Afghanistan Aufmarsch der Märtyrer-Brigaden

Während US-Präsident Bush die Welt auf seinen Irak-Krieg einstimmt, bildet sich in Afghanistan eine bedrohliche zweite Front. Gulbuddin Hekmatjar, einer der brutalsten Gotteskrieger, stellt eine Allianz aus Selbstmordattentätern, Taliban-Anhängern und Terror-Söldnern zusammen. Die Zweifel mehren sich, ob die USA und ihre Verbündeten den Frieden in Afghanistan aufrechterhalten können.

Von Alexander Schwabe


Gulbuddin Hekmatjar: Heiliger Krieg gegen die USA
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Gulbuddin Hekmatjar: Heiliger Krieg gegen die USA

Hamburg - Es begann mit einer kleinen Schießerei, am Ende fielen 900-Kilogramm-Bomben. Irgendwo in den Bergen im Südosten Afghanistans, etwa 25 Kilometer nördlich von Spin Boldak nahe der pakistanischen Grenze, durchsuchten US-Soldaten und regierungstreue Afghanen ein mit einer Lehmmauer umgebenes Gelände. Plötzlich wurde auf sie geschossen. Als die Soldaten der Anti-Terror-Koalition das Feuer erwiderten, wurde einer der Angreifer getötet, ein weiterer verwundet und einer festgenommen.

Den Amerikanern gelang es, wichtige Informationen aus dem Gefangenen herauszuquetschen. Nun wussten sie, dass sich eine große Anzahl bewaffneter Männer in den nahen Bergen zusammengezogen hatte. Apache-Hubschrauber, die ins Gebirge geschickt wurden, um die Gegend zu erkunden, gerieten in leichtes Feuer.

Die Befehlshaber der Anti-Terror-Allianz zogen andere Register: B-1-Bomber warfen 19 Bomben auf die Stellungen der Feinde, jede 900 Kilogramm schwer. Ein Kampfflugzeug vom Typ F-16 warf zwei 225-Kilogramm-Bomben auf die Aufständischen ab, die sich teils in Höhlen verschanzt hielten. Und Hubschrauber nahmen die rund hundert Widerstandskämpfer mit Raketen und Gewehrfeuer unter Beschuss. Dabei soll es mindestens 18 Tote auf Seiten der Rebellen gegeben haben.

Thunderbolt auf dem US-Stützpunkt Bagram nahe Kabul
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Thunderbolt auf dem US-Stützpunkt Bagram nahe Kabul

Die Amerikaner waren von der Gegenwehr keineswegs überrascht worden. "Wir hatten Berichte über Gruppen, die versuchen, sich zusammenzuschließen, um die Koalition anzugreifen. Die Informationen über die Anzahl der Bewaffneten waren unterschiedlich", sagte US-Militärsprecher Roger King auf der Bagram-Airbase nahe Kabul nach dem schwersten Gefecht seit der Operation Anaconda im März vergangenen Jahres, als amerikanische und britische Eliteeinheiten die Bergfestung Schah-i-Kot ins Visier nahmen.

30 von rund 160 Höhlen hat die Allianz am Ort der jüngsten Gefechte bisher durchsucht. Dabei wurden zwei Gegner festgenommen, 107-Millimeter-Raketen und andere Waffen gefunden. Ein afghanischer Sicherheitsbeamter sagte in Spin Boldak, es seien auch "geheime Dokumente" sichergestellt worden und Listen mit Hunderten von Namen potenzieller Gegner, die sich in pakistanischen Städten aufhalten.

Kampf mit der Hydra

Das jüngste Gefecht und die Funde sind Indizien dafür, dass der Feldzug der Amerikaner in Afghanistan zu einem Kampf zu werden droht, wie ihn der griechische Held Herakles mit der neunköpfigen Sumpfschlange ausfocht, deren abgeschlagene Köpfe doppelt nachwuchsen. Je länger die Truppen der westlichen Anti-Terror-Allianz das Land auf der Suche nach al-Qaida-Kämpfern umkrempeln, desto mehr Feinde scheinen ihnen zuzuwachsen.

