Ägyptisch-iranische Annäherung Ende einer Eiszeit

Nach 31 Jahren frostiger Beziehungen nähern sich Ägypten und Iran wieder an - mit potentiell weitreichenden Folgen für die Region. Man habe gemeinsame Interessen, etwa in der Terrorbekämpfung, heißt es in Kairo und Teheran. Israel beobachtet die Entwicklung mit Argwohn.

Irans Präsident Ahmadinedschad: Anzeichen für Annäherung zwischen Kairo und Teheran
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Irans Präsident Ahmadinedschad: Anzeichen für Annäherung zwischen Kairo und Teheran

Von , Kairo


Seit 31 Jahren müssen Reisende in Damaskus, Beirut oder Kuwait umsteigen, wenn sie von Kairo nach Teheran fliegen wollten. Doch das soll sich bald ändern: Während eines fünftägigen Kairo-Besuchs unterzeichnete Hamid Bagha'i, prominenter Freund und Assistent des Iran-Präsidenten Ahmadinedschad für Sonderaufgaben, mit ägyptischen Regierungsvertretern mehrere Abkommen über wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit und spürbare Erleichterungen im Reiseverkehr. Sogar Tourismus wird es zwischen Nil und Kaspischem Meer wieder geben. Und schon bald sollen zwischen der Nilmetropole und Teheran sage und schreibe 28 Wochenflüge stattfinden. Der Flughafen Kairo wird somit zum Luftkreuz für iranische Passagiere nach Afrika. "Sehr gut", befand das ein Mitglied der iranischen Vertretung in Kairo. Ein Probeflug könnte schon in wenigen Tagen stattfinden.

Die geplanten Direktflüge sind nur eines der vielen sich häufenden Anzeichen für eine Annäherung zwischen Kairo und Teheran - es deutet sich nicht weniger als das Ende einer Eiszeit an. Im Nahen Osten wird der Neuanfang denn auch als sensationell gewertet. Denn die Vorergebnisse der ägyptisch-iranischen Verhandlungen könnten das Beziehungsgeflecht in der Krisenregion mittelfristig stark verändern. Beide Länder bemühen sich, die "Tretminen der vergangenen Jahrzehnte zu entschärfen", wie ein hochrangiger Beamter des ägyptischen Außenministeriums die monatelangen medienfern geführten Konsultationen der vermeintlichen Erzfeinde bezeichnete. "Das war nicht leicht", lautet sein Fazit.

Kein Wunder. Denn nach der Machtübernahme der schiitischen Rechtsgelehrten in Iran im Jahre 1979, also ausgerechnet im Jahr des ägyptisch-israelischen Friedensschlusses, wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen Ägypten und Iran auf Eis gelegt - und die "Islamische Republik" für die Ägypter de facto zum Feindstaat. Die israelfeindliche Schiitenrepublik ging eine Zweckallianz mit Syrien und der libanesischen Hisbollah-Miliz ein. Das Ziel: Eine palästinensisch-israelische Friedensvereinbarung und einen allzu engen Schulterschluss der Araber mit den USA verhindern. Im Gegensatz dazu bemühte sich Ägypten zusammen mit Saudi-Arabien, Jordanien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, der palästinensischen Autonomieregierung und der Obama-Administration um einen politischen Ausgleich zwischen Israel und den Palästinensern.

Freilich erreichte keiner der Blöcke, was er sich vorgenommen hatte: Iran, innenpolitisch geschwächt, schaffte es nicht, seinen Einfluss in Arabien über schiitische Minderheiten zu intensivieren und arabische Regierungen für seine Politik der Dauerkonfrontation mit Israel zu gewinnen. Aber auch Kairos und Saudi-Arabiens Bemühungen um eine friedliche Lösung des Nahost-Konflikts verliefen im Sande, nicht zuletzt, weil Washington es nicht wagte, Druck auf die rechtslastige Regierungskoalition in Israel auszuüben.

Ägyptens unerwarteter Iran-Vorstoß hat nicht nur zum Ziel, die iranische Einflussnahme in der arabischen Welt einzudämmen. Er soll auch die Möglichkeiten sondieren, mögliche politische Gemeinsamkeiten zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Region herauszukristallisieren und Iran in ein neues, weitmaschiges nahöstliches Sicherheits- und Kooperationssystem einzubinden. Und zwar ohne Direktbeteiligung der letztendlich ewig zögerlichen Vereinigten Staaten. Das wäre in der Tat eine Umwälzung - denn in dieser Vision wären es die Kräfte innerhalb der Region, die dafür verantwortlich wären, Iran im Zaum zu halten.

"Großer Erfolg mit weitreichender Perspektive"

Die Zeichen der Zeit stehen zumindest nicht ungünstig. Das iranisch-syrische Verhältnis verschlechtert sich wegen Differenzen über die Zukunft des Irak nach dem US-Abzug; zugleich hat die Damaszener Führung Vorbehalte gegen einen weiteren Hisbollah-gesteuerten Waffengang im Südlibanon mit Israel, weil er ernste Konsequenzen nach sich ziehen könnte, etwa Sanktionen der Vereinten Nationen und der EU, allen voran Frankreich und Italien. Ein Regierungssprecher in Teheran nannte die Annäherung denn auch einen "großen Erfolg mit weitreichender Perspektive".

