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Drakonisches Urteil gegen Reporter Sieben Jahre, keine Beweise

Der australische TV-Journalist bei Al Jazeera, Peter Greste, ist in Kairo zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Er kann auf weltweite Unterstützung hoffen - seine beiden arabischen Leidensgenossen nicht.

Bei Lois und Juris Greste im australischen Brisbane lag am Montag französischer Champagner auf Eis: Die Eltern des in Kairo wegen der Unterstützung von Terroristen angeklagten TV-Reporters Peter Greste waren sich fast sicher, dass der bereits seit einem halben Jahr dauernde Prozess gegen ihren Sohn mit einem Freispruch enden würde.

Der Vorwurf, Greste und zwei seiner ebenfalls für den panarabischen Fernsehsender Al Jazeera arbeitende Kollegen hätten nach der Machtübernahme der Generäle in Kairo die dortige Muslimbruderschaft unterstützt, schien gar zu hanebüchen, um der Prüfung eines unabhängigen Gerichts standzuhalten.

Doch die Gerichte Ägyptens sind nicht unabhängig und so wurden Greste und der ägyptisch-kanadische Al-Jazeera-Bürochef in Kairo, Mohammed Fadel Fahmi, zu sieben Jahren Haft verurteilt. Ihr ägyptischer TV-Produzent, Baher Mohammed bekam gar zehn Jahre. Zum Verhängnis geworden war ihm, dass er sich bei Filmaufnahmen nach einer Demonstration eine auf dem Boden liegende Patrone eingesteckt hatte. Sieben weitere Journalisten, gegen die in dem Prozess in Abwesenheit verhandelt worden war, wurden ebenfalls zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Tumulte nach dem Urteilsspruch

Im Gericht brach nach der Urteilsverkündung ein Tumult aus, die Verurteilten wie ihre Unterstützer schrien ihren Frust heraus. Im 14.000 Kilometer entfernten Brisbane waren Grestes Eltern erschüttert. "Wofür nur, wofür?", riefen sie immer wieder, berichtet die australische Zeitung "The Age".

Grestes Verhängnis begann damit, dass er einer Kollegin einen Gefallen tun wollte: Damit die für Kairo zuständige Reporterin von Al Jazeera Weihnachten mit ihrer Familie feiern konnte, bot der eigentlich als Afrika-Korrespondent in Kenia stationierte 48-Jährige an, sie zu vertreten.

Heiligabend skypte er noch mit seinen Eltern, sprach davon, dass das Klima für Journalisten in Ägypten immer unangenehmer werde. Er werde angefeindet, könne sich nicht mehr mit einem Notizbuch in der Hand auf die Straße wagen. Vier Tage später wurden er und seine beiden Kollegen, die aus ihren Zimmern in einem Kairoer Nobelhotel arbeiteten, dort verhaftet.

Der Schauprozess hat Ägypten weltweit Negativschlagzeilen eingebracht. Die von der Staatsanwaltschaft vorgelegten Beweise konnten den Vorwurf, die Männer hätten Muslimbrüder nicht nur interviewt, sondern aktiv unterstützt, nicht im Ansatz belegen.

Greste könnte bald freikommen

Kaum ein Prozessbeobachter zweifelt daran, dass die australische Regierung alsbald großen Druck auf Ägypten ausüben wird: Greste könnte nach einer Schamfrist und vielleicht wegen eines gesichtswahrenden Vorwands - etwa medizinische Gründe - aus der Haft entlassen werden und nach Hause zurückkehren.

Seine beiden ägyptischen Kollegen dagegen können mit Milde nicht rechnen: In Tränen aufgelöst verließ die Verlobte von Mohammed Fadel Fahmi den Saal. Auf ihre Hochzeit wird sie sehr lange warten müssen. Fahmis Bruder Adel sagte nach dem Urteilsspruch, der Richter habe gerade eine Familie zerstört. Die Chancen, dass die Generäle Fahmi und Mohammed vor Ablauf ihrer Gesamtstrafe laufen lassen werden, sind gering.

Erst am Samstag hat ein Gericht in der ägyptischen Stadt Minja im größten Massenprozess der Geschichte des Landes 183 Todesurteile gegen Muslimbrüder bestätigt. Ihnen droht nun der Tod durch den Strang.

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