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18. März 2012, 18:35 Uhr

Amoklauf bei Kandahar

Afghanen glauben nicht an Einzeltäter-These

Das Parlament in Kabul widerspricht den Amerikanern: Die Abgeordneten kommen zu dem Schluss, dass hinter dem Massaker an Zivilisten kein Einzeltäter steckt, sondern ein Dutzend US-Soldaten. Sie hätten gelacht, seien betrunken gewesen und hätten Leichen anschließend verbrannt.

Kabul - Das US-Militär spricht von einem Einzeltäter, doch in Afghanistan hält sich hartnäckig die These, dass es eine Gruppe von US-Soldaten hinter dem Amoklauf von Najib Yan steht. Nun hat auch das Parlament in Kabul offiziell der Darstellung der Amerikaner widersprochen. Die Abgeordneten gehen davon aus, dass es sich nicht um einen Einzeltäter handelt.

"Mehr als ein Dutzend Soldaten (...) haben Dorfbewohner getötet und dann die Leichen verbrannt", sagte der Abgeordnete Nahim Lalai Hamidsai aus Kandahar am Sonntag. Das habe die Untersuchung einer Parlamentskommission ergeben, der Hamidsai angehört. "Alle Dorfbewohner, mit denen wir gesprochen haben, sagten, dass 15 bis 20 Männer da waren."

Aus Hamidsais Sicht sprechen auch die unterschiedlichen Orte des Massakers gegen die Einzeltäter-These. Eines der Häuser, in dem Zivilisten getötet worden seien, liege nördlich der US-Basis, von der aus der oder die Täter kamen, sagte der Abgeordnete. "Die anderen zwei (Häuser) sind in einem anderen Dorf südlich der Basis. Zwischen der Basis und den Häusern liegen mindestens vier Kilometer."

Bei dem Massaker waren am Sonntag vergangener Woche nach afghanischen Regierungsangaben 16 Zivilisten getötet worden, darunter neun Kinder. Die USA verdächtigen einen 38 Jahre alten Unteroffizier namens Robert Bales, der nach einem Bericht der "New York Times" inzwischen in ein Militärgefängnis im US-Bundesstaat Kansas gebracht wurde. Das Parlament in Kabul hatte ein öffentliches Verfahren gegen den US-Soldaten in Afghanistan verlangt.

Bereits vor einer Woche hatte ein Reporter der Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass Augenzeugen von mehreren beteiligten US-Soldaten gesprochen hatten. In den afghanischen Medien hält sich die These, dass eine ganze Gruppe von betrunkenen und lachenden US-Soldaten mordend durch das Dorf gezogen seien. Später hätten sie die Leichen mit Chemikalien übergossen und angesteckt.

Unabhängig vom Wahrheitsgehalt solcher Meldungen werden in Afghanistan Nachrichten durch Mundpropaganda weitergeben und auf diesem Weg immer weiter ausgeschmückt und dramatisiert. Dass nun auch das Parlament sich dieser Einschätzung angeschlossen hat, dürfte die Gruppen-These weiter stärken.

Angesichts der Bluttat forderte das Parlament Präsident Hamid Karzai auf, ein Abkommen aufzulösen, das ausländische Soldaten vor Strafverfolgung durch afghanische Behörden schützt. Die Resolution sei einstimmig verabschiedet, von Karzai aber bislang nicht unterzeichnet worden, sagte Hamidsai. Bislang werden Straftaten in den jeweiligen Truppenstellernationen verfolgt.

fab/dpa/Reuters

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