Afghanistan Aufstand gegen Taliban in Kandahar

Die Taliban unter Druck: Im Süden des Landes erheben sich die Stammesfürsten gegen die Gotteskrieger, einstige Verbündete laufen in Scharen über. Die Amerikaner wollen bei Bombenangriffen mehrere Anführer der Terror-Organisation al-Qaida getötet haben.


Die Kämpfer der Nordallianz eroberten in den vergangenen Tagen große Teile Afghanistans
AFP

Die Kämpfer der Nordallianz eroberten in den vergangenen Tagen große Teile Afghanistans

Washington/Kabul - Die Taliban verlieren zunehmend die Unterstützung in Afghanistan. Ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, Konteradmiral John Stufflebeem, sagte, mehr als 20 paschtunische Gruppen hätten sich gegen die Taliban erhoben. Ob sie in ihrem Aufstand vereint seien, sei nicht bekannt. Die Paschtunen stellten bislang die Basis der Taliban.

Derweil konzentrieren sich die Kämpfe zwischen den Taliban und ihren Gegnern auf die bisherige Taliban-Hochburg Kandahar. Ein Vertreter der US-Regierung sagte, die Stadt werde möglicherweise innerhalb der kommenden Tage unter die Kontrolle von Anti-Taliban-Kräften fallen. Viele Taliban-Kämpfer flöhen in die bergige Provinz Helmand, südwestlich von Kandahar.

Über die Lage in der Stadt selbst gibt es bisher nur widersprüchliche Berichte. Der Taliban-feindliche paschtunische Stammesführer Hamid Karzai berichtete in einem Interview mit Reuters, dass die Bevölkerung der Stadt gegen die Taliban revoltiere. "Die Leute haben sich erhoben", sagte Karzai in einem Gespräch per Satelliten-Telefon aus der Zentral-Provinz Uruzgan. "Die Menschen von Kandahar", so Karzai, "sind auf den Straßen. Die Taliban ziehen ihr schweres Gerät schon ab."

Dagegen sagte Bahkeet al Rahman Zaki, der Leiter des Zentral-Krankenhause von Kandahar in einem Telefongespräch mit dem arabischen Fernsehsender Al Dschasira, die Stadt stehe nach wie vor unter Kontrolle der Taliban.

Innerhalb von fünf Tagen ist der von den Taliban kontrollierte Teil Afghanistans von 90 auf etwa 20 Prozent zurückgegangen.

Al-Quaida-Terroristen bei Bombenangriff getroffen?

US-Bomber haben im Taliban-kontrollierten Teil Afghanistans angeblich ein Gebäude zerstört, in dem sich mehrere Anführer des Terrornetzwerks al-Qaida befanden. CNN berichtete am Donnerstag morgen, das US-Verteidigungsministerium wisse allerdings nicht, ob sich der Terroristenchef Osama Bin Laden in dem Haus aufhielt. Das Pentagon gehe aber davon aus, dass niemand in dem Gebäude den Angriff am Dienstag überlebt habe. Der genaue Ort des Angriffs wurde nicht genannt.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagte, US-Einheiten in Südafghanistan bereiteten sich darauf vor, die Verantwortlichen für die Anschläge vom 11. September in den USA zu finden. Elitesoldaten kontrollierten Straßen in den Norden. Die Suche verglich er mit der nach einer Nadel in einem Heuhaufen. Stufflebeem sagte, falls nötig, würden die USA einen Guerilla-Krieg gegen die Taliban und die Mitglieder der al-Qaida-Organisation Bin Ladens führen.

Uno-Plan für eine Übergangsregierung

Die Geschwindigkeit, mit der die Nordallianz vorrückt, hat Diplomaten in Zugzwang gebracht, möglichst schnell ein Konzept für die Zeit nach den Taliban vorzulegen. Der Weltsicherheitsrat stimmte einem Plan des Uno-Sonderbeauftragten für Afghanistan, Lakhdar Brahimi, zu, der eine zweijährige Übergangsregierung vorsieht. In der Regierung sollen alle Volksgruppen vertreten sein. Eine multinationale Truppe soll für ihre Sicherheit sorgen.

Am Freitag soll der US-Gesandte James Dobbins von Pakistan aus nach Kabul reisen. Dobbins hatte mit dem in Italien im Exil lebenden afghanischen Ex-König, Sahir Schah, über die Lage beraten. Dieser rief seine Landsleute zur Einheit auf und dazu, Leben und Besitz der Mitbürger zu schützen. Der 87-Jährige gilt als mögliche Integrationsfigur für eine Übergangsregierung.



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