Ägyptens Muslimbruderschaft "Wir sind überall"

Die islamistische Muslimbruderschaft ist Ägyptens größte Oppositionsbewegung. Viele Beobachter fürchten, dass sie das Land nach dem Volksaufstand gegen Mubarak in einen Gottesstaat umwandeln könnte. Aber was will die Gruppe wirklich?

Pressekonferenz der ägyptischen Muslimbruderschaft (Archivbild): "Mubarak muss abtreten"
dpa

Pressekonferenz der ägyptischen Muslimbruderschaft (Archivbild): "Mubarak muss abtreten"

Aus Kairo berichtet


Ein Koran, zwei sich kreuzende Schwerter und der Schriftzug: "Und bereitet euch vor". Das Wappen der islamistischen Muslimbruderschaft ist martialisch, vielleicht ein wenig zu martialisch für die internationale Presse. Im ersten Stock eines staubigen Wohnhauses in der El-Malek-Al-Saleh-Straße im Herzen Kairos - dort wo Ägyptens größte Oppositionsbewegung ihre Gäste aus dem Ausland empfängt - hat man vorsichtshalber darauf verzichtet, die offiziellen Insignien der "Ikhwan al-Muslimun" zur Schau zu stellen.

Selbst Koransuren oder Fotografien der heiligen Kaaba, wie sie in jedem ägyptischen Wohnzimmer hängen könnten, gibt es hier keine. Stattdessen: Schreibtische, auf denen sich dicke Folianten und Flugblätter stapeln, Bücherregale, Aktenschränke. Die Bruderschaft, so der Eindruck, der sich aufdrängen soll: eine ganz normale Partei, mit Visitenkarten, Wasserspender und Kreidetafel.

Auch die Rhetorik der Muslimbruderschaft soll Normalität suggerieren - soweit man in diesen Tagen überhaupt von Normalität sprechen kann: Raschad Al-Bayumi, stellvertretender Führer der "Ikhwan", hat zum Pressegespräch geladen und stellt seine Sicht der glücklichen Revolution und der Proteste gegen Mubarak dar. Er spricht von freien Wahlen, von einer Übergangsregierung und "demokratischer Transformation". Und natürlich auch davon, dass seine Bewegung den Willen des Volkes unterstütze: "Mubarak muss abtreten", sagt er. "Das ist aller Anfang, das ist das Wichtigste." Das bisherige Postengeschachere des Präsidenten sei nur ein plumper Versuch, die Revolution der Ägypter zum Scheitern zu bringen.

Es war der Sprecher der parlamentarischen Fraktion der Muslimbrüder, Mohammed Saad-Katatni, der sich im vergangenen Jahr mit dem Karrierediplomaten und Ex-IAEA-Chef Mohamed ElBaradei traf, um eine "Nationale Front für den Wandel" zu beschließen.

Auch wenn es ideologische Differenzen gebe, so Katatni damals, stehe seine Bewegung grundsätzlich hinter ElBaradei. Einen gemeinsamen Wahlboykott wollten die Muslimbrüder dann allerdings doch nicht unterstützen, und so blieb die Allianz überaus brüchig.

Die Proteste sind eine Machtoption

Wurde sie nun wiederbelebt? "Wir unterstützen ElBaradeis Forderungen nach Mubaraks Sturz, wir unterstützen die Forderung aller Oppositionellen", so Bayumi. Dass sich die Bewegung aber auf ElBaradei als neuen Oppositionsführer oder Gegenkandidaten zu Mubarak eingeschworen hätte, sei falsch. "Niemand hat derzeit das Recht, sich als Führer dieser Revolution zu bezeichnen. Lassen wir das Volk entscheiden."

Es ist auffällig, wie unauffällig die "Ikhwan" bislang die Massenkundgebungen begleitet haben. Keine islamistischen Spruchbänder, keine islamistischen Parolen - als organisierte Gruppe ist die Bruderschaft bislang nicht in Erscheinung getreten. Könnte das daran liegen, dass die Organisation abwartet, wie erfolgversprechend die Proteste sind? Hat sie andere Optionen im Hinterkopf? "Unsinn", ruft Bayumi. "Wir sind dabei. Tausende unserer Mitglieder sind auf den Straßen. Aber wir sagen auch, dies ist keine islamische Revolution, dies ist eine Revolution gegen Mubarak!"

Dass der mögliche Sturz des Regimes den Islamisten eine Teilhabe an der Macht bescheren könnte, will in Ägypten derzeit niemand ausschließen. Einen Automatismus dafür aber gibt es nicht: zu viele Menschen lehnen das Ziel der Bruderschaft nach einem gottgefälligeren Gemeinwesen ab. Auf rund 30 Prozent schätzen Intellektuelle wie der Schriftsteller Alaa Al-Aswany den tatsächlichen Rückhalt der "Ikhwan" in der Bevölkerung.

Die Bruderschaft aber gibt sich selbstbewusst - sie war es immer: "Wir wissen nicht, wie viele Mitglieder wir haben", sagt Bayumi, "die Regierung spricht von drei bis vier Millionen. Wir aber zählen nicht. Wir wissen nur, es gibt uns überall, in jeder Stadt, in jedem Dorf, in jedem Straßenzug."

