egyptair fallen reihenweise Flüge aus, da die Crews ihre Familien nicht im Stich lassen wollen und am Flughafen gar nicht erst auftauchen - und keiner weiß, wie sich die Lage bis Samstag entwickelt. Ich habe daher für morgen einen Lufthansa-Flug nach Frankfurt gebucht - die Strecke wird jetzt mit einer Boeing 747 geflogen, um möglichst viele Leute aus dem Land zu holen.

Donnerstag, 3. Februar

Ich verlasse das Land mit sehr gemischten Gefühlen, lasse meine Nachbarn, meine Studenten, meinen Bäcker hier im Chaos. Aber es ist nicht mein Land, und der Westen hat andere Interessen als Freiheit am Nil. Slavoj Žižek schreibt: "Die Reaktion des Westens auf die Aufstände in Tunesien und Ägypten ist von einem großen Maß an Zynismus und Verlogenheit gekennzeichnet." In sich schon wieder zynisch. Aber kein Grund, nicht doch für die Kultur und die Kunst zu kämpfen, der Mensch lebt nicht vom Brot allein, das machen gerade die Tage hier in Kairo deutlich. Ich hoffe bald zurück zu sein und freue mich auf ein politisches Frühlingssemester mit meinen Studenten.

Kurz nach dem Ende der Ausgangssperre um 7 Uhr morgens fahre ich mit dem Wagen über die leere Ring Road, vorbei an Panzersperren und parke den Wagen auf dem Parkplatz an der Uni. Dort wartet ein Fahrer, der mich und noch drei weitere Kollegen zum Flughafen bringt.

Die Verhältnisse dort sind sehr geregelt und übersichtlich und das Chaos der vergangenen Tage offensichtlich vorbei. Mitarbeiter der Deutschen Botschaft helfen Landsleuten, einen Platz in den Maschinen zu bekommen.

Kurz vor der Ausreise dann noch Beobachtungen wie aus einem Politthriller. Nach der Landung der Lufthansa-Maschine setzt sich ein Konvoi aus einer Limousine und zwei Transportern mit nervösen Begleitern in Gang. Offensichtlich muss ein sehr wichtiger Passagier und auch Fracht das Land auf einem Sonderweg verlassen. Auch das Abfertigungspersonal am Flugsteig war äußerst angespannt und bekam Order, dass von oben keinerlei Aufnahmen gemacht werden dürfen. Vor den Augen von drei Sicherheitsleuten musste ich unter Androhung einer Festsetzung alle meine Aufnahmen löschen - eine konnte ich unbemerkt behalten.

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Freitag, 04. Februar

Eine Meldung der "Süddeutschen Zeitung" von heute erklärt die gestrige Nervosität am Flughafen in Kairo: "Überraschend untersagte der ägyptische Generalstaatsanwalt am Donnerstag ranghohen Vertretern des Regimes Mubarak, unter ihnen auch Wirtschaftsleute und ehemaligen Ministern, die Ausreise."

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