AfD-Besuch in Griechenland Kofferschleppen in Athen

Die PR-Tour der AfD-Spitzentruppe nach Athen ist ein Flop, die meisten griechischen Politiker haben keine Zeit für die Eurogegner. Ihr Ziel hat Frauke Petry dennoch erreicht.

In diesen Tagen feiert die CDU ihren 70. Geburtstag. Sollte die Alternative für Deutschland, derzeit zwei Jahre alt, auch einmal dieses Jubiläum erreichen, wäre Frauke Petry 108 Jahre alt - aber an ihre erste Auslandsreise mit der Partei nach Athen würde sie sich sicher noch erinnern. Ausgerechnet in der heißesten Phase der Eurokrise reist die AfD-Sprecherin mit drei Parteikollegen nach Griechenland: mit Bundesvorstand Alexander Gauland, NRW-Chef Marcus Pretzell und der EU-Abgeordneten Beatrix von Storch.

Die Reise sollte ein PR-Coup gegen Petrys internen Rivalen Bernd Lucke sein. Schnell wird klar: Der Plan geht nicht auf. Alle höherrangigen Griechen sind vollauf mit der Eurokrise beschäftigt, sodass der Erkenntniswert der Reise nach dem ersten Tag gegen null geht. Noch dazu rutscht die Tour mehrmals ins blanke Chaos ab. Würde die Zentrale der 70-Jahres-Partei CDU ihrem Vorstand so einen Trip organisieren, würden anschließend wohl Köpfe rollen.

Doch in der AfD gelten eben andere Bewertungsmaßstäbe. Frauke Petry hat geahnt, dass der Trip "volatil" würde, gibt sie abends beim Wein zu. Entscheidend ist, dass jedes AfD-Mitglied sehen kann: Die Chefin war in Athen. Der Co-Chef Lucke nicht.

Fotostrecke

AfD: Eine tief gespaltene Partei

Foto: Jens Büttner/ dpa

Dafür mutet Petry sich und ihrer Truppe viel zu. Für die Delegation gibt es keinen organisierten Transport, stattdessen wuchten die Eurogegner ihr Gepäck selbst in Taxis, müssen sich ständig am Handy koordinieren. "Wo seid ihr?" - "Wohin jetzt?" - "Hat jemand die Adresse?" sind die Leitfragen dieser Odyssee. Ständig werden Termine mit griechischen Politikern und Managern der vierten oder fünften Garde abgesagt, verschoben, an andere Orte verlegt.

Noch dazu muss die Delegation am ersten Tag ihre Koffer bei 28 Grad Hitze mit sich schleifen, da das Programm sonst nicht einzuhalten wäre. Nicht nur für den über 70-jährigen Alexander Gauland, der mit einem Eisenbahnkoffer (Made in USA) aus dem vergangenen Jahrhundert angereist ist, eine Zumutung. Irgendwann will eine erschöpfte Beatrix von Storch, zu warm eingepackt im grünen Nadelstreifenanzug, aus der Gruppe ausbrechen ("Ich fahr jetzt ins Hotel!"), wird aber von Petry zum Bleiben verdonnert.

Nach ihrem ersten Stopp in der Asylbehörde berichten die AfDler, die Griechen müssten jedes Jahr 16.000 Flüchtlinge bewältigen, schafften die Verfahren in drei Monaten und würden abgelehnte Asylbewerber auch konsequent abschieben. Für diese Zahlen hätte wohl auch ein Telefonat aus dem kühlen Deutschland genügt.

Beim nächsten Stopp verschwindet die Delegation in einem baufälligen Gebäude, wo angeblich ein Mittelständler wartet, der von den Schwierigkeiten griechischer Unternehmen in Zeiten der Krise berichtet. Der Herr wolle aber anonym bleiben, heißt es, daher ist auch dieser Termin nicht öffentlich.

"Arbeiten, arbeiten, arbeiten"

Die Botschaft in Athen spielt eine heikle Rolle in dem Chaos. Die Themen und der Ton der Eurogegner, vor allem ihr beharrlicher Ruf nach einem Grexit, dürften den Diplomaten nicht angenehm sein. Hätte der Ständige Vertreter Deutschlands, Klemens Semtner, dieser Partei ein hochkarätiges Programm zusammengestellt, dürfte das daheim im Auswärtigen Amt nicht gut ankommen. Aber die Delegation besteht nun einmal aus zwei Landtags- und zwei Europaabgeordneten, denen man nicht die Tür weisen kann. Es gibt andere Wege, den Besuch möglichst versteckt zu halten: Zu allen von der Botschaft vermittelten Terminen haben Journalisten keinen Zugang.

Ein nach AfD-Angaben angeblich versprochener kleiner Empfang in der Botschaft mit "normalen Griechen" entpuppt sich als Spaziergang durch das Stadtviertel Nea Smyrni, wo der normale Grieche in freier Wildbahn angesprochen werden muss. Als die Delegation mit 1,5 Stunden Verspätung am Treffpunkt auftaucht, verabschiedet sich die Stadtführerin schon wieder: Sie habe noch Termine.

Aber Frauke Petry ist beharrlich, mit drei Kamerateams im Schlepptau nähert sie sich den Griechen. Dieser Programmpunkt funktioniert: Die Leute geben freundlich und geduldig Auskunft. Vielleicht auch deshalb, weil die Buchstaben AfD niemandem etwas sagen. Ein Teenager erkundigt sich nach dem Gespräch, auf welchem Sender denn das Interview mit der netten Journalistin laufen werde.

Beatrix von Storch und Marcus Pretzell sprechen eine Familie an einem Restauranttisch an und werden spontan zum Essen eingeladen. Petry treibt Dimitris Kaloutas auf, einen ehemaligen Abgeordneten im griechischen Parlament. Was aus seiner Sicht die Lösung der Eurokrise sei, erkundigt sie sich bei dem 61-Jährigen. "Arbeiten, arbeiten, arbeiten", sagt der Mann kryptisch.

Am Ende eines anstrengenden Tages ist Petry deshalb doch zufrieden, denn ihre Mission ist erfüllt: Sie kann jetzt auf dem Parteitag berichten, dass sie, anders als ihr zahlenfixierter Rivale Lucke, nicht nur die griechische Schuldentilgungsquote berechnen kann, sondern weiß, was den Athener Taxifahrer oder die junge Mutter von zwei Kindern umtreibt. Zwar urlaubt Familie Petry regelmäßig auf Kreta, wie sich nun herausstellt, aber dort scheinen sich die Griechen politischen Debatten entzogen zu haben.


Zusammengefasst: Die innerparteilich umstrittene Reise von AfD-Co-Chefin Frauke Petry ist chaotisch verlaufen. Viele Gesprächstermine platzten oder wurden verschoben, hochkarätige Entscheidungsträger traf die kleine Delegation gar nicht. Im Machtkampf mit Bernd Lucke hat Petry dennoch Akzente gesetzt und kann sich mit der Reise nun vor dem Parteitag brüsten.