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Äthiopien: Auf der Flucht, ein Leben lang

Foto: Maheder Haileselassie

Äthiopien Auf der Flucht, ein Leben lang

Nur ein Bruchteil der Flüchtlinge aus Afrika, die nach Europa wollen, erreichen ihr Ziel. Die meisten verlassen niemals ihren Kontinent. Äthiopien hat eine Million Menschen aufgenommen - doch die meisten wollen weiter.

Mupenzi Nkera ist sein Leben lang auf der Flucht. Als Kind schon musste er seine Heimat, den Kongo, verlassen, es herrschte Bürgerkrieg. Heute ist Mupenzi 24 Jahre alt und lebt in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens. Er hätte nie gedacht, einmal ausgerechnet hier zu landen.

Es geht ihm nicht schlecht: Er hat eine kleine Wohnung und einen Job: Er repariert Fernseher. Mupenzi könnte hier bleiben. Aber wenn es nach ihm geht, ist seine Flucht noch lange nicht zu Ende.

Äthiopien - für die meisten ein Zwischenstopp

Weltweit gibt es 68,5 Millionen Flüchtlinge, so viele wie noch nie. Die meisten erreichen niemals Europa oder einen anderen sicheren Erdteil. Laut UNHCR finden 85 Prozent von ihnen Zuflucht in Entwicklungsländern, die selber weder reich noch krisenfest sind.

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Äthiopien: Auf der Flucht, ein Leben lang

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Zum Beispiel Äthiopien, ein armes Land in einer noch ärmeren Nachbarschaft: Fast eine Million Flüchtlinge leben zurzeit hier. Kaum ein anderes afrikanisches Land hat so viele Menschen aufgenommen. Sie kommen aus Djibouti, Eritrea, Somalia und dem Sudan. Für fast alle ist Äthiopien nur ein Zwischenstopp. Sie wollen weiter, in den Westen, nach Europa. Wie viele sich tatsächlich auf den Weg über das Mittelmeer machen werden, wird auch davon abhängen, ob es Äthiopien gelingt, diese Menschen zu integrieren.

Mupenzi lebt schon seit zwei Jahren in Addis, aber er schafft es einfach nicht, Amharisch zu lernen. Wenn er von seiner Heimat, dem Kongo erzählt, spricht er Englisch. Französisch, sagt er und entschuldigt sich dafür, habe er in den Jahren seiner Flucht vergessen. Mupenzi ist ein kleiner Mann, so höflich, dass er sich verbeugt, wenn er jemandem die Hand gibt. Er will unbedingt seine Geschichte erzählen, aber schon beim zweiten Satz bricht er in Tränen aus. "Sie haben meine Mutter erschossen", sagt er. "In der Nacht sind die Feinde gekommen und haben sie umgebracht." Mupenzi weiß nicht, wer diese Feinde waren. Vermutlich, sagt er, gehörten sie zu einem feindlichen Stamm. "Lauf!", rief seine Mutter. Er war elf Jahre alt. Er hörte noch die Schüsse, als er mit seinem Vater durch die Dunkelheit floh.

Ein sicheres, aber auch hartes Leben

Wenige Monate später starb auch Mupenzis Vater. Wieder wusste er nicht, wer die Männer waren, die ihn erschossen. Mit seinem älteren Bruder floh Mupenzi erst nach Uganda, dann nach Kenia. 2010 erreichten sie nach vier Jahren Flucht Äthiopien. Er und sein Bruder wurden in ein Camp gebracht. So geht es fast allen Flüchtlingen hier.

Insgesamt leben über 900.000 Menschen in solchen Camps an den Grenzen. Der UNHCR, die Flüchtlingsorganisation der UNO, betreibt sie gemeinsam mit der äthiopischen Regierung. Die Menschen schlafen zu mehreren in Zelten. Es gibt das Nötigste: Medizin, Trinkwasser, Schlafplätze. Wöchentlich werden Nahrungsrationen ausgegeben: ein Sack Reis, Mehl, ein Kanister Öl. Tagsüber suchen Hunderttausende nach Feuerholz, nachts qualmen Zehntausende Kochfeuer.

Mupenzi und sein Bruder blieben hier sieben Jahre lang. 2017 bekamen sie die Erlaubnis, das Camp zu verlassen. Seitdem leben sie in Addis. Mupenzi sagt, er sei froh hier zu sein, die Äthiopier hätten ihn aufgenommen und er fühle sich sicher. Aber: "Das Leben ist auch hart". Er hat sehr wenig Geld und keine Chance auf Bildung. Jeden Sonntag betet er für eine bessere Zukunft. "Wenn Gott will", sagt Mupenzi und faltet dabei die Hände wie zum Gebet, "werde ich nach Europa gehen. Vielleicht nach Skandinavien."

Arbeiten und leben außerhalb der Camps

"Dieser Traum vom Westen ist das größte Problem bei der Integration", sagt Mahlet Kinfe. "Niemand kann in Äthiopien ein neues Zuhause aufbauen, wenn er nur darauf wartet weiterzuziehen." Mahlet arbeitet für ZOA, eine niederländische NGO, die Integrations- und Weiterbildungskurse für Flüchtlinge anbietet. Noch leben 90 Prozent der Flüchtlinge in den Camps. Sie spielen im äthiopischen Alltag kaum eine Rolle. Doch das wird sich bald ändern. Im Januar hat das Parlament ein neues Gesetz verabschiedet. In Zukunft dürfen Flüchtlinge auch außerhalb der Camps leben und arbeiten. Dieses Gesetz gilt als eines der fortschrittlichsten in Afrika. Aber es bedeutet auch, dass Äthiopien eventuell fast eine Million Menschen integrieren muss. "Eine beinahe unlösbare Aufgabe", sagt Mahlet.

