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Stanley McChrystal: Der asketische General

Foto: Majid Saeedi/ Getty Images

Ärger um McChrystal General Feldherrlich unter Beschuss

Asket, Großmaul, smarter Stratege: Stanley McChrystal hat das Weiße Haus nicht zum ersten Mal düpiert. Doch feuert Obama den General, gefährdet er die US-Strategie in Afghanistan. Der Präsident könnte es deshalb bei einem Rüffel belassen - obwohl es an der Front bislang kaum Fortschritte gibt.
Von Yassin Musharbash

Stanley McChrystals

Barack Obama

Berlin - Dieses Treffen wird über Karriere entscheiden: An diesem Mittwoch muss der Oberbefehlshaber am Hindukusch zum Rapport bei US-Präsident im Weißen Haus. Normalerweise schaltet sich der General angesichts Tausender Kilometer Distanz per Videokonferenz in das monatliche Lagetreffen zu Afghanistan ein. Doch dieses Mal lässt ihn Obama den langen Weg nach Washington anreisen.

Das Signal an den Vier-Sterne-General ist klar: Der Präsident und sein Team lassen ihn für die im Magazin "Rolling Stone" veröffentlichten Lästereien nicht einfach so davonkommen. McChrystal soll den von ihm Geschmähten persönlich gegenübertreten - und sie werden dann über ihn richten.

Es ist nicht das erste Mal, dass der General in die politische Schusslinie gerät.

Für jemanden, der lange Jahre seiner Karriere im Verborgenen arbeitete, als Chef von Spezialeinheiten der US-Armee, sind über McChrystal erstaunlich viele Anekdoten im Umlauf. Kaum ein Porträt kommt ohne den Hinweis aus, der Vier-Sterne-General schlafe selten mehr als vier Stunden pro Nacht und speise höchstens einmal am Tag. McChrystal gilt allenthalben als intellektueller Asket, einer, der daheim über eine beeindruckende Bibliothek verfügt - sich aber nicht scheut, dem Krieg nahezukommen und mit "seinen" Soldaten auszurücken, wenn sich die Gelegenheit bietet. "Soldaten-Gelehrter" nennen ihn einige in seiner Umgebung.

Doch während die Intelligenz des Generals ebenso wenig in Frage gestellt wird wie seine bisher errungenen militärischen Erfolge - darunter die Tötung des Qaida-Chefs im Irak, Abu Mussab al-Sarkawi, und die Festnahme von Saddam Hussein - diskutiert die westliche Welt nun seine charakterlichen Eigenschaften. Der General, der seit einem runden Jahr die Isaf-Schutztruppe in Afghanistan kommandiert, ist zu weit gegangen: Er ließ einen Reporter des Musikmagazins "Rolling Stone" allerhand Lästereien über US-Präsident Barack Obama, Vizepräsident Joe Biden und andere hochrangige Politiker mitschreiben und veröffentlichen. Man könnte das, angesichts der ansonsten ausgebufften Pressearbeit des Generals in eigener Sache, für einen Fauxpas halten. Am Dienstag bot er wegen dieser Dummheit jedenfalls seinen Rücktritt an, nun wird Obama entscheiden müssen, ob er McChrystal wegen der Respektlosigkeiten feuert - oder ob er ihn hält, auch um den Preis, selbst an Statur zu verlieren.

McChrystal überzeugte Obama von seiner Strategie

Afghanistan-Krieg

Nato

Die Entscheidung dürfte dem US-Präsidenten schwerfallen. Die Berufung McChrystals war der Versuch, dem , der im neunten Jahr tobt, eine Wendung zu geben. McChrystal selbst sagte dazu, er habe den Job angenommen, weil dieser "sehr, sehr wichtig" sei. Und er ging mit dem ihm eigenen Furor ans Werk. Als erstes legte er eine schonungslose Bestandsaufnahme vor. Tenor: Der Krieg stehe kurz davor, verloren zu werden. Die Taliban, nicht die , hätten das Heft des Handelns in der Hand.

