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Ägypten: Hoffen auf ein Lebenszeichen

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Junge Deutsche in Ägypten Verschleppt am Flughafen?

Zwei junge Deutsche sind seit ihrer Landung in Ägypten nicht mehr aufzufinden, es fehlt jedes Lebenszeichen. Ihre Eltern befürchten das Schlimmste - Parallelen zu einem grausigen Verbrechen.

Isa El Sabbagh wollte über die Weihnachtsferien seinen betagten Großvater besuchen. 13 Monate lang hatte er ihn nicht gesehen, beide trennen fast 2800 Kilometer - der Großvater lebt in Kairo, El Sabbagh in Gießen. Der 18-jährige Gymnasiast buchte einen Flug von Frankfurt über Luxor nach Kairo, das sparte ihm 200 Euro im Vergleich zum Direktflug.

Doch in der ägyptischen Hauptstadt kam Isa El Sabbagh niemals an. Seit der Deutsche am 17. Dezember in Luxor landete und die Transitzone des Flughafens betrat, ist er verschwunden. Und damit nicht der Einzige.

Mahmoud Abdel Aziz, 23, flog am 27. Dezember mit seinem Bruder Malik, 24, nach Kairo. Die beiden kommen aus Göttingen und studieren in Medina in Saudi-Arabien Islamwissenschaften. Auch sie wollten zu ihren Großeltern nach Ägypten. Malik Abdel Aziz durfte einreisen, doch seinem jüngeren Bruder wurde gesagt, dass er zurückreisen müsse, erzählt Malik Abdel Aziz. Schon im vergangenen Jahr wurde mindestens ein Deutscher am Flughafen von Kairo abgewiesen.

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Also ließ Malik Abdel Aziz seinen Bruder zurück in der Transitzone in der Obhut der ägyptischen Beamten. Er ging davon aus, dass der Jüngere nun wieder nach Saudi-Arabien fliegen würde. Doch dort kam er nie an.

In Ägypten kommt es unter Präsident Abdel Fattah el-Sisi immer wieder vor, dass Menschen, die den Sicherheitsdiensten als verdächtig gelten, spurlos verschwinden. Wenn sie irgendwann doch wiederauftauchen, dann meist im Gefängnis. Auf mindestens 60.000 schätzt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch die Zahl der politischen Häftlinge in Ägypten. Präsident Sisi dagegen sagte kürzlich: "Wir haben keine politischen Gefangenen."

Nun sind offenbar auch erstmals deutsche Staatsbürger verschwunden.

Böse Erinnerungen an vergleichbare Fälle

Die Familien El Sabbagh und Abdel Aziz befürchten das Schlimmste: Parallelen zum Fall Giulio Regeni. Der italienische Doktorand hatte in Ägypten über Gewerkschaften geforscht - ein heikles Thema, denn von den Arbeitern gingen immer wieder Proteste aus. Regeni verschwand am 25. Januar 2016 - dem Jahrestag der Massenproteste von 2011, an diesem sind Ägyptens Sicherheitskräfte besonders wachsam. Er wurde zu Tode gefoltert; seine zerschundene Leiche fand man neun Tage später am Straßenrand in Kairo. Die Regierung bestreitet, etwas mit Regenis Verschwinden zu tun gehabt zu haben. Doch Italiens Staatsanwaltschaft hat im November mehrere ägyptische Geheimdienstler als Mordverdächtige benannt.

Doch warum sollte die ägyptische Staatssicherheit die jungen Männer festnehmen lassen? "Vielleicht kam es ihnen seltsam vor, dass Isa über Luxor nach Kairo flog?", mutmaßt Mohamed El Sabbagh, Vater des 18-Jährigen. "Vielleicht liegt es an Mahmouds Bart?", sagt dessen Vater Amr Abdel Aziz. Den hätten die Sicherheitsdienste als Hinweis auf islamistischen Radikalismus interpretieren können.

Die ägyptische Botschaft in Berlin kommentiert die Fälle auf Anfrage nicht. Das Auswärtige Amt sagte hingegen, dass es die beiden Fälle "sehr ernst" nehme und sich "mit Nachdruck um Aufklärung" bemühe.

Von den deutschen Diplomaten haben die Familien über den Verbleib ihrer Kinder bisher nichts gehört, so Malik Abdel Aziz. Ein Diplomat der deutschen Botschaft in Kairo habe ihm gesagt, man sei auf Informationen der Ägypter angewiesen. Von denen hätten sie bisher nichts bekommen.

Stattdessen recherchieren die Eltern selbst. Die El Sabbaghs haben aus mehreren Quellen erfahren, dass ihr Sohn in Luxor in Haft sitzt. Die Abdel Azizs hörten von drei Seiten, dass sich ihr Kind in U-Haft des Geheimdienstes in Nasr City, einem Stadtteil Kairos, befinde.

Eine Besonderheit erschwert die Fälle

Sowohl Isa El Sabbagh als auch Mahmoud Abdel Aziz sind deutsch-ägyptische Doppelstaatsbürger - auch wenn ihnen das anscheinend nicht ganz klar war. Sie seien immer mit ihren deutschen Pässen gereist und hätten keine ägyptischen besessen, erzählen ihre Familien. Die Mütter sind Deutsche, die Väter Deutsch-Ägypter. Die Väter meldeten die Geburt ihrer Kinder in Deutschland und Ägypten. Dadurch wurden diese in den Augen Kairos automatisch auch zu Ägyptern - die Nationalität wird dort über den Vater vererbt.

Bei den Familien mischt sich Wut in die Sorge: "Muss mein Sohn erst Journalist, Schauspieler oder Fußballstar sein, damit ihm geholfen wird?", fragt Amr Abdel Aziz, Mahmouds Vater. Er fühlt sich von den deutschen Diplomaten im Stich gelassen und flog am Sonntag selbst nach Kairo, um seinen Sohn wiederzubekommen.

Wie lange vergleichbare Fälle dauern können zeigt die Geschichte von Hazem Hamouda. Bald ein Jahr ist es her, dass - ebenfalls an einem 25. Januar - der damals 54-Jährige am Flughafen von Kairo an der Passkontrolle verschwand. Auch er ist Doppelstaatsbürger, Australier und Ägypter, und wollte mit drei seiner Kinder in seiner einstigen Heimat Urlaub machen.

Hazem und Lamisse Hamouda

Hazem und Lamisse Hamouda

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Acht Tage lang wusste niemand, was mit Hamouda passiert war. Dann gelang es ihm, einen Brief zu schmuggeln, der abfotografiert über Whatsapp seine Frau in Australien erreichte. Seitdem weiß die Familie, dass Hazem Hamouda im für Folter berüchtigten Tora-Gefängnis in Kairo sitzt. Dort ist er inzwischen auch offiziell als Häftling registriert. Seine 29-jährige Tochter Lamisse konnte ihn mehrmals besuchen.

Hamouda wird vorgeworfen, die in Ägypten verbotene islamistische Muslimbruderschaft zu unterstützen und "falsche Informationen" verbreitet zu haben. Worauf sich diese Vorwürfe stützen, bleibt unklar: Ihm wurden noch immer keine Beweise präsentiert.

Einen Anwalt konnte Hamouda innerhalb eines Jahres noch nicht sprechen.

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