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Tote in Kairo Ägyptens Sicherheitskräfte schießen auf Mursi-Anhänger

Erneut sind Sicherheitskräfte in Kairo rigoros gegen Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi vorgegangen. Mindestens 72 Menschen kamen ums Leben, zumindest zum Teil durch gezielte Schüsse. Hunderte erlitten Verletzungen. In den Schock und Trauer der Regierungsgegner mischt sich Wut.

Bis 9 Uhr morgens trifft ununterbrochen ein Strom von Leichen und Verwundeten in Rabaa ein. Auf Motorrädern, in Autos und kleinen Bussen werden sie in die Feldlazarette des islamistischen Protestlagers eingeliefert. Der Arzt Mohammed El Atfy kümmert sich mit anderen freiwilligen Helfern um die Patienten, stillt Blutungen.

Eigentlich war der Mediziner auf Urlaub bei seinen Eltern in Kairo. Er arbeitet seit acht Jahren im englischen Manchester. Doch als El Atfy im Fernsehsender al-Dschasira hörte, dass Ärzte gebraucht würden, kam er sofort nach Rabaa, in die Zeltstadt der Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi. "Hier zu helfen ist meine Pflicht, als Ägypter und als Mediziner", sagt er.

48-Stunden-Frist läuft aus

Neben dem Arzt liegt auf der Pritsche der 25-jährige Mohammed Salim mit einer Kugel im rechten Unterschenkel. El Atfy hat die Blutungen gestoppt und schickt ihn nun für Röntgenaufnahmen und zur Entfernung der Kugel in ein Krankenhaus. Viele Verwundete misstrauen den normalen Kliniken. Sie glauben, dort würde man sie als Mursi-Anhänger nicht richtig versorgen.

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Für wen keine Hoffnung mehr besteht, der wird durch die Tür rechts getragen in einen kleinen Raum, in dem die Leichen aufgereiht werden. Es sind an diesem Samstagmorgen bereits 16 namentlich Identifizierte in diesem Lazarett. Doch da es mehrere gibt und die Toten für den offiziellen Leichenschein in eines der regulären Krankenhäuser weitertransportiert werden, ist davon auszugehen, dass die Zahl der Opfer insgesamt deutlich höher ist.

Die Angaben schwanken jedoch: Nach Angaben der Muslimbruderschaft sind es mindestens 120 Tote. Das ägyptische Gesundheitsministerium sprach von 72 Toten. Hunderte Menschen sollen verletzt worden sein.

Der Konflikt könnte weiter eskalieren: Samstagabend läuft ein 48-Stunden-Ultimatum des Militärs ab: Die Islamisten sollen sich bis dahin am sogenannten Versöhnungsprozess beteiligen - sonst drohe eine härtere Gangart. Die über die Medien verbreitete Aufforderung hatte den Titel "letzte Chance".

Unverhältnismäßige Gewalt gegen Demonstranten

Es ist bereits das zweite Mal in diesem Monat, dass Ägyptens Sicherheitskräfte brutal gegen Mursi-Anhänger vorgegangen sind. Am 8. Juli erschoss das Militär 51 Unterstützer des Ex-Präsidenten. Die Menschenrechtsorganisationen Human Rights Watch und Amnesty International, die den Vorfall untersuchten, kritisierten den Einsatz als "unverhältnismäßige Gewaltanwendung gegen friedliche Demonstranten". Die Zeitung "Guardian" rekonstruierte die Tat.

Nun scheint sich erneut eine solche Unverhältnismäßigkeit abgespielt zu haben. Allerdings schoss dieses Mal wohl die Polizei, während das Militär zuschaute. Das berichten mehrere Augenzeugen SPIEGEL ONLINE unabhängig voneinander.

Ihre Beschreibungen ergeben folgendes Bild: Während Freitagnacht auf dem Tahrir-Platz Zehntausende Anhänger von Militärchef Abd el-Fattah al-Sisi mit Musik, Lasershow und Armeehelikoptern feierten, nahm im Osten Kairos in Rabaa, wo die Anhänger des Islamisten Mohammed Mursi campieren, eine Tragödie ihren Lauf.

Um Mitternacht hatte sich vom Protestlager in Rabaa ein Demonstrationszug in Bewegung gesetzt. Er zog in Richtung der 6. Oktober-Brücke. Bevor jedoch der Protestzug die Flussquerung erreichen konnte, flogen Dutzende Tränengaskanister. Panisch lief die Menge auseinander, auch über am Boden Liegende. Viele wurden dabei verletzt. Einige Familien verloren in dem Chaos ihre Kinder. Vereinzelt fielen Schüsse. Zwischen 2 und 3 Uhr morgens gab es die ersten Toten.

Einige der Demonstranten gingen nun nach Hause. Ein paar kehrten ins Protestlager in Rabaa zurück. Andere fingen an, unter der Brücke eine kleine Mauer aufzubauen, um sich gegen die Polizisten zu schützen. Mehrere Menschen berichten, dass Steine auf die Mursi-Anhänger geworfen wurden. Von wem ist nicht ganz klar.

Für manche kommt jede Hilfe zu spät

Der 23-jährige Haisan Mohammed aus Wadi El Natrun im westlichen Nildelta marschierte mit an der Spitze des Protestzugs. Er sagt, dass bei den Polizisten auch sogenannte Baltagije standen - Männer in Zivil, die für den Sicherheitsapparat die Drecksarbeit erledigen wie etwa bei der berüchtigten Kamel-Attacke auf den Tahrir-Platz 2011.  

Sie hätten die Steine auf die Mursi-Anhänger geworfen. Dass Männer in Zivil sich bei den Polizisten aufhielten, berichten auch andere Augenzeugen. Die Mursi-Unterstützer warfen ihrerseits Steine. Eine Straßenschlacht begann. Derweil stand das Militär vor der Sadat-Tribüne und schaute zu. Inzwischen war die Sonne bereits aufgegangen.

Dann fielen erneut Schüsse, offenbar gezielt. Viele Getroffene starben durch Kopfschüsse. Neben Haisan Mohammed sackte sein Bruder zusammen.

Der junge Mann kauert fassungslos vor dem Leichenraum des Feldlazaretts in Rabaa. Für seinen Bruder kam jede Hilfe zu spät, Kopfschuss. Mohammeds Vater ruft auf dem Handy an, er kann ihm nicht antworten. "Es gibt ein Problem, Papa", schluchzt er ins Telefon. Dann kann er nicht mehr weitersprechen. Auf der anderen Seite der Leitung übernimmt der große Bruder. Mit dem hatte Haisan Mohammed als Erstes gesprochen. Er soll nun dem Vater erklären, dass der jüngste Sohn nicht mehr nach Hause kommt.

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