Die Konsequenz, die der Spross eines Weltkriegsgenerals zog, war simpel und unbequem: "Escalate or fail", also: mehr Einsatz - oder scheitern. Von Obama forderte er 40.000 weitere Soldaten, nur so könne die Wende vollbracht werden, bevor, wie es der US-Kongress will, 2011 der Abzug der US-Truppen beginnt. Er bekam 32.000 Mann zusätzlich. Auch im Detail beruht McChrystals Afghanistan-Strategie auf wenigen Säulen:

  • mehr Kontakt zur Zivilbevölkerung und mehr Schutz für die Menschen vor Ort,
  • weniger Luftangriffe,
  • eine extrem beschleunigte Ausbildung der afghanischen Armee und Polizei,
  • ein entschiedenes Zurückdrängen der Taliban in ihren Hochburgen.

Für die Nato-Partner, auch die Bundeswehr, birgt diese Aufgabenstellung neue Gefahren. So will McChrystal etwa die Nato-Armeen dazu bringen, durch sogenanntes "Partnering" afghanische Einheiten im Feld auszubilden. Dazu müssten die Nato-Soldaten öfter ihre Feldlager verlassen, schrieb er nicht zuletzt den Deutschen ins Stammbuch. Das hörte man in Berlin nicht gern. Am Ende aber sagte auch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zu, sich auf das Konzept des "Partnering" einzulassen.

Besonders vehement trieb McChrystal den Nato-Alliierten das Bomben aus. "Luftangriffe tragen den Kern für unser Scheitern in sich", wird er zitiert. Es gibt Anekdoten zuhauf, die schildern, wie er Nato-Generäle zusammenstauchte, weil sie wieder einmal Bomben abwerfen ließen, ohne sich zuvor genügend Gedanken über mögliche zivile Opfer zu machen. Entsprechend wütend reagierte McChrystal auf das Bombardement zweiter Tanklastzüge in Kunduz, das die Bundeswehr im vergangenen Herbst veranlasste und bei dem Dutzende Zivilisten ums Leben kamen. Dass ein US-Reporter bei McChrystals Wut-Reise nach Kunduz dabei sein und mitschreiben durfte, gilt in Berlin noch heute als grobes Foul.

Die Erfolge in Afghanistan blieben aus

Die Erwartungen an McChrystal waren von Beginn an immens, nicht weniger als der "Petraeus Afghanistans" sollte er werden. Also ähnlich wie sein persönlicher Freund General David Petraeus im Irak nun seinerseits am Hindukusch den Aufstand niederringen - auch wenn die beiden Länder kaum vergleichbar sind.

Doch während McChrystals Ideen und Konzepte für Afghanistan in den USA und den Nato-Staaten durchaus auf Unterstützung stießen, gehört zur Wahrheit auch, dass die Erfolge bisher nahezu ausgeblieben sind:

  • Die Taliban sind immer noch nicht geschwächt worden, die internationalen Truppen konnten ihnen kaum Gebiet abnehmen,
  • die afghanische Regierung hat nicht an Einfluss gewonnen.
  • Da wo es Erfolge geben mag, haben sie noch nicht für eine Wende gesorgt.

Zwar sagen immer mehr Stimmen, dass die afghanische Armee ihre Leistungsfähigkeit gesteigert habe. Und auch die Zahl der getöteten Zivilisten durch Nato-Bombardements ist gesunken. Aber das wird den Krieg nicht entscheiden. Ob die von McChrystal wochenlang angekündigte Großoffensive gegen die Taliban-Hochburg Kandahar überhaupt noch zustande kommen wird, ist ungewiss. Viel Zeit bleibt dem 55-Jährigen nach seinen eigenen Vorgaben aber nicht mehr. Innerhalb von zwölf Monaten, so hatte er es angekündigt, müsse es sichtbare Fortschritte geben.

Trotzdem ist McChrystals Bilanz nicht so schlecht, als dass man ihn einfach vom Feld schieben und ersetzen könnte. Obamas Dilemma besteht darin, dass die gegenwärtige Phase des Afghanistan-Kriegs mit der Person McChrystal eng verknüpft ist. Ihn abzulösen hieße womöglich, gerade erst abgeschlossene Debatten wieder anzufeuern. Angesichts der für Juli geplanten großen Afghanistan-Konferenz, die den Stempel des Generals trägt, birgt diese Option große politische Risiken. Womöglich so große, dass Obama die wüsten Entgleisungen McChrystals lediglich mit einem Rüffel quittieren wird.

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