Vorbild für Terroristen

Als 1928 gegründete, erste islamistische Massenbewegung der Moderne hat die Organisationen allen Grund, so selbstsicher zu sein: Ihre karitative Arbeit an der Basis, ihre Wohltaten gegenüber den Armen und Kranken in der arabischen Welt, in der sie überall Fuß gefasst hat, wo korrupte und dekadente Herrscher versagten, haben den Muslimbrüdern einige Glaubwürdigkeit verschafft.

Ihr ideologischer Dogmatismus aber bleibt die Kehrseite der Medaille. Obwohl sich die Gruppe in den Siebzigern offiziell von der Gewalt verabschiedete, hat sie noch immer Schwierigkeiten, sich von ihrem Vordenker zu distanzieren, der das Idol islamistischer Terroristen ist - und dessen Bücher von Selbstmordattentätern gelesen werden. So waren es auch Mitglieder einer radikalen Abspaltung der Muslimbrüder, die 1981 den ägyptischen Staatspräsidenten Anwar Al-Sadat ermordeten.

Die gemäßigteren Islamisten versuchen seither, sich mit den herrschenden Verhältnissen am Nil zu arrangieren. Vom Mubarak-Regime als Partei verboten, aber als Organisation geduldet, lieferten sie sich in den letzten Jahren immer wieder ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Regierung. Einige Experten gehen sogar davon aus, dass die Muslimbrüder ein Zweckbündnis mit Mubarak eingingen: Solange sie dem Regime nicht zu nahe kamen, überließ ihnen Mubarak ausreichend Spielraum. Dem Präsidenten aber nützen die Islamisten als Feindbild, um den milliardenschweren Sicherheitsapparat pausenlos aufzustocken - und jegliche Opposition im Keim zu ersticken.

Je konservativer sich die Muslimbrüder gebärdeten, desto strenger konnte Mubarak die Zügel anziehen. Dass damit niemand die Islamisten so sehr stabilisierte wie das Regime selber, musste Mubarak offenbar ignoriert haben.

insgesamt 113 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sturz_der_wirklichkeit 31.01.2011
1. Ach wir harmlos
Da fressen ein paar Erz-Islamisten Kreide und der Reporter fällt darauf rein, alles nicht so schlimm mit den Brüdern? Anderswo hört sich das etwas anders an: "Mohamed Ghanem, one of the leaders of the Muslim Brotherhood in Egypt, calls Egypt to stop pumping gas to Israel and prepare the Egyptian army for a war with it's eastern neighbor." http://www.forexcrunch.com/muslim-brotherhood-wants-war-with-israel/
Dramidoc 31.01.2011
2. Ein Problem?
Zitat von sysopDie islamistische Muslimbruderschaft ist Ägyptens größte Oppositionsbewegung. Viele fürchten, dass sie das Land nach dem Volksaufstand gegen Mubarak in einen Gottesstaat umwandeln könnte. Was wollen die "Ikhwan al-Muslimun"? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742774,00.html
Man sollte diese Bruderschaft nicht überbewerten.
Schleswig 31.01.2011
3. xxx
Zitat von sysopDie islamistische Muslimbruderschaft ist Ägyptens größte Oppositionsbewegung. Viele fürchten, dass sie das Land nach dem Volksaufstand gegen Mubarak in einen Gottesstaat umwandeln könnte. Was wollen die "Ikhwan al-Muslimun"? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742774,00.html
Wo der Gewalt des Mubarak Regime endet, da beginnt erst der Terror der islamistische Muslimbruderschaft. Da sollen die gesamten Gesundbetern nicht vormachen. Auch der Naiven hiesigen nicht.
LouisWu 31.01.2011
4. ...
Zitat von sysopDie islamistische Muslimbruderschaft ist Ägyptens größte Oppositionsbewegung. Viele fürchten, dass sie das Land nach dem Volksaufstand gegen Mubarak in einen Gottesstaat umwandeln könnte. Was wollen die "Ikhwan al-Muslimun"? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742774,00.html
Noch bejubelt die Welt die "Revolutionen" in Tunesien und Ägypten. Es könnte durchaus sein, dass der Jubel verfrüht war - wie das Beispiel Irak gezeigt hat. Zwei weitere Staaten, die im Religionsfaschismus versinken, wären eine bittere Pille für alle Demokratie-Enthusiasten. In einigen Ländern ist anscheinend eine restriktive Diktatur die einzig akzeptable Staatsform, wenn man keinen Schrecken ohne Ende haben möchte durch die allseits bekannten Zutaten eines Religionsregimes....
la borsa, 31.01.2011
5. Entwicklungen zu unterdrücken heißt:
Zitat von sysopDie islamistische Muslimbruderschaft ist Ägyptens größte Oppositionsbewegung. Viele fürchten, dass sie das Land nach dem Volksaufstand gegen Mubarak in einen Gottesstaat umwandeln könnte. Was wollen die "Ikhwan al-Muslimun"? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742774,00.html
*Eruptionen zu erwarten.* Klug wäre es gewesen, wenn die USA und die EU Entwicklungen in kleinen Schritten durchgesetzt hätten. Das ist aber nicht der Fall. Und jetzt: Muffensauen vor den Moslembrüdern. Was die EU, Frau Merkel und die USA umtreiben, ist der Wegfall des Stabiltitäsfaktors für den Staat Israel. Könnte man die Lage wieder stabilisieren, dann würde man auch Mubarak weiter inkauf nehmen. Und danach? Wann ist der nächste Staat reif? Saudi-Arabien ist eine Theokratie mit viel Geld. Wann geht der Westen auf Distanz und drückt eine echte Demokratie durch. Wann??
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.