Derzeitig führender Kopf der Hydra: Gulbuddin Hekmatjar, 52. Dieser Paschtune aus der Provinz Kundus im Norden Afghanistans hat schon die Russen in jahrelangen Kämpfen zermürbt und aus Afghanistan getrieben. Nun hat er dies offenbar mit den Amerikanern vor, die Gefahr laufen, sich in einen Guerilla-Krieg zu verstricken.

Afghanistan: Tote Taliban-Kämpfer nach der Schlacht um Schah-i-Kot
REUTERS

Afghanistan: Tote Taliban-Kämpfer nach der Schlacht um Schah-i-Kot

Bereits Anfang vergangenen Jahres hatte Hekmatjar, der vermutlich von Islamisten des pakistanischen Geheimdienstes ISI unterstützt wird, zum Widerstand gegen die ausländischen Truppen und das "Marionetten-Regime" in Kabul aufgerufen. Inzwischen ist es Hekmatjar offenbar gelungen, verstreute Taliban und vertriebene al-Qaida-Leute, sympathisierende Paschtunen und frühere Kampfgefährten um sich zu scharen, um eine Allianz gegen die Amerikaner und die von ihnen eingesetzte Regierung von Präsident Hamid Karzai zu schmieden.

Trainingscamps für Selbstmord-Attentäter

Naseer Ahmad Rohi, ein ehemaliger Taliban-Diplomat, bestätigt dies. Der pakistanischen Tageszeitung "Dawn" sagte er jüngst: "Sie waren sich einig, Afghanistan befreien zu wollen." Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Vergangenen September sagte Salauddin Safi, einer von Hekmatjars Befehlshabern, der Nachrichtenagentur AP, versprengte Taliban-Anhänger - einst erbitterte Gegner Hekmatjars - und einige von dessen Kriegern hätten sich zu der Einheit "Lashkar Fedayan-e-Islami" (Islamische Märtyrer-Brigade) zusammengeschlossen. Hekmatjar bilde die Männer zu Selbstmord-Attentätern aus, um amerikanische Stützpunkte und Regierungstruppen in die Luft zu jagen.

Die Ausbildungscamps sollen in den Urgun-Bergen liegen, nur rund 350 Kilometer nordöstlich vom jüngsten Kampfschauplatz und dem nahegelegenen Spin Boldak, wo ein großes Kontingent von Anti-Terror-Streitkräften stationiert ist. "Offensichtlich ein Ziel", räumt Militärsprecher King ein. Ob es sich bei den feindlichen Kämpfern um eine Selbstmord-Einheit gehandelt hat, darüber wollte er nicht spekulieren. US-Generalstabschef Richard Myers hatte schon vor drei Wochen gesagt: "Hekmatjar könnte in Zukunft zum Problem werden."

Rund 8000 GIs sind weiter auf der Suche nach Taliban- und al-Qaida-Kämpfern: Der Job ist noch nicht zu Ende
AFP

Rund 8000 GIs sind weiter auf der Suche nach Taliban- und al-Qaida-Kämpfern: Der Job ist noch nicht zu Ende

Die militärische Schlagkraft der Amerikaner ist derzeit übermächtig. Doch Hekmatjar ist kampferprobt. Er war einer der brutalsten Gotteskrieger, welche die Sowjets nach zehnjähriger Besatzung (1979 bis 1989) aus dem Land bombten. Unterstützt wurden die Mudschaheddin damals von den USA und al-Qaida-Chef Osama Bin Laden, der seinerseits von der CIA mit Waffen beliefert wurde. Im anschließenden Bürgerkrieg legte Hekmatjar mit seinen Leuten Kabul in Schutt und Asche. Durch den Beschuss der Hauptstadt kamen etwa 50.000 Zivilisten ums Leben.