Der Plan sieht vor, die Beziehungen auf einer Vielzahl von Ebenen neu zu beleben. Vor kurzem eröffnete in Kairo ein renommierter iranischer Finanzexperte eine ägyptisch-iranische Handelsbank. Eine ägyptisch-iranische Firma produziert bereits - unbehelligt von amerikanischen Boykottappellen - preisgünstige Klimageräte an der Wüstenautobahn Kairo-Alexandrien.

Harte Proteste der USA blieben bisher ohnehin aus. US-Außenministerin Hillary Clintons Warnung vor Iran fegte Kairo prompt vom Tisch. Die liberale, oppositionelle Kairoer Wochenzeitung "Der siebte Tag" zitiert einen regierungsnahen Diplomaten mit den Worten: "Ägypten und Iran haben gemeinsame Interessen, zum Beispiel in der Bekämpfung des internationalen Terrorismus." Ängste vor schiitischer Abwerbung sunnitischer Ägypter sind unbegründet.

"Hochgefährliche" Annäherung

Israel beobachtet das diplomatische Tauwetter derweil mit Unbehagen und Argwohn. Der israelische Rundfunk kritisierte die Annäherung bereits als "hochgefährlich". Doch Israels Hauptverbündeter Washington hält sich zurück.

Womöglich, wird gemutmaßt, hängt das Ausbleiben einer harten Kritik mit amerikanisch-iranischen Geheimkontakten zusammen. Über die wiederum wird keineswegs nur in Ägypten gemunkelt. Der ehemalige irakische Ministerpräsident und aktuelle Wahlsieger in Bagdad, Ijad Allawi, erklärte erst vor wenigen Tagen, zwischen den USA und Iran gäbe es trotz aller Meinungsverschiedenheiten Einmütigkeit über den Irak. In der Tat verdichten sich in Kairo, Bagdad, Beirut und Amman Gerüchte, dass Amerikaner und Iraner Geheimkontakte aufgenommen haben, um einen ungewöhnlichen Deal auszuloten für die Zeit nach dem Abzug der US-Army aus dem Zweistromland: Demnach würde Iran ein geografisch begrenztes Mitspracherecht in "Sicherheitsfragen" im Irak erhalten. Im Gegenzug kooperiert Teheran mit Washington in der Bekämpfung der Qaida-Terroristen und öffnet seine Nuklearanlagen den Uno-Kontrollinspekteuren "ohne jedwede Einschränkung". Iran soll außerdem eingewilligt haben, sich jeder Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Golfmonarchien zu enthalten. Es heißt, beide Seiten seien sich schon sehr nahegekommen.

Natürlich werden diese Gerüchte nicht offiziell bestätigt. Sie könnten aber die Passivität der USA mit Blick auf die neue Freundschaft zwischen Kairo und Teheran erklären.



insgesamt 78 Beiträge
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Seite 1
durchblick 21.10.2010
1. I immer in Argwohn
Zitat von sysopNach 31 Jahren frostiger Beziehungen nähern sich Ägypten und Iran wieder an - mit potentiell weitreichenden Folgen für die Region. Man habe gemeinsame Interessen, etwa in der Terrorbekämpfung, heißt es in Kairo und Teheran. Israel beobachtet die Entwicklung mit Argwohn. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,724055,00.html
Was beobachter I nicht mit Argwohn???
Interessierter0815 21.10.2010
2. .
Zitat von durchblickWas beobachter I nicht mit Argwohn???
Die eigenen Waffenkäufe, natürlich hochsubventioniert von USA.
Verimathrax 21.10.2010
3. Anders geht es nicht
Zitat von sysopNach 31 Jahren frostiger Beziehungen nähern sich Ägypten und Iran wieder an - mit potentiell weitreichenden Folgen für die Region. Man habe gemeinsame Interessen, etwa in der Terrorbekämpfung, heißt es in Kairo und Teheran. Israel beobachtet die Entwicklung mit Argwohn. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,724055,00.html
Mögen die Falken, von wo auch immer sie kommen, es mit noch so viel Argwohn betrachten. Nur miteinander wird sich (nicht nur) in dieser Region was zum besseren wenden.
jimknopf107 21.10.2010
4. Wer kauft heute noch Waffen?
Das tolle an den Waffen ist- man kann sie kaufen- oder sie sich einfach schenken lassen- von Deutschland z.B.! Wie die 3 hochmodernen und ultraleisen U-Boote vor einigen Jahren. Tja, Deutschland wird eben mit vielem in Verbindung gebracht- mit Hitler, den KZ´s, Auschwitz- und seinen U-Booten.
Baracke Osama, 21.10.2010
5. --
Zitat von sysopNach 31 Jahren frostiger Beziehungen nähern sich Ägypten und Iran wieder an - mit potentiell weitreichenden Folgen für die Region. Man habe gemeinsame Interessen, etwa in der Terrorbekämpfung, heißt es in Kairo und Teheran. Israel beobachtet die Entwicklung mit Argwohn. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,724055,00.html
Was ich mich Frage: Gibt es eine UN-Resolution oder ein gleichwertiges internationales Abkommen, in dem Ägypten (aber auch Jordanien) die Existenz des Staates Israel anerkennen, denn diese Anerkennung fordert Israel von den Palästinenser.
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