Wenn es jemandem leicht fallen sollte, in Äthiopien eine neue Heimat zu finden, dann Samar Murat. Sie ist vor vier Jahren aus dem Jemen nach Addis Abeba geflohen. Samar ist 23, eine junge Frau mit Kopftuch, die kerzengerade auf ihren Stuhl sitzt, die kleine Handtasche auf dem Schoß. Vor allem aber ist sie Halbäthiopierin. Sie spricht perfekt Amharisch, ihre Familie lebt in Addis. Trotzdem will auch Samar nicht hier bleiben. Ihr neues Leben ist ärmer und härter als das im Jemen - vor dem Krieg.

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Samar ist in Sanaa aufgewachsen, der Hauptstadt des Landes. "Wir hatten ein schönes Haus, einen Garten, jeder von uns hatte sein eigenes Zimmer." Ihr Vater, sagt sie, habe sich um alles gekümmert. Als die ersten Bomben fielen, kümmerte er sich auch um die Flucht der Familie. Nachts packte er seine Frau und Kinder ein und fuhr mit ihnen ans Meer. Dort wartete das Boot, das sie nach Djibouti übersetzen sollte. "Als mein Vater es sah", sagt Samar, "protestierte er." Es erschien ihm zu klein und zu kaputt. Aber in diesem Moment schlugen nur wenige Kilometer entfernt Fliegergranaten ein, Flammen schossen in die Höhe, und Samar und ihrer Familie blieb nichts anderes übrig, als ihr Leben dem Boot und den Schleppern anzuvertrauen.

Flüchtlinge im eigenen Land

Samars Familie musste nie in einem Camp schlafen, ihre äthiopischen Verwandten bürgten für sie. Arbeiten durfte ihr Vater dort aber nicht. Die Familie bekam eine Art Sozialwohnung zugeteilt. Samar ging nicht mehr zur Schule, ihr Vater irgendwann zurück in den Jemen. Ihre Mutter verließ kaum noch die Wohnung. Samar kümmerte sich nun um ihre jüngeren Geschwister. Sie hat bei ZOA eine Gruppentraumatherapie gemacht und nähen gelernt. Sie wäre gerne Designerin, und zwar im Westen, am liebsten in Kanada. "Ich habe gehört, dort sind Muslime willkommen." Genau zu sagen, warum sie in Äthiopien keine Zukunft sieht, fällt ihr schwer. Hier ist sie sicherer als im Jemen. Aber die Wahrheit ist: Äthiopien ist eines der ärmsten Länder der Welt.

"Viele Menschen in Europa glauben, Äthiopien sei ein stabiles Land", sagt René Vlug, Landesdirektor von ZOA. Die Wirtschaft wächst, in der Hauptstadt bauen sie Wolkenkratzer und der neue Premier, Abiy Ahmed, gilt als Obama Afrikas. Aber der Fortschritt hat vor allem die Hauptstadt erreicht. "Die meisten Gegenden, gerade die Grenzregionen, sind arm und abgeschieden", sagt Vlug. Hinzu kommt: Überall im Land nehmen die Spannungen zwischen den Volksgruppen zu. Amhara und Oromo, Tigray und Somali kämpfen um mehr Macht und im Falle der Oromo sogar für einen eigenen Staat.

Bereits jetzt leben in Äthiopien mehr als drei Millionen Menschen, die durch die Konflikte auf dem Land ihr Zuhause verloren haben. Diese IDPs, Internally Displaced Persons, sind Flüchtlinge im eigenen Land. Kein Staat der Welt hat so viele IDPs wie Äthiopien. Ihre Lage könnte sich durch den Strom der Flüchtlinge aus den Nachbarländern noch verschlimmern. "Viele Flüchtlinge, vor allem die aus Eritrea und Somalia, gehören zu Volksgruppen, die es auch in Äthiopien gibt", sagt Vlug. "Wenn immer mehr von ihnen kommen, verändern sie dadurch das Machtgleichgewicht."

"Trump hat keine Lust auf Muslime"

"Mir ist völlig egal, wer zu welcher Volksgruppe gehört", sagt Nabiha Abdi, auch sie ein Flüchtling.

Mit der Fliegerbrille und dem schwarzen Spitzenhidschab sieht sie aus wie eine arabische Soap-Darstellerin. Sie ist erst 23, aber sie spricht abgeklärt. Die ersten 13 Jahre ihres Lebens verbrachte sie hinter den Mauern ihres Elternhauses. Denn draußen herrschte Krieg. Nabiha ist in Mogadishu aufgewachsen, der Hauptstadt Somalias. Eines abends vor zehn Jahren kam ihr Vater nach Hause und sagte: "Packt alles zusammen, wir verlassen das Land." Drei Tage lang versteckte die Familie sich zwischen den Waren eines Lastwagens. Nabiha sagt: "Es war dunkel. Wir hatten alle Angst." Drei Mal wurden sie angehalten und kontrolliert. Jedes Mal blieben sie unentdeckt. Dann erreichten sie Äthiopien.

Inzwischen leben die Abdis in "Klein-Somalia", einem Viertel von Addis Abeba. Nabihas Freunde sind aber ausschließlich Äthiopier. "Mit Somalis will ich nichts mehr zu tun haben", sagt sie und macht eine wegwerfende Geste. Sie hat einen sieben Monate alten Sohn aus einer gescheiterten Beziehung. Er soll es einmal besser haben. Nabiha will weg hier. Schon fünf Mal hat sie sich um eine Ausreise in die USA beworben. "Aber Trump hat keine Lust auf Muslime." Sie werde es weiter versuchen. "Irgendwann klappt es."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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