Nach dem Sturz des von den Sowjets gestützten Nadschibullah-Regimes gehörte Hekmatjar ab 1992 der neuen Regierung in Kabul an und wurde 1995 Premierminister. Nach der Machtübernahme der Taliban floh er 1996 in den Iran. Dort organisierte er den Widerstand gegen das Taliban-Regime. Als im Januar 2002 seine Hesb-i-Islami (Islamische Partei) im Iran verboten wurde, wurde der Sunnit aufgefordert, das schiitische Land zu verlassen.

Die CIA jagt Hekmatjar

Wo sich Hekmatjar seit der Ausweisung aus dem Iran genau aufhält, ist nicht klar. Die afghanische Nachrichtenagentur AIP meldete im Februar 2002, er halte sich im iranisch-afghanischen Grenzgebiet auf. Er operiert im Untergrund, denn die Kabuler Regierung will ihn verhaften und wegen der Beschießung Kabuls vor ein Kriegsverbrechertribunal stellen.

Von Anfang an versuchte Hekmatjar Karzais Interimsregierung zu stürzen. Im April 2002 wurden 300 mutmaßliche Putschisten festgenommen, darunter mehrere Verschwörer im Haus Wahidullah Sabauns, dem engen Verbündeten Hekmatjars und ehemals Militärchef der fundamentalistischen Hesb-i-Islami. Vermutlich steckt Hekmatjar hinter dem fehlgeschlagenen Mordanschlag auf Karzai vergangenen September. Er gilt auch als Drahtzieher für eine Autobombe, durch die in Kabul zwölf Menschen getötet wurden.

Die CIA ist Hekmatjar auf der Spur. Vergangenen Mai feuerten die Amerikaner aus einer ferngesteuerten "Predator"-Aufklärungsdrohne eine Anti-Panzer-Rakete vom Typ "Hellfire" auf einen Autokonvoi, in dem sich Hekmatjar befand. Er überlebte den Angriff. Vier Monate später rief der paschtunische Warlord zum Dschihad gegen die USA auf.

Bush rief Karzai an

US-Präsident George W. Bush ist sich der Gefahr, die von den Mudschaheddin ausgeht, offenbar bewusst. Noch am Dienstag, bevor er seine Rede zur Lage der Nation hielt, rief Bush Karzai an und versicherte ihm, dass die Vereinigten Staaten "den Kurs halten" werden.

"Kurs halten" bedeutet, weiterhin rund 8000 amerikanische Soldaten in Afghanistan stationiert zu haben und möglichst wirtschaftliche und politische Grundlagen für ein lebensfähiges Staatswesen zu schaffen. Genau dies hatte die CIA in einem Lagebericht gefordert: "Nation building", um die Sicherheit im Lande langfristig zu erhöhen.

Rückfall in die Taliban-Zeit: Ismail Khan
Lutz Klevemann

Rückfall in die Taliban-Zeit: Ismail Khan

Doch das Konzept des Aufbaus einer zivilen Gesellschaft ist gefährdet. In vielen Landesteilen herrscht das Recht der Warlords. In Herat im Westen Afghanistans etwa hat der erzkonservative Gouverneur Ismail Khan den Zugang von Mädchen und Frauen zur Bildung erschwert. Viele Regionalfürsten tun es ihm gleich.

Der neu um sich greifende Fundamentalismus und der laut Uno sprunghafte Anstieg des Opiumanbaus, ein neuer Boom im Waffenhandel und der schleppende Aufbau einer funktionierenden Regierungsarmee, all das spielt den Guerrillas in die Hände. Vor mehr als einem Jahr sagte Hekmatjar voller Optimismus: "Die Amerikaner sind in eine Falle geraten, so wie einst die Sowjets. Vielleicht noch schlimmer: Sie werden sich nach Vietnam zurücksehnen."



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