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13. Mai 2007, 12:07 Uhr

Afghanistan

Afghanische Behörden präsentieren Dadullahs Leiche

"Alles Propaganda" - mit Vehemenz bestreiten die Taliban den Tod ihres Militärchefs Dadullah. Die Behörden wollen jeden Zweifel ausräumen: Journalisten zeigten sie den Leichnam des blutrünstigen Rebellenführers, der Anschläge und Geisel-Ermordungen angeordnet hat. Die Isaf bestätigte seinen Tod.

Kandahar - Die afghanischen Behörden haben Medienvertretern den angeblichen Leichnam des Taliban-Führers Mullah Dadullah präsentiert. Rund dreißig Journalisten wurden in einem Raum des Amtssitzes des Gouverneurs von Kandahar gebracht, wo ihnen ein blutiger und von Kugeln durchlöcherter Leichnam gezeigt wurde, bei dem es sich um Dadullah handeln soll. Seine Gesichtszüge ähneln denen des berüchtigten Taliban-Kommandeurs. Der Leiche fehlt ein Bein - eines der Merkmale Dadullahs.

Am Mittag bestätigte ein Sprecher der Internationalen Schutztruppe Isaf: Mullah Dadullah sei bei einer Operation der US-geführten Koalitionstruppen in Südafghanistan getötet worden. Die Nato-geführte ISAF habe die Operation unterstützt. Der Rebellenführer "wird ganz sicher mit der Zeit ersetzt werden, aber der Aufstand (der Taliban) hat einen schweren Schlag erlitten".

Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid hatte den Tod Dadullahs zuvor dementiert. "Das ist nicht mehr als Propaganda." Das afghanische Innenministerium und der Gouverneur von Kandahar erklärten, der Taliban-Führer sei bei einem Einsatz in der Provinz Helmand getötet worden. Sie präsentierten die Leiche, um Zweifel auszuschließen.

Denn Irrtümer hatte es im Falle Dadullah bereits mehrfach gegeben:

Der blutrünstige Taliban-Kommandeur war etwa 40 Jahre alt, groß gewachsen und hatte einen tiefschwarzen Bart. Während eines Kampfes in den neunziger Jahren hatte Mullah Dadullah ein Bein verloren. Einer Falle des Warlords Dostum, der Tausende Taliban in die Nähe von Kunduz lockte und dort umbrachte, entkam Dadullah vor einigen Jahren.

Der Kämpfer ist im März 2003 vom Obersten Rat der Taliban als Militärchef im Süden des Landes eingesetzt worden. In dieser Region Afghanistans ist der Widerstand gegen die internationale Afghanistan-Truppe (Isaf) besonders stark.

Drohungen wahr gemacht

Mullah Dadullah war berüchtigt für seine Brutalität: Immer wieder tauchte der Taliban-Führer in Videos auf, ließ Geiseln vor laufender Kamera enthaupten. Im Februar verkündete Dadullah die Frühjahrsoffensive der Taliban gegen die ausländischen Truppen in Afghanistan. Er würde 6000 Freiwillige für Selbstmordanschläge befehligen, der Angriff stehe unmittelbar bevor. Die Mission seiner Kämpfer beschrieb Dadullah gegenüber Journalisten des Fernsehsenders Al-Dschasira als "Blutbad der Besatzer".

Nach Einschätzung von Terror-Experten waren Dadullahs Ankündigungen keine Propaganda. Fast alle seine Drohungen habe der Mann wahr gemacht, erklärte kürzlich ein westlicher Anti-Terror-Agent. Im vergangenen Jahr hatte Dadullah das erste Mal mit einer Welle von Selbstmordanschlägen gedroht. Ende 2006 musste die CIA fünfmal mehr solcher Attentate als im Vorjahr verzeichnen.

Zuletzt war der italienische Journalist Daniele Mastrogiacomo von Dadullahs Leuten entführt worden. Mastrogiacomos Fahrer und sein Übersetzer wurden von den Taliban ermordet. Mastrogiacomo selbst kam nach einem Gefangenen-Handel mit den Taliban frei - unter den von den Behörden freigelassenen Taliban soll auch Dadullahs Bruder gewesen sein. Die italienische Hilfsorganisation Emergency hatte erklärt, direkt mit Dadullah über den Deal verhandelt zu haben. Dadullah brüstete sich anschließend mit dem Geisel-Austausch.

Indirekt kündigte Mullah Dadullah auch weitere Entführungen von westlichen Journalisten an. Jeder Reporter, der ohne Genehmigung der Taliban im Süden des Landes recherchiere, werde "festgenommen".

Im März hatte Dadullah bestritten, dass Osama Bin Laden tot ist. "Wir wissen, dass er noch lebt", sagte Dadullah in einem vom britischen Sender Channel 4 ausgestrahlten und übersetzten Video über Bin Laden. "Er ist noch kein Märtyrer geworden." Zwar habe er selber Bin Laden seit dessen Flucht und dem Sturz des Taliban-Regimes in Afghanistan Ende 2001 nicht getroffen, sagte Dadullah. Die Taliban kämpften aber Schulter an Schulter mit den "Kameraden" des weltweit meistgesuchten Terroristen. "Sie halten uns auf dem Laufenden."

jul/anr/mge/AFP/rts

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