Ägypten Terrorverdacht gegen eine Stoffpuppe

Die Verdächtige heißt Abla Fahita, ist etwa 40 Zentimeter groß, trägt schwarzes Haar und zwei auffällige Ohrringe. Sie soll im Fernsehen geheime Terrorbotschaften an die Muslimbrüder übermittelt haben. Die ägyptische Staatsanwaltschaft ermittelt. Abla Fahita ist eine Handpuppe.

Handpuppe Abla Fahita: "Ich bin eine Witzfigur"
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Handpuppe Abla Fahita: "Ich bin eine Witzfigur"

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Kairo - Erst machte Ägyptens Militär Jagd auf die Muslimbrüder, dann inhaftierten die Sicherheitskräfte reihenweise liberale Oppositionelle und Journalisten. Jetzt sind Stoffpuppen dran: Die Staatsanwaltschaft wirft der Handpuppe Abla Fahita vor, über das Fernsehen codierte Botschaften an die Muslimbrüder weitergegeben zu haben.

Abla Fahita ist eine von mehreren Stofffiguren, die in TV-Spots für den britischen Mobilfunkkonzern Vodafone wirbt. Doch nach Ansicht des ägyptischen Rappers und Verschwörungstheoretikers Ahmad Spider ist Abla Fahita keine gewöhnliche Puppe. Sie sei ein Werkzeug des britischen Geheimdienstes MI 6 und gefährde die Sicherheit Ägyptens, behauptete der 25-Jährige mehrfach in TV-Sendungen.

Konkret hat Spider bei einem Werbespot mit Abla Fahita Verdacht geschöpft, der zum Jahreswechsel ausgestrahlt wurde. In dem Spot ist zunächst ein Kaktus zu sehen, der mit Weihnachtsbeleuchtung behangen ist. Laut Spider hat der Baum die Form von vier Fingern - dem Symbol, mit dem die Muslimbrüder ihrer Anhänger gedenken, die im August von Sicherheitskräften getötet wurden. Die Kugeln an dem Baum sollten Bomben symbolisieren, ist der Verschwörungstheoretiker überzeugt.

Spider will eine Stoffpuppe ins Gefängnis bringen

Im weiteren Verlauf des Videos unterhält sich Abla Fahita via Telefon mit ihrer Freundin Mama Tutu. Sie spricht davon, dass sie die SIM-Karte ihres verstorbenen Ehemannes wieder aktivieren wolle, diese aber nicht finden könne. Deshalb wolle sie den Spürhund eines Einkaufszentrums in ihre Wohnung holen, der nach der SIM-Karte suchen solle. Für Ahmed Spider hingegen steht fest, dass die Erwähnung des Spürhundes ein versteckter Aufruf zu Bombenattentaten sei - vermutlich anlässlich des koptischen Weihnachtsfestes am 7. Januar.

Den vorläufigen Höhepunkt erreichte dieses absurde Schauspiel am Mittwochabend. Zur besten Sendezeit strahlte der populäre Privatsender CBCein Streitgespräch zwischen Ahmed Spider und Abla Fahita aus. Mehr als eine halbe Stunde lang redeten der Verschwörungstheoretiker und die 40 Zentimeter große Stoffpuppe miteinander, die ein Diadem mit dem Schriftzug "Happy New Year" im Haar trug. Und Spider sagte tatsächlich zu der Stofffigur: "Ich werde dich noch diese Woche ins Gefängnis bringen." Abla Fahita sagte: "Ich bin eine Witzfigur."

Nun könnte man das Ganze als inszenierten Werbegag für Vodafone oder Spider als geltungssüchtigen Möchtegern-Prominenten abtun. Doch Ägyptens Justiz scheint die Vorwürfe tatsächlich für bare Münze zu nehmen: Am Donnerstag hat die Staatsanwaltschaft die Macher des Werbespots zu einer Vernehmung einbestellt.

Vodafone sah sich daraufhin tatsächlich zu folgender Stellungnahme veranlasst: "Diese Anzeige dient allein dem Marketing. Sie enthält keine verborgenen Botschaften oder Bedeutungen", teilte Unternehmenssprecher Chalid Higasi mit. "Wir sind sehr traurig darüber, dass es in Ägypten Menschen gibt, die so denken." Vodafone sei sehr besorgt darüber, dass es Staatsanwälte für möglich halten, dass Werbespots eines Telekommunikationsunternehmens zum Terror aufrufen.

Für Vodafone könnte die Affäre handfeste wirtschaftliche Folgen haben. Unterstützer der Armee und Sicherheitsdienste rufen im Internet jedenfalls dazu auf, das Unternehmen fortan zu boykottieren. Die Facebook-Seite, die sich dafür starkmacht, dass Armeechef Abd al-Fattah al-Sisi in diesem Jahr Präsident wird, sammelt fieberhaft weitere Beweise für die angebliche Verschwörung um Abla Fahita.

Die Posse ist nur das jüngste Zeichen für die Paranoia, die weite Teile der ägyptischen Gesellschaft erfasst hat und die geschickt von der Militärführung angeheizt wird. Im Fernsehen werden die Ägypter pausenlos dazu aufgerufen, sich telefonisch zu melden, wenn sie Muslimbrüder sehen,die von der neuen Führung pauschal zu Terroristen erklärt worden sind. Die Armee ruft das Volk zur Jagd auf Staatsfeinde. Und die können inzwischen sogar aus Stoff sein.

insgesamt 26 Beiträge
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LondoMollari 02.01.2014
1. Naja ... In Deutschland wird wohl
... Pofallas neuer Wirkungsstätte sei Dank demnächst auch jedes Meckern über Die Bahn als Kritik an Merkel aufgefaßt. Und das dann übers eigene Smartphone erfaßt und von der NSA direkt an Miss Neuland weitergeleitet.
maburayu 02.01.2014
2.
Zitat von LondoMollari... Pofallas neuer Wirkungsstätte sei Dank demnächst auch jedes Meckern über Die Bahn als Kritik an Merkel aufgefaßt. Und das dann übers eigene Smartphone erfaßt und von der NSA direkt an Miss Neuland weitergeleitet.
Vielleicht merken Sie es irgendwann selbst, wie peinlich es ist, die Merkelsche Postenschieberei mit dem Durchdrehen des Ägytischen Sicherheitsappaates in Verbindung zu setzen.
jautaealis 02.01.2014
3. Armes Ägypten – ...
... dem Untergang jeglicher Kultur und Humanität geweiht!
freekmason 02.01.2014
4.
Zitat von sysopAFPDie Verdächtige heißt Abla Fahita, ist etwa 40 Zentimeter groß, trägt schwarzes Haar und zwei auffällige Ohrringe. Die ägyptische Staatsanwaltschaft ermittelt. Sie soll im Fernsehen geheime Terror-Botschaften an die Muslimbrüder übermittelt haben. Abla Fahita ist eine Handpuppe. http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-terrorverdacht-gegen-vodafone-stoffpuppe-abla-fahita-a-941595.html
hätte sie nichts zu verbergen, hätte sie auch nichts zu befürchten.
partey 02.01.2014
5. Das
Streitgespräch hätte ich gern gesehen. :-) ... und verstanden!
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