Afghanische Flüchtlinge Unicef befürchtet Hungerkatastrophe

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef ruft dringend zu Spenden für notleidende Kinder und Flüchtlinge in Afghanistan auf. Nur so könne eine humanitäre Katastrophe vermieden werden, sagte ein Unicef-Mitarbeiter am Donnerstag in Berlin. Schon jetzt benötigten rund 7,5 Millionen Afghanen dringend Hilfe.

Von Daniel Meuren


Rund 1,5 Millionen Kinder unter fünf JAhren sind unter den besonders betroffenen Afghanen
REUTERS

Rund 1,5 Millionen Kinder unter fünf JAhren sind unter den besonders betroffenen Afghanen

Berlin - Der Sonderbeauftragte der Unicef für Afghanistan, Nigel Fisher, sagte, dass sich bereits Hunderttausende Afghanen wegen des drohenden Krieges auf der Flucht befänden. Im schlimmsten Fall einer längeren Militäraktion gegen das Taliban-Regime rechnet die Unicef mit mindestens 3,5 Millionen Menschen, die ihren Wohnort in den Ballungszentren des 25-Millionen-Landes verlassen werden. Darunter seien rund 20 Prozent Kinder, denen vor ihrem fünften Geburtstag ein grausamer Tod drohe.

Rund 1,5 Millionen Afghanen werden es nach Ansicht von Fisher über die Grenzen ihres Heimatlandes in die Nachbarstaaten schaffen, wenn die Hilfsorganisationen denn dort die Voraussetzungen für die Aufnahme der Flüchtlinge herstellen und die Regierungen von Pakistan, Iran, Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan überzeugen können, die Flüchtlinge aufzunehmen. Derzeit hätten diese Staaten ihre Grenzen weitgehend abgeriegelt aus Furcht vor einer humanitären Katastrophe in ihren Ländern. Auf dem Weg über die "grünen Grenzen" lauerten zudem Gefahren durch Tretminen. Besonders an der von afghanischer Seite dicht verminten Grenze zu Pakistan ereigneten sich derzeit täglich rund hundert schwere Unfälle, sagte ein Unicef-Sprecher.

Hilfe auf Esel-Rücken

Deshalb bemüht sich die Kinderhilfsorganisation derzeit vor allem darum, Hilfsmittel wie Zelte, Decken, Winterkleidung und Medikamente zu den geschätzten rund 7,5 Millionen Hilfsbedürftigen in Afghanistan zu bringen. Die ersten vier Konvois seien seit dem vergangenen Samstag von Peschawar aus mit rund 500 Tonnen Hilfsgütern auf dem Weg in die größten afghanischen Städte Kabul, Dschalalabad, Herat und Kandahar, sagte Fisher. Ein fünfter Konvoi hat sich auf den Weg über den bis zu 4000 Meter hohen Schah-Salim-Pass gemacht und soll am Donnerstag in Afghanistan eintreffen. Die rund 200 Tonnen Hilfsgüter würden die letzten 40 Kilometer angesichts des unwegsamen Geländes auf den Rücken von rund 800 Eseln transportiert, berichtete Fisher.

Diese Flüchtlinge transportieren Wasser in ihr Flüchtlingslager nahe der Grenze zu Pakistan
DPA

Diese Flüchtlinge transportieren Wasser in ihr Flüchtlingslager nahe der Grenze zu Pakistan

Unicef braucht 24 Millionen Dollar an Spenden

Die Hilfskonvois finanziert die Unicef derzeit vorrangig aus eigenen Ressourcen, da es bislang lediglich Zusagen einiger Staaten in Höhe von rund 12 Millionen Dollar gebe. Nach Angaben Fishers würden aber insgesamt mindestens 36 Millionen Dollar benötigt. Der Großteil der Summe müsse weltweit durch Spenden aufgebracht werden. Derzeit sei die Spendenbereitschaft noch nicht so groß, weil die Bilder fehlten, mit denen das Elend der Flüchtlinge in den Medien dokumentiert werden könnte, sagte ein Unicef-Mitarbeiter. In Afghanistan selbst sei jegliche Berichterstattung untersagt, aber auch die pakistanischen Behörden verböten Aufnahmen aus den Flüchtlingslagern in ihrem Land. Sie befürchteten offensichtlich, weltweit könne der Eindruck entstehen, dass der Staat nicht in der Lage sei, den Menschen zu helfen.

Nur noch sechs Wochen bis zum Beginn des afghanischen Winters

"Wir rechnen mit dem Schlimmsten und hoffen, dass es nicht passiert", sagte Fisher zu den Erwartungen der internationalen Hilfsorganisationen für die nächsten Wochen. Es werde außerordentlich schwierig sein, vor allem den erwarteten rund zwei Millionen inländischen Flüchtlingen rechtzeitig Hilfe zukommen zu lassen. Denn Mitte November breche der harte afghanische Winter mit Temperaturen bis zu minus 25 Grad an. Das bedeute, dass die Hilfsgüter in den nächsten sechs Wochen die Menschen erreichen müssten, wenn ein Desaster verhindert werden soll.

Unicef kann derzeit weitgehend ungehindert arbeiten

Flüchtlinge auf dem Weg zur Grenze nach Pakistan
REUTERS

Flüchtlinge auf dem Weg zur Grenze nach Pakistan

Nachdem sämtliche ausländische Helfer nach deutlichen Drohungen der Taliban Afghanistan verlassen hätten, verfüge die Unicef derzeit noch über rund 70 afghanische Mitarbeiter in fünf Zentren, die über das Land verteilt seien, sagte Fisher. Nach anfänglichen Schwierigkeiten könnten sie derzeit auf Grund des Einflusses gemäßigter Taliban-Vertreter wieder weitgehend ungehindert ihrer Arbeit nachgehen. Sie dürften zwar nicht eigene Telefone verwenden, aber immerhin von Büros der Taliban aus in deren Sprache mit Unicef-Mitarbeitern in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad sprechen, um die Hilfe zu koordinieren.

Spendenkonto der Unicef: Kontonummer 300 000, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00, Stichwort: Flüchtlingshilfe Afghanistan.

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